Isaak Babel (1894-1941) |
Eine seltsame Institution
Niemand hat sich in der Periode der »Sozialen Revolution« mit größerem Elan wohltätigen Zwecken verschrieben als das Fürsorgekommissariat.
Seine Projekte waren voll Kühnheit. Es waren ihm Aufgaben gestellt worden, wie man sich wichtigere kaum vorstellen kann: auf schnellstem Weg die Seelen umzukrempeln, das Reich der Liebe auszurufen, die Bürger auf ein Leben in stolzer Freiheit und Gemeinsamkeit vorzubereiten.
Und das Fürsorgekommissariat ging schnurstracks auf sein Ziel los.
Zu seinen Institutionen gehörte auch eine, der man einen recht komplizierten Namen gegeben hatte: »Heim für gemeingefährliche minderjährige Rechtsbrecher«.
Natürlich sollten diese Heime nach den neuesten Erkenntnissen der Psychologie und Pädagogik, mit anderen Worten, nach funkelnagelneuen Prinzipien eingerichtet werden.
Und so ging das Fürsorgekommissariat ans Werk.
Zunächst ernannte man die Heimleiter.
Einer davon war ein Arzt aus Murmansk, den kein Mensch kannte.
In einem anderen Heim war es ein kleiner Eisenbahnbeamter, ebenfalls aus Murmansk. Jetzt steht dieser Sozialreformer vor Gericht.
Die Anklage beschuldigt ihn, weibliche Zöglinge geschlechtlich mißbraucht und die Gelder der freien Kommune mit vollen Händen ausgegeben zu haben. Nun beschäftigt er sich damit, komplizierte Eingaben zu schreiben; die Gesuche dieses »Direktors« wimmeln von Fehlern und sind im Stil eines Gefängniswärters geschrieben.
Er beschwört, »der heiligen Sache des Volkes mit Leib und Seele ergeben« zu sein und behauptet, er sei von »Konterrevolutionären« denunziert worden.
Das Fürsorgekommissariat hatte ihn angestellt, weil er »politisch einwandfrei« war, Parteiaktivist und Belschewik. Mehr brauchte man offenbar nicht, um minderjährige Rechtsbrecher zu erziehen.
Die übrigen Erzieher waren: Eine Lettin, die irgendwo vier Schulklassen absolviert hat und deren Russisch miserabel ist. Ein ausgedienter Ballettänzer, der in der klassischen Schule groß geworden ist und dreißig Bühnenjahre hinter sich hat.
Ein abgerüsteter Rotarmist, der früher einmal Verkäufer in einem Teegeschäft war.
Ein Kontorist aus Murmansk, völlig ungebildet. Eine Stenotypistin aus Murmansk.
Ferner passen noch fünf Onkel (eine neue kommunistische Wortprägung!) auf die Fürsorgezöglinge auf.
In einem Bericht über ihre Tätigkeit heißt es:
»Einen Tag machen sie Dienst, einen Tag schlafen sie, einen Tag erholen sie sich und im übrigen tun sie was ihnen gefällt. Zum Aufräumen und Aufwaschen requirieren sie jeden, der ihnen gerade vor Augen kommt. «
Zu erwähnen ist noch, daß in einem der Heime auf vierzig Kinder dreiundzwanzig Angestellte kommen.
In einem Revisionsbericht wird die Buchhaltung dieser Angestellten und jetzt Angeklagten folgendermaßen beschrieben:
Kaum eine Rechnung ist unterschrieben. Es ist aus den Rechnungen nicht zu ersehen, wofür der betreffende Betrag ausgegeben worden ist, auch fehlen die Unterschriften der Empfänger.
Aus der Aufstellung geht nicht hervor, für welchen Zeitraum die Angestellten ihre Gehälter bezogen haben.
Allein in einem Monat (Januar dieses Jahres) verrechnete ein untergeordneter Angestellter 455 Rubel an Reisespesen.
Betritt man eins dieser famosen Heime, stellt sich folgendes heraus:
Die Kinder werden nicht unterrichtet, sechzig Prozent von ihnen können weder lesen noch schreiben. Sie bekommen aber auch keine Arbeit. Die Mahlzeiten bestehen aus Wassersuppe und Heringen. Das ganze Haus stinkt, denn die Kanalisationsrohre sind defekt. Es hat unter den Zöglingen zehn Typhusfälle gegeben, dennoch wurde das Haus nicht desinfiziert.
Krank sind übrigens die meisten. Eines Abends um elf Uhr wurde ein Knabe mit einem erfrorenen Bein eingeliefert. Man ließ ihn bis zum nächsten Morgen am Gang liegen, niemand kümmerte sich um ihn. Immer wieder kommt es zu Fluchtversuchen, deshalb werden den Kindern abends die Kleider weggenommen und weggesperrt. Nachts müssen sie nackt auf die nassen Aborte gehen.
Was ist aus all dem zu schließen?
Die Heime des Fürsorgekommissariats sind stinkende Löcher.
So sahen im vergangenen Jahrhundert, vor der Reform, die Korrektionsanstalten aus. Die Direktoren und die Erzieher sind reaktionäres Pack, das sich um des eigenen Vorteils willen die »heilige Sache des Volkes« zu eigen gemacht hat.
Diese Leute haben mit Fürsorge überhaupt nichts zu tun.
Die meisten haben nicht die geringste Ausbildung genossen. Wer hatte das Recht, sie in den Dienst der Arbeiter- und Bauernmacht zu stellen? Das weiß niemand. All das habe ich gesehen: die bloßfüßigen und verstockten Kinder, die kriminellen Erzieher, deren aufgequollene Gesichter voll Pickel sind, die schadhaften Kanalisationsrohre. Mit nichts läßt sich unsere Armut, unsere Armseligkeit vergleichen.
Literaturangaben:Isaak Babel Petersburg 1918 Opuskula Band 44
Verlag Günther Neske (Aus dem Russischen übersetzt von Milo Dor und Reinhard Federmann)
1977