Mein Name ist Robert Braun
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Ich bin ein Genie
Das Jahr 2000
Samstag, 22. Januar 2000
Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und leere eine Dose
Beck`s Bier. Das ist die erste heute und wird es warscheinlich
auch bleiben...
Heute debatierte ich mit Sophie über die Spendenaffäre der CDU.
Millionen Spendengelder wurden von CDU-spitzenpolitikern
auf schweizer Konten gelenkt, ohne in den Parteibüchern
als Spende verzeichnet zu werden.
Sophie fragt mich, warum diese Männer nicht ins Gefängnis müssen.
Ich lächle sie an. Denn wenn ich ehrlich bin, ist mir das
auch völlig unverständlich...
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Die Stimme der Vernunft
Donnerstag, 24. Februar 2000
Heute Vormittag war ich im Ltur-reisebüro,
gegenüber der Berliner Gedächniskirche und buchte eine Woche
Erholungsurlaub. Ohne meine Tochter und ohne
meine Freundin werde ich vom 27. Februar bis zum 05. März
eine Woche nach FUERTEVENTURA fliegen. Dort gibt es, nahe
dem ehemaligen Fischerdorf CORRALEJO eine Urlaubsanlage
Namens: Appartements PLAYA PARK. Und dort wartet ein guter Drink
und ein gefälliger Sonnenuntergang auf mich...
Freitag, 10. März 2000
Man kann sie fast sehen vom unteren Zipfel der marokkanischen Küste.
Die kanarischen Inseln. Und auf einer dieser Inseln verbrachte
ich eine geschlagene Woche der Einöde. Auf Fuerteventura.
Die ersten drei Tage erkundete ich die Insel. Ich sah
längst erloschene Vulkane, bildschöne Dünenstrände und studierte
für Stunden den Wuchs, das Erblühen und das Vertrockenen der
Aole Vera Pflanze. Die restliche Zeit verbrachte ich mit
Sonnenbädern und dem Betrachten der Abendsonne bei spanischem
Rotwein. ...Fuerteventura, das Sanatorium der Kanarischen Inseln.
Montag, 20. März 2000
Ich habe Marlene gesehen. Fast genau 30 Minuten, nachdem ich Georg
durch das Fenster der Spielhalle am Kurfürstendamm in dunklem
Anzug und strahlend weißem Hemdkragen Komputertennis spielen sah.
Nicht sie selbst, aber den nach ihr benannten Kinofilm.
In den letzten zehn Jahren sah ich schon einiges an Filmen aber
noch nie solchen Dreck. Für gut 10 Millionen bekam der Zuschauer
schlechte Kulissen, miserable Ausstattung und eine verfälschte
Biographie der Marlene Dietrich.
Reine Geldverschwendung...
Sonntag, 26. März 2000
Gleich beginnt die Formel1-übertragung aus Brasilien des
Fernsehsenders RTL. Dann werden sich Michael Schumacher in Ferrari
und Mika Hakinnen in Mercedes wieder einen Rennbahnkampf liefern.
Dies ist das zweite Rennen in diesem Jahr und ich freue mich darauf..
darauf das hoffentlich ein Deutscher Fahrer auf dem obersten
Treppchen steht und Millionen Deutschen glücklich den
Siegerpokal entgegen streckt.
Bis jetzt hatte ich einen gefälligen Tag hinter mir.
Morgends im Sportstudio trainiert und mit anderen Sportsüchtigen
über den Verkauf des MANUELS SPORTSTUDIO`s an eine große
"Fitnesskette" debattiert und danach, meine Freundin hielt es
zuhause nicht mehr aus und ging mit meiner Tochter in den Zoo,
schaute ich mir den letzten Film von Stanley Kubrick auf Video an.
EYES WIDE SHUT heißt er und wurde von Warner Brothers produziert.
Entgegen all der mittelmäßigen Kritiken muß ich wie so oft sagen,
daß ich überzeugt davon bin, das es Kubrick selbst kurz vor seinem
Tod wieder einmal gelungen ist, den "Geist der Gesellschaft"
hervorragend wiederzuspiegeln. Es geht in diesem Film um Erotik,
Macht, Ehrlichkeit und Inspiration. Und das gefiel mir.
Genauso wie in seinen alten Werken (Uhrwerk Orange etc.),
die mein jugendliches Leben nicht unwesentlich beeinflußten.
Der Film zeigt kaum neues, zumindest nichts, was wir nicht alle
in den Großstädten schon einmal geträumt hätten. Sei es auch nur
unter der Dusche, in Sekundenträumen auf der Solariumbank oder
als wir neben einem Fremden liegend im Morgengrauen die Augen aufrissen
und im Aufwachen die Zimmerdecke anstarrten.
Emotionslos nehme ich meine Kaffeetasse und
öffne die Balkontür. Dann stehe ich im Nachmittagswind und
verspüre das gleiche Gefühl, wie beim Autofahren.
Ein Vorwärtsdrang, der bis ins Mark schleicht.
Dienstag, 04. April 2000
Bin heute früh aufgestanden. Seit drei Tagen leide ich wieder
unter diesem Schwindel. Mein Arzt sagt, ich hätte mir damals
durch Überlastung ein kleines Schleudertrauma eingefangen, daß
alle Jahre wieder kurz anschlägt. Das heißt, daß meine obersten
beiden Wirbelsäulenwirbel etwas gegeneinander verschoben sind.
Sie liegen nicht mehr genau übereinander.
Nun gut, wie dem auch sei.... heute ist es wieder einmal soweit
und ich kann schon das korkige Knistern hören, daß mit dem
Einführen der Anti-schwindel-spritze in die Knorpelschicht
zwischen den erwähnten Wirbeln klar zu vernehmen ist.
Hoffe nur, es ist den Aufwand wert.
Donnerstag, 06. April 2000
Am Wochende fliegt meine Freundin mit meiner Tochter zu ihren
Eltern.
Dann werde ich mich etwas entspannen, denke ich.
Formel 1 schauen, gut essen und Sauna.
Dann, ab 16.30 Uhr am Samstag, folgen Moet Chandon rose, Rotwein,
Whiskey, eine Leinwand 100x130, 8 Tuben Ölfarbe, ein dicker
Vorzeichenstift und entspannende Klassik.
Freitag, 07. April 2000
In der letzten Nacht,
so kam es mir vor,
als ich schlief,
flüsterte meine Stimme "Propaganda" aus dem Fernsehen.
Was ist das für eine kranke Welt in der wir leben?, denke ich
jetzt.
Ich verschließe die Ohren mit Erinnerungen, ersticke den Lärm
mit Schmerz.
Mittwoch, 12. April 2000
14.00 Uhr.
Ich sitze wieder mal am Rechner, trinke in großen
Schlucken Mineralwasser aus der 1,5 Literflasche und
habe mich soeben entschlossen (... da mich seit bestehen meiner
Seite bestimmt schon 30 Leser darauf ansprachen...) meine
gesammelten, privaten Erotiktexte auf einer Html-seite zu
veröffentlichen. Es handelt sich hierbei um Texte, die ich mir
mit netten Internetbekanntschaften sandte.
Oft sind es einfach nur Fantasien, die jedem von uns durch den
Kopf gehen...
... die wir aber niemals unseren Partnern mitteilen würden.
Mittwoch, 19. April 2000
Den Vormittag verbrachte ich mit meiner Tochter
im Berliner Zoo.
Sie begeistert das strahlende Rosa des
Flamingogefieders und die schwarz-weiße Zeichnung des
Bandabärenfells. Die Gehege der Flamingos und der Bären sind
nur wenige Meter von einander entfernt und so pendelten wir
bestimmt eine gute Stunde hin und her. Sie voran, ich hinterher.
Es war schön im Zoo, zumal wir mittlerweile um die 20 Grad
Celsius hier in der Hauptstadt haben. Schön sonnig und doch
nicht zu heiß. Das ist erträglich und weckt die Lebensgeister.
Ich hoffe nur das Wetter hält sich so über Ostern.
Auf dem Nachhauseweg ist sie in ihrem Kinderwagen
eingeschlafen.
Zuhaus angekommen bin ich, nachdem ich sie aus dem Wagen
hinausgehoben und in ihr Bett hinein gelegt hatte, für gut zwei
Stunden in die großen Suchmaschinen des Internet.
Als erstes startete ich einen "Linkcheck" um mal zu sehen,
wer alles einen Link zu meiner Homepage auf die seinige gesetzt
hat.
Vor gut einem Jahr funktionierte das prächtig.
Heute erhielt ich zwar 65 Treffer, wurde aber bei jeder
zweiten Angabe kläglich enttäuscht.
Schade eigentlich, daß sich bestimmte Dinge mit der Zeit
immer verschlechtern.
Man möchte meinen, daß man sich daran schon gewöhnt haben
sollte; aber so ist es nicht und .... na auch egal...
Wie dem auch sei.... Ich las und sah heute viele Seiten.
Fazit: Die einfachsten Seiten sind immer noch die
Schönsten und Anwenderfreundlichsten.
Nach Eingabe des Suchbegriffes "Genius" erfolgte ein geradezu
unerschöpfliche Aufreihung von Internetlinks verschiedenster
Anbieter. Die meisten der Seiten sind langweilig.
Als nächstes versuchte ich es mit "privates Tagebuch" als
Suchbegriff, wählte einige an und las.
Ich finde es schade, daß sich so viele Tagebuchschreiber
nach einigen Monaten wieder verabschieden.
Zumal es in unserer Welt immer noch an ausreichend
Milieustudie mangelt.
Dienstag, 25. April 2000
PKZip-Programmierer Katz gestorben
Phillip W. Katz, der Erfinder der weltweit bekannten Software
PKZip, ist im Alter von 37 Jahren überraschend gestorben. Wie erst jetzt bekannt wurde,
starb Katz bereits am 14. April an den Auswirkungen übermäßigen
Alkoholkonsums.
PKZip ist das am weitesten verbreitete Komprimierungswerkzeug auf dem
Computermarkt. In einem Interview von 1993 sagte Katz, die Idee zu seinem
Programm sei ihm 1986 am Küchentisch seiner Mutter gekommen. Er habe nie
vorgehabt, das Programm zu vermarkten. Aber die Popularität des Programms
wuchs unaufhaltsam, und so tragen heute fast alle im Internet zum Download
bereit gestellten Dateien das Kürzel ".zip". (mst/c't)
Freitag, 28. April 2000
Um 9.45 Uhr muß ich zur Massage.
Meine Wirbelsäule schmerzt
und so gehe ich derzeit 3 Mal die Woche in die
Berliner Praxis Mommsenstrasse 32.
Dort erwartet mich:
20 Minuten Fangopackung (zur Wärmung und Auflockerung der
Rückenmuskulatur),
35 Minuten Rückenmassage und Bandscheibendehnung
und 15 Minuten Geräteübungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur.
Das tut gut und man lebt schmerzfrei.
So geht mein heutiger Gruß an die "Physikalische Therapie und
Sportphysiotherapie".
Samstag, 29. April 2000
Heute möchte ich eine der unzähligen Kritiken
über meine Homepage, original kopiert, veröffentlichen.
Natürlich dem Autor, wie auch all den anderen Lesern Dank sagen.
Nicht viele Personen würden sich selbst als ein Genie
ansehen, im übrigen ich sehe mich selbst auch als ein Genie.
Jedenfalls war ich sehr interesiert, doch nachdem ich deine
Seite durchgeschaut hatte geriet
ich für einen Moment in wahre Euphorie dass es tatsächlich eine
Person gibt,
die so ne geniale Seite zu diesem Thema entworfen hat.
Das Tagebuch, das Video alles gnadenlos genial, mal ironisch,
mal sarkastisch,
alles aber mit Stil und Pep.
Deine Seite ist sowas von genial,das gibts ja gar nicht!
Es fehlen lediglich noch Links zu anderen genialen Seiten, wie z. Bsp.
der meinigen...
Naja so denn
MfG
Samstag, 06. Mai 2000
Heute war ein harter Tag. Viel Arbeit und auch sonst kein Ruhen.
So sitze ich jetzt am PC und blicke müde auf den Bildschirm,
während das eben in zwei Ansätzen getrunkene Beck`s Bier das
Bewußtsein für Sekunden trübt und meine Augenlider beschwert.
Ich lehne mich zurück, greife zur großen Kaffeetasse und trinke
dunklen, starken Kaffee.
Dann ziehe ich den Kerzenständer über den Tisch neben den
Bildschirm und zünde vier von sechs Kerzen an.
Ja, so ist es angenehmer.
Heute morgen fing alles damit an, daß mich das Klingeln
des Telefons aus dem Schlaf riß. Ich schreckte hoch,
ging rann und klärte Belangloses mit Hirnlosen
(.... früher fragten sie Mama, heute fragen sie mich...).
Sophie, meine Tochter wurde wach und der Morgen hatte mich...
.... mich in fünf Minuten von Null auf Hundert in das pralles
Leben gezogen. Gegen 8.00 Uhr bin ich dann im Büro angekommen
und bearbeitete Papiere "der Ablage" und die Monatsbuchhaltung
April. Nebenbei Telefonklingeln und Qualifikationsrennen
der Formel Eins in Barcelona auf dem mitgebrachten,
Batterie betriebenen, kleinen Sonyfernseher, der angewinkelt
an dem dicken Wahrig (Rechtschreibwerk) vor mir lag.
Ferrari-Pilot Micheal Schumacher startet beim Großen Preis
von Spanien am Sonntag, dem 07. Mai 2000, also morgen von
der Pole Position (beste Startposition). Neben ihm startet der
derzeitige Weltmeister Mika Häkkingen im Mercedes Silberpfeil.
3 Startpostion hat Ferraripilot R. Barrichello (Brasilien) und
4 Position D. Coulthard (Großbritannien) im zweiten Silberpfeil.
Mein Siegestip morgen um 14.00 Uhr wird wie gewohnt dem besten
Fahrer gelten. M. Schumacher.
Gegen Mittag gönnte ich mir ein belegtes Baguette mit Schinken,
Zwiebeln und Tomaten für DM 4,00 und fuhr nach Hause um mit
Freundin und Tochter ins Hallenbad zu fahren.
Meiner Tochter
zu liebe lag ich dann gut 20 Minuten im 38 Grad warmen
Kinderbecken und meinem Rücken zum Gefallen schwamm ich 20
Bahnen im Wettkampfbecken.
Nach gut anderthalb Stunden saß ich wieder im Büro und
kalkulierte Angebote an alte und neue Kunden, bis es dann
um ca. 19.00 Uhr Bratwurst mit Kartoffelsalat vom heimischen
Herd gab.
Jetzt sitze ich hier, schenke mir den ersten J&B Whisky
ein, höre im Schein des Kerzenlichtes klassische Musik und
lese zum zweiten Male, wie oben beschrieben schon etwas
benommen, den übersetzten
Kurzroman.
Mittwoch, 10. Mai 2000
17.00 Uhr. Ich sitze am Rechner und bestelle mir gerade das neue
Werk von Suze Orman unter www.boersenwelt.de. Während dessen läuft
in der rechten oberen Ecke meines Bildschirmes der Player
meiner TV-karte.
Auf SAT 1 senden "sie" gerade JEDER GEGEN JEDEN und ich erkenne
einen ehemaligen Freund, der wie zu erwarten war, die Sendung mit DM 5.000,00
als Tagessieger verläßt.
Natürlich nahm ich die Sendung auf und werde auch morgen um 17.00 Uhr
mitschneiden.
Dienstag, 16. Mai 2000
Gedanke:
"Nach einen Kampf ist alles im Leben leichter.
Danach wird man mit jeder Situation fertig.... Über Wochen...".
Das machte das Leben oftmals sehr, sehr einfach.
Man kann einen halben Liter Blut trinken, bevor einem
Schlecht wird. Jetzt erinnerte ich mich wieder daran.
Donnerstag, 18. Mai 2000
Letzten Donnerstag hatte ich das Vergnügen zu einer Lesung
in einem Berliner Cafe, namens "An einem Sonntag im August"
Beginn 21.30 Uhr, eingeladen worden zu sein.
Das gemütliche, in dem dortigen Kiez als InsiderTip bekannte
Cafe, befindet sich in der Kastanienstrasse, die an sonnigen
Tagen vor Menschen nur so platz; Nummer 103 im Stadtbezirk
Prenzlauer Berg.
Aufgrund mangelnder Parkplätze vorort, parkte ich meinen
Wagen drei Straßen vom Cafe entfernt und durchquerte eine
See von nimmermüden, aufgestylten "Understatement-Studenten",
wild herum gurkenden Querfeldein-Radfahrern und
weinseeligen Anwohnern, die sich lieber einen kühlen
Schlafdrink gönnten, als zuhause im Bett zu liegen und vor
Volksfeststimmungslärm nicht schlafen zu können.
Im Cafe angekommen, begrüße ich den Inhaber, der mich großzügig
zu einem Glas Rotwein einlud.
Dann nachdem ich mich an den
Tresen gesetzt hatte, begann die angekündigte Lesung, zwischen
Rauchschwaden und leichtem Linoleumgeruch.
Eine junge Frau sitzt unweit auf einem Lederhocker und ließt vor
ca. 60 Leuten aus Ihrem Internettagebuch vor. Innerhalb einer
Stunde höre ich 20 Mal F....., 10 Mal Schw.... und
30 Mal F...., während ich 3 weitere Rotweingläser leere.
Irgendwann höre ich ihr nicht mehr zu, starre durch die
Fenstescheibe zur Straße hinaus und beginne vor mich her
zu flüstern:
"Ich bin das kleine warme Zentrum, in der sich das Treiben
dieser Welt drängt.
In Eurer Lüge, spiegelt sich die meine.
Wenn man in einer anderen Welt aufwacht, in einer anderen Zeit,
kommen einen die Treffen mit Menschen wie portionierte
Zeithäppchen vor."
Hätte sie einen Tumor, würde sie ihn "Deutschland" nennen.
Wenn Menschen denken, daß Du stirbst hören sie Dir richtig zu.
Hier hört Dir kaum einer zu, obwohl Dein Mut, hier vor allen
Dein Tiefstinnerstes auszuschütten, eigentlich anerkannt werden
müßte.
In der ersten Pause verlasse ich das Cafe und fahre
nach Hause.
Freitag, 19. Mai 2000
Wir sind die Generation, die fast ausschließlich von Frauen
groß gezogen wurde.
Ich frage mich, ob die Frauen wohl die Antwort auf all unsere
Fragen sind.
Montag, 22. Mai 2000
Nach den heißen Sonnentagen und den dicken staubigen
Pollenwolken, einer explodierenden Großstadtvegetation ist ein
Dauerregen in Berlin, eine echte Erholung. Die ersten
warmen, sonnigen Tage sind in einer Großstadt kaum zu ertragen.
An jeder Straßenkreuzung stehen die Autoabgasnebel, gut
sichtbar, in Hüfthöhe still und schimmern dunkel violett.
Dann, wenn die Bäume und Sträucher das ihrige (Pollen etc.)
in den Wind werfen, steht
die Zeit in den Augen und Rachenräumen der Allergiker still.
Seid neuestem gibt es dagegen ein Mittel, daß wirklich hilft und
das ich hier (ohne Eigennutz) empfehle.
Ein Gel, namens IMMERFIT POLLENSCHUTZCREME für knapp DM 20,00,
dass man sich per Wattestäbchen in die Nasenräume schmiert.
Wirklich testenswert!
Donnerstag, 25. Mai 2000
Wie man in der Freizeit als Mann am besten Aggressionen abbaut,
wird unter der Regie von David Fincher
im neuen Film FIGHT CLUB
eindrucksvoll gezeigt.
Und verstoße diese Form des Agressionsabbaus nicht den deutschen
Gesetzen, würde ich selbst einen eigenen Club dieser Art
gründen. Denn wie schon der hierzulande (noch) unbekannte
Schriftsteller Chuck Palahniuk schrieb:
"Im Grunde genommen sind wir animalische Wesen, die vergessen
haben, wie sehr wir es genießen, dies zu sein".
Donnerstag, 01. Juni 2000
Es gibt wenig künstliches, daß ich für schön erachte.
Umso mehr freue ich mich über das Vatertagsgeschenk meiner nun
20 Monate alten Tochter.
-Ausgesucht und erworben hat es natürlich meine wunderbare
Freundin.-
Nun steht "es" 22 cm links, neben dem Bildschirm und ich blicke
unwillkürlich in ein grelles, klares Licht, das nicht nur meinen
Ahorntisch romantisch erhellt.
Geschichte:
1924 fing Wilhelm Wagenfeld erstmals, nach gerade bestandener
Gesellenprüfung zum Silberschmied, an, sich mit dem Entwurf
einer sehr einfachen Metallampe zu beschäftigten. Dies geschah
im Auftrag eines Ungarn in Weimar, der unter anderem Meister der
dortigen Metallwerkstatt am Bauhaus war.
Schlaflose Nächte bereitete ihm der Entwurf. Bis eines Nachts,
nach langer plagender Arbeit am Zeichentisch, ihm die Lampe im
Traume erschien, hell wie ein Tagbild. Er erwachte sofort,
setzte sich bei Kerzenlicht an seinen Zeichentisch und fertigte
seine ersten Rohskizzen, die aber dann erst einmal in der
Schublade seines Tisches verschwanden.
Später, als Wagenfeld selber genug über rentablere und
konstruktiv zweckmäßigere Montagen durch einfachere und ebenso
sichere Schraubverbindungen wußte, hat er diese alten
Zeichnungen herausgenommen, und eine neue Werkzeichnung gemacht.
Nach dieser und der nach der originalen Zeichnung wird eine der,
nach meiner Meinung nach schönsten Tischlampen, heute
hergestellt.
Fuß, Säule Klarglas. Glühlampenfassung. Einfassung Metall
vernickelt. Stromkabel stoffummantelt. Kuppel Glas,
opalüberfagengen (Wg 24).
Ein wirkliches Schmuckstück, das mir den Alltag mehr als
erträglicher machen wird.
Donnerstag, 15. Juni 2000
Es ist schwer etwas zu sagen, wenn man eigentlich nichts
zu sagen hat.
Manches Mal ist Schweigen einfach "wirklich" Gold.
Und so
werde ich meinen heutigen Tagebuch kurz halten.
In Berlin goß es heute "Hunde und Katzen" nach den letzten
8 heißen Tagen.
So verbrachte ich den Vormittag mit meiner Tochter im
Aquarium und sitze nun, nach dem Zubettlegen ihrer, vor dem
Rechner und surfe stundenlang im Internet.
Wenig erbaulich aber immer noch besser als vor dem Fernseher
geistig zu verkümmern.
Samstag, 17. Juni 2000
Neuesten Schätzungen zufolge werden im Jahr 2025,
dann ist meine Tochter 27 und ich wahrscheinlich schon Opa,
nicht weniger als 114 Millionen Europäer Rentner sein -
immerhin ein Drittel der Gesamtbevölkerung.
Was man bis dahin nicht "beiseite" geschafft hat,
wird man auch nicht ausgeben können.
Denn Renten, wie wir sie heute kennen, wird es dann nicht mehr
geben -
trotz der deutschen "Schafsmentalität" immer artig in diesen
Traum zu investieren.
Die Zahl pflegebedürftiger Menschen in Deutschland hat bereits
die Marke von 800.000 überschritten.
In den nächsten vier Jahren rechnet man mit einem Anstieg
auf 1,25 Millionen -
und ich hoffe niemals zu ihnen zu gehören.
Sonntag, 25. Juni 2000
Heute ist wieder einer dieser feucht windigen Tage, die selten
auf heiße Sommertage um die 35 Grad Celsius, folgen.
Dann aber nichts Gutes bedeuten. Man wird von ihnen überrascht
und fragt sich bald, womit man diese in den Morgenstunden
ständig laufende Nase verdient hat.
Um 09.00 Uhr bin ich heute zum Sport, wie jeden Samstag und
Sonntag, um ungewollt mit "wildfremden" Frühaufsteher über die
schlechte Zahlungsmoral in Dt. zu reden.
Fazit: Vereinbare immer vor der Auftragserfüllung eine Anzahlung
in Höhe der Selbstkosten. Zahlungswilligen Unternehmen wird das
nichts ausmachen.
Erfolgt die Anzahlung nicht, komm auf keinen Fall auf die Idee
trotzdem zu leisten.
Ansonst ist bei uns Zuhaus die Hölle los. Verwandte aus Hamburg
sind zu Besuch und nächtigen seid Tagen auf eigenen Wunsch in
der Laube im Garten meiner Eltern.
Die ersten zwei Tage, tagsüber brüteten 35 Grad C., schliefen
sie bei bestimmt 40 Grad C. in der Enge der kleinen Gartenlaube
auf feuchtwarmen Liegen.
Als ich mich zu dieser Zeit nach Ihrem Wohlergehen erkundigte,
beteuerte man Abenteuerlust und Durchhaltewillen. Des weiteren
erzählten sie, wie abwechslungsreich es doch mal wieder sei,
sich mit dem Gartenschlauch eiskalt zu duschen.
Die Tage darauf goß es in Strömen und Schnupfenwetter stellte
sich ein. Trotzdem finden sie es klasse und verweigern
Pensionsunterbringung.
Die Eltern meiner Freundin trafen heute aus Frankfurt ein.
Kurzurlaub, wie sie sagen, um meine Tochter mal wieder zu sehen.
Auch hier, das leidige Unterbringungsproblem.
Erst wollten sie "privat" irgendwo unterkommen,
entschieden sich aber, nach Begutachtung der dortigen Toilette,
in eine Pension für DM 100,00 mit Etagentoilette, unterzukommen.
Weise Entscheidung, wie ich finde.
Mittwoch, 05. Juli 2000
Die letzte Woche war katastrophal.
Eigentlich sollte es mir ja schmeicheln, der
"Meistgefragteste Mann" in unserer großen Familie zu sein.
Aber es ist oft anstrengend, wenn alle in der Familie von einem
erwarten, sich den Kopf anderer Familienangehöriger zu
zerbrechen - weil man intelligent und besten Alters ist.
Nun gut, sei es drum. Nicht zu ändern.
Auf jeden Fall sind nun alle wieder in ihrem Domizil
- nach Hamburg, Frankfurt und sonst wo - und ich finde Zeit
zum Verschnaufen und starte den Tag mit einem Lächeln.
So kaufte ich mir heute morgen eine Tageszeitung und will, der
Entspannung halber, ein wenig kommentieren.
Vor gut einer Woche setzte man die "Kampfhundverordnung" in
Kraft, in der für vier Rassen die Tötung und für gewichtige
und große Hunderassen der Leinen- und Maulkorbzwang verordnet
wird. Und das nicht nur in den "Mensch-ballungsgebieten" wie
Berlin, Hamburg, Frankfurt sondern "ausgedehnt".
Anstoß zu dieser längst überfälligen politischen Maßnahme gab
der Tod eines Hamburger Jungen, der den Bißwunden zweier
Kampfhunde erlag. Das selbst der "Herr" und das "Frauchin"
beider Hunde beim Eingriff von den eigenen Tieren gebissen
wurden, zeigt deutlich die Unfähigkeit mancher Hundebesitzer.
Die Ankündigung der Verordnung hat zufolge, daß all die eh schon
immer unfähigen Hundebesitzer (mit bedacht hier nicht
Hundeführer oder -freunde genannt) ihre betroffenen Hunde
herzlos meist in den Berliner Grünanlagen aussetzen.
Eine wirkliche Sauerei, wie ich finde. Denn die selben
"Tierfreunde" werden auf der nächsten Umweltdemo mit Sicherheit
in den ersten Reihen Fahnen schwenkend ihre Parolen grölen.
Menschen wie mir geht dieses Verhalten schon ganz schön nahe.
Zumal ich in meiner jugendlichen Abhandlung zur
"Sozialen Intelligenz" (... die Intelligenz in der Gemeinschaft
zu reagieren..) auch den Spruch
"Suchst Du einen Freund, kauf Dir nen Hund!"
(... eine traurige, aber reale Erkenntnis...) prägte.
Donnerstag, 06. Juli 2000
Mit knapp 3 Monaten meldete ich Sophie erstmals in einem
Kindergarten an.
Es war nicht einfach einen geeigneten zu finden. Einem, bei
dem man ein gutes Gefühl hat. Ein heller, sauberer,
unordentlicher Kindergarten der als Vereins geführt wird
und von normalen Eltern gegründet wurde. Mit erwachsenen ggf.
auch sportlichen, aber auf keinen Fall alten, übergewichtigen,
dronenhalften, Erziehern.
Als ich mich im Gespräch mit meiner Freundin vor gut eineinhalb
Jahren dafür entschied, 4 Stunden pro Tag zu arbeiten und
12 Stunden des Tages meiner Tochter zu widmen, erntete ich
im Umkreis Bemerkungen wie: "Na mal sehen, was aus dem
Experiment wird". Nun steht sie vor mir, unsere Tochter,
gesund, voller Inspirationen und wohl erzogen, sodaß gestern
nach Begutachtung durch den Erzieherkreis unseres
Wunschkindergartens wir das Angebot zur Aufnahme erhielten.
Braun sagt:
"Spielt nicht mit den Herzen und der Zukunft Eurer
Kinder. Übernehmt Verantwortung."
Und allen Männern sei zusätzlich gesagt:
"Ein Mann sollte eine so verantwortungsvolle Aufgabe wie das
Leben (u.a. die Erziehung) seines Kindes nicht allein
seiner Frau überlassen.
Seid Männer.
- Blähen, saufen und labern kann jeder.... - ".
Freitag, 07. Juli 2000
"Freitag ab eins, macht jeder seins", las ich vor Wochen
im Vorübergehen an einer Bürotür in unserem Bezirksamt.
Bei mir ist das anders und so saß ich heute bis 15.10 Uhr
am abzuarbeitendem Wochenpensum.
Nun, da meine Tochter noch gemütlich in Ihrem Bett liegt
und sich einen weiteren Traum gönnt, schalte ich den Fernseher
ein und lande in einer dieser Nachmittagstalkshow`s in der arme,
oftmals gepiercte oder tätowierte Seelen öffentlich ihr
"Tiefstinnerstes" ausschütten.
Schmunzelnd lehne ich mich zurück und schaue mir an,
wie über Betrug und Untreue geplaudert wird - irgendwie froh,
daß es solche Sendungen nicht schon vor 14 Jahren gab.
Denn ich bin mir sicher, dann ebenfalls von Andreas Türck
in seine Talksshow eingeladen worden zu sein, damit Angela
und Antje ihre "Rache" hätten nehmen können.
Die Geschichte
zweier ungleicher Freundinnen, die sich zur selben Zeit,
im nachhinein für mich völlig unerklärlich, in einen genialen,
romantischen jungen Mann verliebten. Dann, im Reiz der
Begierde, ihre Freundschaft riskierten. Und sich, von ihm
scheinbar abgelehnt, im einträchtigen
Haß gegen den Geliebten wieder versöhnten. Geradezu
melodramatisch, führe ich mir die wenigen Fragmente
meiner Erinnerung dieser Zeit vor Augen. Es ist schön,
wie schnell sich doch die Interessen ändern und nach Jahren,
sich die "Bilder" schönen.
Wie jedes Jahr im Juli strömen Tausende von Menschen nach
Berlin: Einige färben sich die Haare grün, die Polizisten
schauen fröhlich und etwas unbeholfen, Straßen werden gesperrt,
die Lehrer rauchen vor den Schülern auf den Schulhöfen
und plaudern darüber, daß sie früher auch mal Partys gefeiert
haben.
Denn es ist Love Parade, Berlins unverständlichstes und
kommerziellstes Geschenk an die Welt.
1998 hieß die Parade "One World One Future",
1999 "The Music is the Key" und in
2000: "One World One Love Parade".
Und irgendwie macht dieses Motto wieder keinen Sinn und ich
werde mir den Besuch sparen.
Es ist schon seltsam, Jugendliche zu einem Rhythmus hoppeln zu
sehen, der in seiner Entstehung unter Musikwissenschaftlern als
Faschistisch eingestuft wurde. Die Fans aber haben natürlich gar
nichts gemerkt.
Sobald "Englisches" ertönt, beginnen sie gleich, rhythmisch zu
zappeln, und lassen sich widerspruchslos den abwegigsten Mist
vordröhnen. Käme ausnahmsweise mal was "Deutsches", würde dem
Rhythmus bzw. der Musik überhaupt keine Aufmerksamkeit mehr
geschenkt. Sofort hört das Zucken auf und Skepsis aufgeboten
-schließlich gilt es als provinziell, sich seiner Muttersprache
zu bedienen - jede Wendung wird mit Argus-Ohren verfolgt, und
nur weltanschaulich völlig Koscheres d.h. Sozialdemokratisches
oder aber ganz und gar Heruntergekommenes darf ungeschoren
passieren.
Samstag, 08. Juli 2000
"Um 14.00 Uhr startet die 12 Love Parade", erzählte heute ein
junger Mann an der Obstbar des Sportstudios. Währenddessen
kippte er ex seine 0,4 L. Apfelsaftschorle weg.
Ansonst begann der Tag und das Samstagstraining wie gewohnt und
man redete in den Verschnaufpausen über Autos, Ausstellungen
in Berlin und Tagespolitisches.
Nach dem Training gegen 12.00 Uhr überquerte ich auf dem
Nachhauseweg die Kreuzung des Adenauer Platzes als mir zwei
Frauen entgegen kamen.
Beide so um die 30. Die eine im weiß-schwarzen Kuhkostüm und
Cowboyhut, während die andere, etwas größere der beiden, im
schwarzen Lycrakleidchen kaugummikauend große Blasen pustete
und in der rechten Hand einen Tampon durch die Luft wirbelte.
Ich hatte schon immer Glück, trefferfrei Wurfgeschoßzonen zu
passieren und so lief ich unbehelligt weiter; begleitet vom
unüberhörbaren Brummen der am Himmel fliegenden Polizei-,
Presse- und Verkehrshubschrauber.
Jetzt sitze ich vor meinem Rechner, trinke gemütlich Kaffee
und Apfelsaft, während aus der Küche der Duft von geschmorten
Rinderrouladen durch die Räume unserer Wohnung zieht.
Sonntag, 16. Juli 2000
Es ist 05.46 Uhr und ich bin gerade aus einem zauberhaften Traum
erwacht.
Das besondere an diesem Traum war, daß ich mich im nachhinein
an ihn erinnern kann, was all zu selten vorkommt. Ich habe das
Gefühl, daß meine Aura die ganze Traumzeit hindurch den Raum
erhellte.
Nun zum Traum:
Ich befand mich auf einem Weingut in der Toskana. Es war früher
Herbst. Die Luft noch angenehm warm und die Tage verkürzten sich.
Ich saß an einem langen braunen Eichentisch mit einer großen
Familie. Vater, im Traum nur Schattenhaft erkennbar, Mutter,
Sohn und gewiß 5 oder 6 Töchter. Eine ähnelte einer jungen
Mutter vom Lieblingsspielplatz meiner Tochter, eine andere einer
unserer Hostessen, die uns oftmals bei unserer Arbeit
unterstützt.
Der Tisch ist reichlich gedeckt. Für einen Augenblick schaue
ich von oben herab auf die Tischgemeinschaft. Sehe mich und
alle anderen den Wildschweingang mit den Händen verspeisen.
Mit halb gefüllten Mündern beginnt die Gemeinschaft zu plaudern.
Alle behaupten von mir, jedes Wort das ich sage ist automatisch
ein Versprechen und blicken mich ehrerbietend an.
Dann erwachte ich.
Dienstag, 18. Juli 2000
Ich habe mir viel Zeit gelassen und mir unendliche Mengen an
Verbalmüll und Literaturschrott angetan, bis ich mich entschloss
meine Losung für die nun angebrochene Zeit festzulegen.
Waren es in den letzten 15 Jahren noch Schlagworte wie
Auseinandersetzung, Wiederaufbau, Innovation, ist meines
Erachtens das Zauberwort des anfänglichen Jahrtausends Mut.
Mut, sich zu den eigenen Gedanken und Taten zu bekennen,
egal welche Auswirkungen es hat.
Ich kann mich noch gut erinnern, wieviel Mut ich aufbringen
mußte, um Rückschläge zu bewältigen und Hindernisse in der
Vergangenheit zu überwinden - unerwartete Reaktionen von
Geschäftspartnern oder Arbeitgebern, die Krankheiten naher
Verwandter, zerschmetternde Zurückweisungen durch jemanden,
den ich liebte. An das Gefühl, morgens mit der Übelkeit
im Magen aufzuwachen, einem Schmerz, der mich den ganzen Tag
begleitete, und mich fragen ließ, wie ich damit fertig werden
sollte. Doch ich habe es geschafft und das nicht nur,
weil "Zeit alle Wunden heilt".
Und was war der Grund dafür? Mein Mut!
Mut, ein Mangelgut in unserer Zeit. Fast vergessen und vor
Jahren, so scheint es, in die Ablage der Deutschen Gehirne
gelegt.
Dienstag, 25. Juli 2000
Schloß, Reinharz
Kartengruß
Sitze als einziger Besucher des Schloßparkes auf Mauer am See
auf der sich auch zwei Käfer niedergelassen haben. Schaue ihnen
beim kopulieren zu. Die Sonne scheint. Der Wind streicht
durch die Wipfel. Eben fällt ein Blatt ins Wasser.
Plötzlich vier alte Menschen ("Ja, schön?"). Ja!
Es ist wirklich schön hier. Heute mittag waren wir Brombeeren
sammeln.
Bis dann
Donnerstag, 27. Juli 2000
Es ist was ganz tolles, wenn man erkennt, daß man immer noch
die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu beeindrucken.
Da fragt man sich doch, ob man sonst noch was drauf hat, was
man vergessen hat.
So sitze ich nun Mittags bei einer Tasse Kaffee auf dem Balkon,
blicke über die Dächer Berlins, lehne mich tief durchatmend
zurück, wandle in meinem Gedächnispalast und sehe Zukunft und
Vergangenheit, Realität und Poesie zusammenschmelzen.
Dienstag, 01. August 2000
Meine Tochter schläft und ich setze mich an den Rechner, um mit
der Arbeit zu beginnen.
Zwei Rechner und vier Programme starte ich gewöhnlich. Der eine
Rechner dient als sogenannte "Firewall", um mir all die
Plagegeister des Mediums Internet vom Halse zu halten, und der
andere rein der Homepageerhaltung.
Kaum bin ich also im Internet, so beginnt der "Ich krieg Euch
alle - Firewall" Rechner seine Arbeit und zeigt
mir Hack-angriffe an.
Mich langweilen diese Anzeigen. Habe ich doch einiges für
Sicherheit ausgegeben und die Firma Entrust Technologies Inc.
bereichert.
Heute signalisierte der Firewallserver viertelstündlich
einen Angriff von "Babyhackern" auf das System. Und so möchte
ich meinen Lesern gerne mal einen Einblick gewähren, zumal
jetzt anscheinend auch die Uni Münster ihren Studenten diese
Nebenbeschäftigung gestattet.
Attacke, Hacker ID
SubSeven port probe, RAS32-160.UNI-MUENSTER.DE
IP fragment overlap, AC83F196.ipt.aol.com
IP fragment overlap, soo-tcs1-port67.vianet.on.ca
UDP trojan horse probe, brln-3e36e35a.pool.mediaWays.net
UDP port probe, user-2initch.dialup.mindspring.com
TCP port probe, p3EE2F6EA.dip0.t-ipconnect.de
SubSeven port probe, pC19F36D8.dip0.t-ipconnect.de
SubSeven port probe, N4N8U9
SubSeven port probe, gtso-3e36a21c.pool.mediaWays.net
SubSeven port probe, C35D2B32.ipt.aol.com
SubSeven port probe, 40ECE785.ipt.aol.com
UDP trojan horse probe
SubSeven port probe, p3E9C1EB9.dip0.t-ipconnect.de
SubSeven port probe, odnb-3e36ba2c.pool.mediaWays.net
NetBus port probe, C35D397D.ipt.aol.com
Bei den meisten "Angriffen" wird versucht einen freien Port
(Eingang) in den Rechner zu finden, um dessen Daten (Inhalte)
lesen zu können. Weitere beschäftigen sich damit, nicht
aktivierte Viren in Form von Trojanischen Pferden zu finden und
diese in Gang zu setzen.
Und so weiter, und so weiter...
Mittwoch, 09. August 2000
Wie jedes Jahr zur Sommer- und Urlaubszeit füllen die deutsche
Presseblätter ihre Seiten mit einer Hetzkampagne. Als ich klein
war richteten sich die Kampagnen gegen die bösen Ost-Kommunisten
(...die hier keiner zu Gesicht bekam...), Umwelt verpestende
Großunternehmer oder rücksichtslose Ölkonzerne. Und als ich
dann älter wurde gegen unverantwortliche Lebensmittelfirmen,
Schlachtviehexporteure, weltweite Kriegstreiber, deutsche
Autofahrer, Handybesitzer oder Steuersünder (seien es auch Väter von Tennisspielern).
Natürlich gab es in der Vergangenheit auch Sommer an denen lediglich Fußball und die gnadenlose Hitze, die schon den Teer auf den Straßen erweichte, die Spalten füllte. Aber solche Themen bewegten bald niemanden mehr zum Kauf eines Tagesblattes und so mußten "bequeme" Feindbilder her.
Am Liebsten, so kommt es mir vor, wird über Gruppen, die es schon immer gab und gegen die "wirklich spürbar" niemand etwas unternehmen will, geschrieben.
Themen wie die Kampfhundverordnung, die mit allen Konsequenzen in knapp 20 Tagen nach kurzem Gedankenaustausch der Bundesländer beschlossen wurde, reichen keinen Sommer lang und erscheinen somit den Zeitungen als unrentabel.
Das Thema in diesem Sommer heißt: "Neonazistische Übergriffe".
Heute zum Beispiel lautet eine Überschrift in einer Tageszeitung:
Wir gegen rechte Gewalt.
Um den Artikel herum sind träumende Prominente abgebildet, die zur Zeit der Fotoaufnahme mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen sein müssen. Ich will sogar behaupten, dass mindestens zwei Drittel dieser dort abgelichteten Personen viel zu sehr mit ihrer eigenen kleinen Welt beschäftigt sind, um sich zu irgend einem alltäglichen Sozialthema auch nur mit einem Funken gesundem Menschenverstand äußern zu können.
Lediglich, wenn die Medien unten am Burgtor ihres Gedankenschlosses klopfen und ihre Sommerparole zu den Zinnen heraufrufen, blicken sie unbeholfen von dort herunter und rufen: "Was sagen Sie? Aber natürlich, wenn Sie das sagen! Natürlich, natürlich... "
und ziehen sich zurück.
In dem darunter befindlichen Artikel steht dann ausführlich (...das erinnert alles etwas an ein arabisches Internetforum zur Bekämpfung orientalischer Schädlinge..), wie man sich gegen, in diesem Sommer mal Rechte in Deutschland zu Wehr setzt.
Erst einmal soll man den entlarvten Rechten aus seinem Arbeitsverhältnis kündigen.
Das diese damit eine sinnvolle und vor allem tagfüllende Beschäftigung verlieren und somit immer mehr intellektuelles Potential auch tagsüber in den Treffs versammelt wird, interessiert nicht.
Und darüber hinaus möchte ich nicht wissen, wie schnell in internen Abteilungsleitergesprächen ungeliebte Mitarbeiter zu Rechten werden.
Der blanke Hohn und wer anders denkt, macht sich was vor!
Als zweites, und dann will ich diesen Eintrag auch schon, wegen Langeweile, beenden, fordert A. Merkel (CDU) öffentlich, daß alle Internetnutzer auffällige Rechte Seiten "offiziellen Stellen" melden. Ich bin davon überzeugt, das jeder Politiker, der eine solche Meinung vertritt, sich öffentlich aus seiner Verantwortung stiehlt. Ich dachte immer, dafür und für anderes erhielten sie ihr Geld - in jährlich "Hunderttausenden".
Als ob es nicht irgend eine Rechte Seite im Internet gäbe, die nicht schon mind. 10 Mal gemeldet worden wäre.
"Und warum gibt es sie noch?", frage ich.
Freitag, 11. August 2000
In meiner Lieblingsbar sitzend, trinke ich Mac Allen Whiskey. Dazu ein Glas Eiswasser. Wilde Jazzrhythmen tönen aus den Lautsprechern.
Ich sitze in der ledernen Sitzecke nahe der Eingangstür. Rechts von mir, am Nachbartisch, drei Frauen und ein Mann. Alle samt Studenten.
Lautstark tauschen sie Australienerfahrungen aus.
Dann nach ca. 15 Minuten Themenwechsel. Man lästert über Kommilitonen, die anscheinend ihr Studium vernachlässigen und sich wild "des Suffes und der Völlerei" hingeben.
Dann seufzt eine der Studentinnen und lehnt sich vor. Mit dem Kinn nah an die Tischkante.
Sie spielt mit den Spitzen ihrer braunen, glatten Haare.
Dann leckt sie ihre Lippen. Jugendlich und verwegen.
Der junge Mann am Tisch beobachtet sie, während er den Ellenbogen der jungen Frau rechts neben mir, zu massieren beginnt.
Alles schweigt.
Ich gehe kurz auf Toilette.
Wieder zurück und in meine Eckbank sinkend, bestelle ich ein Glas Wasser und einen weiteren Whiskey.
Platz genommen schlage ich, in der Hoffnung trotz Whiskey noch konzentriert lesen zu können, ein mitgebrachtes Steuermagazin auf.
Mein Nachbartisch nimmt erneut Kurs gen Diskussion und Plauderei. Ornella Muti ist neues Thema.
Schön sei sie, so ist man sich anscheinend einig, wegen ihrer Katzenaugen. Aber sonst... irgendwie dumm.
Mir reicht es jetzt und ich winke dem Barmann zum Bezahlen.
Er bringt Whiskey, Wasser und Rechnung. Ich bezahle.
- Denn draußen auf der Strasse erwartet mich ein lauer Sommerabend. -
Dienstag, 15. August 2000
Es gab Zeiten, da war ich der Überzeugung, daß es
unverantwortlich sei ein Kind in die Welt zu setzen.
Grund dafür war die politische Entwicklung und das
vorauszusehende ökologische Desaster unseres Landes.
Mit dem Alter änderte sich das.
Denn jedes Baby das geboren wird, ist für unser Land eine neue
Chance, besser zu werden.
Sonntag, 20. August 2000
In der Betrachtung Parteiangehöriger und anderer Personen des
öffentlichen Lebens gelangt der/die "einfache Mann/Frau"
unweigerlich zu folgender Erkenntnis:
Nur wer sich ändert, bleibt sich treu
- und im Umkehrschluß -
nur wer sich anpaßt, schleimt sich durch.
Dienstag, 22. August 2000
Im Fernsehen sagen sie, daß ein Sturmwind die Nordsee überfliegt und schuld
sei an den nächtlichen Gewittern über unserer Stadt.
Heute morgen, es muß wohl so gegen 05.00 Uhr in der Früh gewesen sein,
peitschte der Regen wild an unser Schlafzimmerfenster und ich erwachte. Ich
lag auf dem Rücken. Ein Bein angewinkelt und das andere gestreckt. Als ich
die Augen mumiengleich aufschlug und durch das Fenster in den taghellen
Nachthimmel blickte, sah ich Blitze aus dicken Wolken zucken.
Ich stand auf und ging zur Toilette. Dann, wenige Minuten später auf dem
Balkon. Die Balkontür zum Wohnzimmer schloß ich.
Es war wunderschön. Der Regen prasselte auf das Balkongeländer, Donner in
Serie von 3 bis 4 hörbaren Wolkenbrüchen in einer Minute. Grelle
Blitzlinien, die in Gruppen den Himmel für Sekunden mit der Erde verbanden, mich
blendeten, bis ich die Augen schloß und nur noch weiße Flecken unter meinen
Lidern sah.
Das sind die Augenblicke, die einen Großstadtmenschen noch einen Hauch von
Naturgewalt spüren lassen. Nicht bedrohlich, sondern unterhaltsam schön.
So stand ich bestimmt eine viertel Stunde auf dem Balkon, bis ich mich ins
Bad zum Abtrocknen begab.
Freitag, 25. August 2000
18.10 Uhr. Ich sitze in einem der blauen Korbstühle vor der
Eingangstür des GREEN DOOR,
meiner Lieblingsbar in der Winterfeldstraße und genieße neben
einem Mac Allen Whiskey die laue Abendluft.
Vor gut einer Stunde sprach mich der Zeitungsverkäufer von
unserer Ecke an. Er wollte wissen, was ich zu dem
Thema: "Freiheit des Andersdenkenden" zu sagen habe.
Jetzt denke ich über das Gespräch nach und muß lächeln.
Der Himmel verdunkelt sich immer mehr und ich blicke auf den
50 ziger Jahrebau auf der anderen Straßenseite.
Im Fernsehen zeigen sie heute um 20.00 Uhr "Der Pate II".
Den besten Teil der Reihe, mit De Niro und Al Pacino.
So werde
ich mir ein Weißbier einschenken und es mir an diesem Freitag
Abend vor dem Fernseher gemütlich machen. Und mal nicht an
Freundin, Tochter, Internet, Arbeit und Sex denken.
Samstag, 26. August 2000
Wir verbringen soviel Zeit damit etwas besitzen zu wollen,
daß wir für nichts anderes mehr Zeit haben
oder uns alles andere egal ist.
Mittwoch, 30. August 2000
Der Monat ist fast um und da meine Tochter Freitag ihren ersten
Tag im Kindergarten hat, nutze ich einen der letzten sonnigen
Sommermorgende, um mit ihr um 10.00 Uhr zu picknicken.
Wir sitzen auf einer Liegewiese unweit unseres Büros und essen
geschälte Birne, Banane, Milchhörnchen und Trauben. Dazu gibt
es Apfelsaft. Der Himmel und Sophie lachen und es ist schön,
schön auf der karierten Decke zu sitzen und den Vögeln beim
Segelflug zuzuschauen.
Solche Momente sollte es öfter geben.
Donnerstag, 31. August 2000
Heute morgen duschte ich nach langem mal wieder kalt.
Das letzte Mal tat ich dies im Urlaub vor zwei Jahren.
Ich besuchte damals Rom, an das ich mich nun
angenehm erinnere.
So stehe ich da und schaue mich fragend in den Spiegel:
"Hey Du! Was ich wissen will, wer dieser Mann ist, der meine
Kleider trägt und meinen Körper benutzt?
Ist er ständig da oder ist er nur da, wenn ich da bin?
Es gibt doch diese Test`s, mit denen man feststellen kann,
ob man schwanger ist.
So was müßte es auch geben um festzustellen, ob man noch bei
Verstand ist."
Sonntag, 03. September 2000
Vor gut 6 Wochen inserierten wir unseren VW zum Verkauf.
Es ist ein Van und er hat 7 Sitze.
An einem heißen Sonntagmittag vor ca. 4 Wochen verkauften
wir ihn dann zum gewünschten Preis (guter Durchschnittspreis)
an einen Mann aus Paderborn.
Ein
unhöflicher, überheblich grinsender Typ, den ich beinahe wieder
weggeschickt hätte, ginge es nicht ums Geschäft.
Er rief an, stand eine Stunde später vor der Haustür, widmete
dem Wagen einen kurzen Blick und drängte auf ein schnelles
Geschäft, nachdem er erkannte, daß langes "Preisgewimmer"
erfolglos bleiben würde.
So schlossen wir einen dieser
"Wie gesehen - so gekauft" - Gebrauchtwagenstandardverträge.
Ich erhielt Cash gegen Wagen.
14 Tage später erhielten wir dann einen Brief des Käufers mit
der Aufforderung ihm zwei zusätzliche Sitze, die verkauften
seien angeblich nicht verkehrssicher, innerhalb einer Frist von
einer Woche zu zusenden.
Selbstverständlich legten wir diesen Brief unbeantwortet
beiseite, denn wir übergaben ihm den Wagen in normalem,
korrektem Zustand.
Und der Ansprechpartner in
Sicherheitsfragen ist wohl eher die VW-AG und nicht
wir.
Nun erhielten wir doch tatsächlich am Freitag eine Rechnung von
einer VW-Vertragspartnerniederlassung aus Paderborn, deren
Geschäftsführer zufällig auch unser Van-käufer ist, über
DM 1.300,00 für neue Sitze.
Oh Gott, was für ein Idiot, der glaubt, irgend ein Mensch würde
eine solche Rechnung begleichen? Da könnte ja jeder in ein
Geschäft gehen, einen Staubsauger kaufen und sagen:
"Die Rechnung schicken Sie bitte an Herrn Meyer....,
der ist doof, ...der bezahlt."
Montag, 11. September 2000
www.texxas.de veröffentlicht derzeit einen Artikel über mein
Tagebuch.
Seit dem komme ich, vor Mails beantworten, nicht mehr zum
Tagebuch schreiben. Das ist nun schon der dritte Artikel über
meine Aufzeichnungen. Eine weitere Meinung von Hunderten - die
oft gut für mich ausfallen.
Am Mittwoch, dem 13. November 2000 bietet texxas dann noch
einen Chat zum Artikel. Gegen 19.00 Uhr werde ich anwesend
sein.
Sonntag, 17. September 2000
Mein Gott, war das eine Woche.
Zwischen jeder Menge Arbeit, am Mittwoch der Texxas-chat,
der weitestgehend so verlief, wie ich es mir vorstellte
und Do., Fr. und Sa. ohne Ende Freizeittrubel.
Aber, das sind andere kleine Geschichten, denen ich mich
in künftigen Einträgen widmen will.
Nun werde ich ersteinmal den Texxas-Artikel und den darauf
gefolgten Texxas-Chat als Link von meiner Hauptseite schreiben.
Mittwoch, 20. September 2000
Sophie meine Tochter (2 J. alt) hat sich gut im Kindergarten eingelebt. Nun, nach gut drei Wochen verbringt sie täglich 4 Stunden mit Frühstücken, Springen, Singen, Klettern, Mittagessen, Waschen und Zähneputzen.
Und sie genießt es.
Donnerstag, 21. September 2000
Es fällt mir nach wie vor schwer etwas zu sagen, wenn
ich eigentlich nichts zu sagen habe.
Das fiel mir ganz extrem
gestern Abend auf, als ich mich gegen 18.00 Uhr im Chatraum von www.texxas.de aufhielt und die Beiträge der anderen Teilnehmer dort las. Das Thema des moderierten Chats: www.melody.de - Die Patin aller Tagebuchschreiber heute live.
Dies ist der zweite Mittwochs-chat zum Thema Tagebuch im Internet.
Letzte Woche (13.09.2000) stellte ich mich den texxas-fans (quasi als Versuchskaninchen)
und litt einmal mehr unter der meilenweit, geistigen
Entfernung zu den Hirnen der chat-kiddies unserer Zeit.
Was soll man als erwachsener Tagebuchschreiber auch groß, in einem Kreise überwiegend jugendlicher Langweiler sagen,
die sich allabendlich in diesem chat zu Tratsch und Klatsch treffen
und über alles herfallen, was keine Drogentips aus jüngster Zeit zu bieten hat?
Da grüßen soziale Intelligenz (Tagebuchschreiber) soziale Mittelmäßigkeit (5 Monats-chatter).
Also beschränkt man sich auf` s Fragen beantworten und verliert viel zu schnell die eh schon geringe Lust am chatten.
Denn ein Tagebuchschreiber schreibt nun mal keine Geschichten.
Und die Meinung anderer ist ihm eh egal,
wenn er mal ehrlich ist......
Freitag, 22. September 2000
Täglich schaue ich mir ca. 1 Std. die Zusammenfassung der
Berichterstattungen zu den Olympischen Spielen in Australien an
und bin beeindruckt, zu welchen körperlichen Leistungen Menschen
fähig sein können.
Besonders Fechten, Judo und Schwimmen gefallen mir.
Sollte es eines Tages Olympia in Berlin geben, werde ich mir bestimmt 3 Eintrittskarten pro Woche gönnen. Ich denke, das sollte man sich einmal live ansehen.
Sonntag, 24. September 2000
10.08 Uhr. Ich sitze gerade an der butterfly - Maschine, mit Bleistift und Schreibunterlage, und atme tief durch.
Die Sonne steht tief und scheint die Dachfenster hinein, sodaß man den Staub in den Strahlen tanzen sieht.
Mein Puls pocht zum Rhythmus der Radiomusik im Hintergrund. Vor gut 10 Minuten lag ich auf einen dieser Hantelbänke, drückte 100 Kg Brust 6x.
Das ist persönlicher Rekord für mich.
Von nun an geht es nur noch bergab. Mehr werde ich wohl nie schaffen.
Meine Brust schmerzt noch ein wenig von der Kraftanstrengung. Ich liebe dieses Gefühl, denn es stärkt auch mental und macht aus dem ersten Sonntag in diesem Herbst, einen fühlbar sonnigen Tag.
Montag, 16. Oktober 2000
"Der ist nett. Der wird Dir gefallen", sagte meine Mutter und deutete mit dem Finger auf die CD-Hülle. Sie meinte damit die Hörbuchreihe Robert Walser, Der Spaziergang, die mir, eine halbe Stunde zuvor, der Verkäufer in der Buchhandlung so warm empfahl und die ich dann auch kaufte. Dann verschwand sie im Einkaufsladen.
Nun, eine gute Stunde später sitze ich breitbeinig und
zurückgelehnt in meinem Schreibtischstuhl und finde nach
14 Tagen erstmals wieder Muße ins Tagebuch zu schreiben.
Es ist einiges passiert in den letzten 20 Tagen. Michael Schumacher aus Kerpen ist Formel 1 Weltmeister (nun schon zum dritten Male), bereits im vorletzten Rennen der diesjährigen Session, diesmal mit Ferrari geworden. Wladimir Klitschko, ein in Hamburg lebender Ukrainer, hat mit dem einstimmigen Punktsieg über Titelverteidiger Chris Byrd (USA) gleich im ersten Anlauf den Weltmeistertitel der World Boxing Organization (WBO) im Schwergewicht erobert.
Im nahen Osten steht der Krieg zwischen Palästinenser und Israelis vor der Tür und ich habe, wie jeden Oktober, wenn die Aktienkurse in den Keller fallen, meinen Spekulationssommerschlaf beendet und fast zweitägig online am 2ten PC Aktien gekauft.
Tja und nun kann der Abend kommen. Dann werde ich Whiskey trinkend, mich bei Schreibtischlampenlicht zurücklehnen und hören, was Walser zu sagen hat.
Sonntag, 29. Oktober 2000
Meine Freundin ist zum zweiten Mal schwanger. In der zwölften Woche. Sophie ist nunmehr schon gut zwei Jahre alt - geht in den Kindergarten und entwickelt sich gut, sodaß ich mich schon jetzt auf den Nachwuchs freuen kann. Ob Junge oder Mädchen ist noch nicht erkennbar, trotz Ultraschallbild. So heißt es warten und die ständigen Übelkeitsbeteuerungen der Schwangeren ertragen.
Montag, 13. November 2000
Wenn einen die zweite Mail aus der "bloß anonym bleiben" Fanriege erreicht. Und der Aufruf: "Wir warten.... nicht abluschen.... Hoffe Du schreibst bald wieder!!!" zu lesen ist, ist es Zeit dem Ruf zu folgen.
Der diesjährige November übertrifft an Aufträgen bei weitem den der Vorjahre.
So sitze ich fast jeden Abend arbeitend am heimischen Rechner oder bin Vorort auf den Veranstaltungen dieser Stadt.
Und davon gibt es bekanntlich jede Menge in Berlin.
Gestern zum Beispiel, wurde der Dt. Literaturpreis verliehen. Obwohl ich es nicht für möglich hielt, saß ich dann gemütlich mit einem
aus dem Kreise der Literaten beim Kaffee und philosophierte:
...und nachdem die Erde sich aufgetan hatte und die stolzen Bauwerke zerschmettert waren, gab der Rest des Landes Berlin auf. Nur die Trotzigen, die Korrupten und Wahnsinnigen blieben an diesem Ort, der jetzt nur noch einen Namen trug...
NIEMANDSLAND.
Einen Tag zuvor saß ich ab 19.00 Uhr abends zuhause am PC,
meine Tochter schlief bereits und wartete "stand by" am Telefon, um die entstehenden Problemen auf der Verleihung des Gold. Lenkrades schnell per Ferndiagnose zu lösen.
Um mir die Zeit zu vertreiben spielte ich PC-Spiele. C&C2 ist ausgesprochen nett.
Dienstag, 21. November 2000
Gestern Morgen reichte man mir eine Eintrittskarte zu
"Die mystischen Kräfte der Shaolin" ins Bürozimmer.
So saß ich dann am Abend allein im ICC Saal 1, BLAU Eingang
E Reihe 5, Platz 1 und schaute mir den ersten von zwei Teilen
an, in denen Mönche KungFu vorstellten.
In der Pause saß ich
dann bei einem Glas Bier im Foyer und las entspannt die gratis
Berliner Morgenpost und Teile des Tagesspiegels, während all
die anderen Besucher sich nach dem dreifachen Gong den zweiten
Teil der Vorstellung ansahen.
Donnerstag, 23. November 2000
In den USA scheint der Streit um die Präsidentschaft kein Ende
zu nehmen. Sowohl der Demokrat Al Gore als auch der Republikaner George W. Bush hoffen zum neuen Präsidenten der USA gewählt worden zu sein. Aber irgend wie scheinen die Amerikaner keinen richtigen Weg zu finden die Wahlstimmen ordentlich auszuzählen.
Dass Menschen beim Wählen Fehler machten, ist ganz normal. "Die Frage ist, ob es sich hier um einen systematischen Fehler handelt - und danach sieht es aus." Nach dem Recht von Florida genüge es zudem zu zeigen, dass jemand anderes die Stimmen erhalten habe, als der eigentlich gewünschte Kandidat. Es sei nicht nötig, Wahlbetrug oder eine absichtliche Verwirrung nachzuweisen.
Die amerikanische Präsidentschaftswahl ist nicht mit der Wahl zum deutschen Bundeskanzler zu vergleichen. Zunächst einmal gibt es nur zwei große politische Parteien in den USA, die Demokraten (die Partei Präsident Clintons) und die Republikaner (George W. Bush). Die Parteien kommen nur alle vier Jahre zusammen, um ihr Wahlprogramm zu beraten und ihren jeweiligen Präsidentschaftskandidaten zu bestimmen.
Die Stimmung auf solchen Veranstaltungen gleicht der in einem Fußballstadion: Es geht laut und bunt zu. Der Ablauf ist gut durchorganisiert, Politiker-Ehefrauen und verdiente Ex-Präsidenten halten anfeuernde Reden, es gibt Musikerauftritte und kleine Filmeinspielungen. Man steuert stets auf den triumphalen Abschluss hin, bei dem der zuvor bestimmte Präsidentschaftskandidat seine Wahl annimmt. In diesem Jahr versammelten sich die Republikaner vom 31. Juli bis 3. August in Philadelphia und die Demokraten in Los Angeles vom 14. bis 18. August zu ihren jeweiligen "National Conventions".
Eine Wahlkampagne in den USA ist äußerst teuer. In diesem Jahr rechnete etwa die Republikanische Partei mit Kosten von 63 Millionen Dollar (über 134 Millionen Mark) allein für den Parteitag. Die Demokraten ließen sich die Veranstaltung in Los Angeles gut 52 Millionen Dollar kosten (über 111 Millionen Mark). Insgesamt kostete der Wahlkampf 2000 angeblich 3 bis 4 Milliarden Dollar. Vom Staat bekommen die Parteien "nur" etwa 13 Millionen Dollar Wahlkampfhilfe, der Rest muss über Spenden oder aus der Privatschatulle des Bewerbers hereinkommen.
Freitag, 01. Dezember 2000
Was die Zeitungen und sonstige Nachrichten heute hergaben:
Weltweit tragen bislang 36 Millionen Menschen das Aids-virus mit
sich. Allein 2 Millionen Menschen infizierten sich 2000
in Südafrika, wobei die rasanteste Zunahme an registrierten
Virusträgern erst neuestens in Rußland verzeichnet wurde.
BSE (Rinderwahn) infizierte Rinder sind seit drei Wochen
erneutes Jahresthema. Die Ansteckung erfolgt größtenteils
über an gesunde Tiere verfüttertes Rindermehl
(gewonnen aus der Kadavern alter, kranker, ausgesonderter
Tiere oder Tierresten). So ist man vernünftiger Weise mal
auf die Idee gekommen unseren Rindern endlich wieder das
zu fressen zu geben, was sie sich aus in freier Natur
gesucht hätten: Gras.
Der Republikaner George W. Bush ist am Sonntag zum dritten
Mal als Wahlsieger in Florida und damit indirekt als gewählter
43. Präsident der USA bestätigt worden. Diesmal war es
offiziell - doch der Gouverneur aus Texas bleibt ein
Präsident auf Widerruf. Die Schlacht der Anwälte um das
Weiße Haus geht weiter. 19 Tage nach der Wahl stehen die
Gerichte seinem hauchdünnen Sieg über den demokratischen
Vizepräsidenten Al Gore weiter im Weg.
Montag, 14. Dezember 2000
Der Republikaner George W. Bush wird neuer Präsident der USA.
Nach einem fünfwöchigen Streit um den Wahlsausgang nahm Bush
die Präsidentschaft in der Nacht an. Zuvor hatte der Demokrat
Al Gore aufgegeben und Bush zum Sieg gratuliert.
Haben sie es nun endlich geschafft, die Amis. Schmunzel
Dienstag, 15. Dezember 2000
Eben war der Freund einer unserer ehemaligen Praktikantinnen
in der Agentur.
Echauffiert stand er vor mir und jammerte, daß er im Auftrag
seiner Freundin ihrem Geld hinterher laufen müsse.
Ich erklärte ihm was vorfiel und schickte ihn dann wieder weg.
Ich frage mich, woher solche Typen die Frechheit nehmen mir
Geldschacherei vorzuwerfen, zumal die Praktikantin seit Beginn
ihrer Tätigkeit es unterließ, mir eine Kontonummer zur
Überweisung ihres Gehaltes zu nennen.
- So erhielt sie ihr Geld immer bar. Und nun nachdem sie
gekündigt hat, schickt sie regelmäßig ihren Freund
unangemeldet und ohne Empfangsvollmacht in meine Agentur
um ihren letzten Lohn einzustreichen. -
Desweiteren stellt sich die Frage, woher die Menschen das
Bild des Unternehmers haben, auf dem er ständig Tausende von
Deutschen Mark in der Brieftasche trägt.
Donnerstag, 21. Dezember 2000
Es ist Weihnachtszeit. Die Zwei-Meter-Nordmanntanne ist gekauft, aufgestellt
und geschmückt.
Die Aktienkurse steigen.
Draußen ist es bitterkalt und man hat
einmal mehr Grund, sich in sein Zimmer zurückzuziehen und bei guter Musik
und Mondenschein, einen Whiskey nach dem anderen zu trinken, um zu
vergessen.
Vor mir auf dem Tisch, neben der Wagenfeld-Lampe, steht eines dieser
Weihnachts-Kundengeschenke, die ich alljährlich erhalte.
Eine Flasche Billig-Sekt.
Halb leer, steht sie da und drängt, vollständig geleert zu werden.
Einem Drängen dem man gerne nachgibt, nachdem man bereits die erste Hälfte
trank.
So sitze ich hier im Kerzenlicht und stöbere in der Welt des Internets.
Und wünschte mir, ich säße jetzt unter Menschen in einer Bar…und könnte
mit "Menschen" reden…
Sonntag, 24. Dezember 2000
Frohe Weihnachten
Heute ist Heiligabend. Eben gerade, um 10:04 Uhr, hat es zu schneien
begonnen. So stehe ich für Minuten mit meiner zweijährigen Tochter auf dem
Arm am Fenster und schaue den ersten Flocken beim Fliegen zu.
Ich setze sie ab und gehe auf einen Drink in die Küche. Der Kaffee ist
gerade durch. Die Maschine zieht Luft und gluckert laut. Ich schalte sie aus und
gieße mir frischen Kubaner ein.
Das Telefon klingelt. Ich gehe in mein Zimmer, sehe meinen Rechner und
runzle die Stirn, wie als hätte ich Kopfweh vom Weihnachtsumtrunk. Es riecht nach
Kartoffeln.
Meine Tochter sitzt nun im Wohnzimmer und füttert ihr Weihnachtspräsent.
Baby
Born (Babypuppe) wird gewickelt, frisiert, angezogen, gewiegt, ins Bett
gelegt und zugedeckt. Die Puppe gab es von den Großeltern und das Bett von
den Eltern.
Ich habe mir zum Feste einen neuen Rasierer gekauft. Meine Freundin erhielt
zwei Taschen von Bernd Berger.
Am Telefon ist Viktor. Er wünscht ein gesundes Fest und will mich über die
Feiertage zum Bier treffen.
Ich vertröste ihn auf den Nachmittag. Muß mich erst einmal orientieren.
Der Boden in meinem Arbeitszimmer ist mit bestimmt 6 kg Kartoffeln bedeckt.
Viele weisen mehrere Löcher und Bohrungen auf. Andere sind zu Figuren
zusammengesteckt. Mit Schaschlikspießen. Näher betrachtet, sieht das aus wie
eine große, dahinziehende Saurierherde.
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