| Isaak Babel (1894 -1941) |
Der Grusinier, der Kerenskirubel und die Generalstochter
(etwas Zeitgenössisches)
Zwei traurige Grusinier gehen ins Restaurant »Palmira«.
Der eine ist alt, der andere jung.
Der Junge heißt Owanes. Die Geschäfte gehen schlecht. Der Tee ist dünn. Der Junge betrachtet die russischen Frauen. Er hat Frauen gern.
Der Alte betrachtet das Orchestrion. Dem Alten ist traurig zumute, und es ist ihm warm.
Der Junge will das Terrain erkunden. Er hat es erkundet. Er zieht seine Volkstracht an und weiche, kaukasische Stiefel und bindet sich einen Krummsäbel um.
Der Horizont erhellt sich. Im Restaurant »Palmira« bietet man dem Jungen Rosinen und Mandeln an. Owanes kauft.
Eine Bekannte von ihm aus dem staatlichen Kontrollamt bereitet zu Hause »Gusinaki «. Die Ware wirft Profit ab.
Tage und Wochen vergehen.
Owanes betreibt auf der Machowstraße eine orientalische Konditorei. Owanes hat ein Geschäft auf dem Newskij-Prospekt. Der Knabe Petja, der bedient, paradiert in glänzenden neuen Galoschen. Vor den ihm bekannten Dienstmädchen verbeugt sich Owanes nicht, sondern begrüßt sie militärisch.
Dem Vorsitzenden der Hausgemeinschaft schenkt er zum Namenstag eine Schokoladentorte. Alle achten Owanes. Zu dieser Zeit wohnt in der Kirotschnaja - Straße General Orlow. Sein Nachbar ist der pensionierte Arztgehilfe Burischkin.
Als Orlows Tochter Galitschka von der Tertia in die Untersekunda überwechselte, küßte sie die Zarin, die dem Mädchenlyzeum einen Besuch abstattete, auf die Wange. Alle Verwandten und Bekannten waren überzeugt davon, daß Galitschka einen Eisenbahningenieur heiraten würde. Galitschka hat lange, schlanke Beine, die in enganliegenden hohen Schuhen aus Antilopenleder stecken.
Der Arztgehilfe Burischkin hat schon unter allen Regimen gedient. Burischkin wartet. Er trägt Watte in den Ohren und grobe Stiefel. Man kann ihm nicht beikommen.
Einmal findet man doch etwas gegen ihn. Burischkin wird gefeuert. Er hat viel Freizeit. Er spürt den Frühling, schreibt ein Gesuch. Er hat eine schöne Schrift.
Ein Blitz aus heiterem Himmel: Galitschka zieht zu Owanes.
Dem General fällt es schwer, mit Burischkin Freundschaft zu schließen. Es gibt wenig Lebensmittel. Der Magistrat gibt Trockenfisch aus. Mit der Tochter geht er nicht um.
Eines Morgens wacht der General auf und denkt: Lauter Weichlinge ! Nur die Bolschewiken sind richtige Männer! Kaum hat er das gedacht, schläft er wieder ein, zufrieden mit seinen Gedanken.
Galitschka sitzt bei Owanes an der Kasse. Ihre Freundinnen aus dem Mädchenlyzeum arbeiten bei ihr als Verkäuferinnen. Es geht sehr lustig zu. Kunden gibt es im Überfluß.
In der Konditorei geht es ebenso zu wie in der Konditorei von Abrikossow. Alle verachten die Kunden. Die Freundinnen heißen Lida und Schura. Schura ist sehr lustig, betrügt ihren Unterleutnant. Galitschka organisiert jeden Tag eine warme Mahlzeit zum Frühstück. Im Ernährungsministerium, wo sie früher gearbeitet hat, war es genau so: Alle Angestellten bekamen täglich eine warme Mahlzeit zum Frühstück, die sie gemeinsam bezahlten.
Der General denkt öfter nach. Der General versöhnt sich mit der Tochter. Der General ißt jeden Tag Schokolade. Galitschka ist zärtlich und ungewöhnlich schön. Owanes hat sich einen Nikolaj- Mantel gekauft. Der General wundert sich darüber, daß er sich nie für Grusinier interessiert hat. Der General studiert die Geschichte Grusiniens und der Kaukasischen Kriege. Burischkin ist vergessen. Der Magistrat gibt Trockenfisch aus. Die Pension wird in Kerenski - Rubeln bezahlt.
Es ist Frühling. Galitschka und ihr Vater fahren in einer Kalesche über den Newskij-Prospekt. Burischkin irrt umher und denkt darüber nach, was er essen soll. Es gibt kein Brot.
Burischkin entschließt sich, Gusinaki zu kaufen, um seinen Hunger zu stillen.
Die Konditorei von Owanes ist voller Leute. Der Arztgehilfe stellt sich an. Lida und Schura verachten ihn. Der General erzählt Owanes Anekdoten und lacht. Der Grusinier lächelt servil. Burischkin ist völlig bedeutungslos. Owanes will dem Arztgehilfen auf seinen Kerenski-Rubel nicht herausgeben. Dabei hat Owanes Kleingeld.
»Haben sie das Dekret über das Wechselgeld nicht gelesen?« fragt Burischkin.
»Ich spucke auf die Dekrete«, erwiderte der Grusinier. »Ich habe kein Kleingeld«, flüstert Burischkin.
»Wenn du kein Kleingeld hast, dann gib die Gusinaki zurück.«
»Willst du zur Roten Armee?«
»Ich spucke auf die Rote Armee! « »Aha!«
Burischkin geht zum Stab. Burischkin packt aus. Der Kommissar schickt fünfzig Mann aus.
Das Kommando besetzt die Konditorei. Schura fällt in Ohnmacht. Der blaß gewordene General rückt mit zitternder Hand würdig seinen Zwicker zurecht.
Hausdurchsuchung bei Owanes. Man findet: Weizen, Maismehl, Zucker, Stangengold, schwedische Kronen, Trockenei Marke »Ego«, Sohlenleder, Reisstärke, alte Münzen, Spielkarten und Parfum »Modern«. Alles ist aus.
0wanes sitzt. Nachts träumt er, es sei nichts geschehen; er sitze im Restaurant »Palmira« und betrachte die Frauen. Burischkin ist voll Energie. Er ist Zeuge. Galitschkas Abortus ist gut abgelaufen. Sie ist schwach und zart. Schuras Mann ist Instrukteur in der Roten Armee geworden. Er hat an irgendwelchen Kämpfen an der Inneren Front teilgenommen, faßt ein Pfund Brot täglich, ist sehr lustig; er ist mit einer Geschlechtskrankheit heimgekehrt. Schura läßt sich von einem teuren Arzt kurieren und nörgelt. Der Unterleutnant sagt, heutzutage seien alle krank. Der General lernt den Apotheker Leibsohn kennen. Der General ist schwach; er ist mager geworden. Der jüdische Unternehmungsgeist beginnt ihm zu gefallen.
Lida besucht Galitschka, die sich von ihrem Abortus nicht erholt hat. Sie ist häßlich geworden, arbeitet als Sekreterin im Smolny. Der Frühling wirkt stark auf sie. Sie sagt, eine Frau könne heute schwer Arbeit finden; die Eisenbahnen verkehren nicht, man könne nicht aufs Land hinausfahren.
Literaturangaben:Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44
Verlag Günther Neske (Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann)
1977