Mein Name ist Robert Braun

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Ich bin ein Genie


Das Jahr 2001

Samstag, 06. Januar 2001

Zu Sylvester arbeitete ich im Konzerthaus.
Das Übliche, wie schon in den vergangenen 2 Jahren zuvor.
Organisation und Durchführung. Und da wie immer alles klappte, bin ich gegen 23.10 Uhr im Taxi nach hause. Dort legte ich meine müden Frauen ins Bett und prostete zum Jahreswechsel dem hell erleuchteten, Berliner Raketenhimmel zu. Gegen 00.15 Uhr schaltete ich Klassische Musik ein und spielte bis 02.00 Uhr mit anderen im Internet Red Alert 2, ein Komputerspiel.


Sonntag, 07. Januar 2001

Wäre ich nicht so schlampig in der Grammatik, würde ich wahrscheinlich Romane oder Sachbücher schreiben und nicht dieses Tagebuch.
Letztens sagte mir jemand im Internetchat, dass ich nicht drum herum käme, eines Tages, in Begleitung meines Tagebuches, mein Genie zu beweisen.
Ich halte das für pure Zeitverschwendung. Denn hätte ich das nicht bereits, würde ich wohl kaum meine Startseite mit
"Ich bin ein Genie" titeln.


Donnerstag, 11. Januar 2001

HERABGESTIEGEN
Gestern Abend Fernsehen geschaut.
Die Macht der Medien ist schon erschreckend.
Das fällt einem besonders auf, wenn man schon lange nicht mehr länger als eine halbe Stunde vor dem Fernseher gesessen hat.
Da wird geballert und gelogen, was das Zeug hält.
Trivialkultur, in welchen Kanal man auch schaltet.
Selbst bei der BBC und den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland sieht man in den Abendnachrichten Gewalt, Leichen, Unfälle, Katastrophen.
Die können anscheinend nicht leben ohne aufregende Bilder.
Aber ihre Summe entspricht nicht der Wirklichkeit, denke ich.

Ein 12-Jähriger, der genauso viele Stunden vor dem Fernseher sitzt wie auf der Schulbank, kriegt im Laufe des Jahres viele Hunderte Morde vorgeführt, Vergewaltigungen und andere Gewalt gegen Frauen. Das ist echt krank und für Kranke. Da geht es nicht mehr wie einst um politische Ziele sondern rein um Einschaltquoten.

Mag sein, daß die Medien die ungeschriebene Aufgabe haben, Schweinereien aufzudecken, aber sie haben nicht die Aufgabe, für Schweinereien Reklame zu machen. Das Letztere tun sie in einem gigantischem Maße mit ihrer Unterhaltungspropaganda.
Nimmt man zum Beispiel die unglaubliche Propaganda, die wir in Deutschland heute erleben, wenn irgendwo ein so genannter ausländerfeindlicher Vorfall passiert. Das wird breit getreten, dadurch überbetont und reizt zur Nachahmung. Dann sind plötzlich alle ganz betroffen, wenn herauskommt, daß die Täter keine Deutschen waren. Demokratie ist eine ziemlich miese Form der Regierung, aber wahrscheinlich doch besser als all die anderen. Eine ihrer Schwächen ist die Anfälligkeit für Stimmungen und Psychosen und die Tatsache, daß derjenige, der regieren möchte, darauf angewiesen ist, sich dem Publikum angenehm zu machen. Etwa, indem er ihm nach dem Munde redet. Und mit Augenaufschlag nachplappert.
Selbst die Politik haben die Medien schon bei den Eiern.
Immer neue Probleme werden forciert.
Alle halbe Jahre EU-Gipfel, zwischendrin Weltwirtschaftsgipfel, Nato-Gipfel, Weltbank, WTO und was weiß ich noch. Das sind Zugeständnisse doch an die Fernsehgesellschaft. Keine Woche ohne fünfmal Clinton, Chirac und Schröder in den Medien.

Und die Politiker passen sich hilflos an. Es scheint oft, als erhielten nur die Schwammigsten und Formbarsten Regierungschancen.
Ein gutes Negativbeispiel für solche Politiker sind beispielsweise Herr Scharping (SPD) und Herr Fischer (Grüne). Als es einen kleinen Krieg gab auf dem Balkan, beriefen sich die beiden auf die Menschenrechte und hatten keine großen Skrupel 800 Zivilisten durch Bomben aus der Luft zu töten. Ohne sich bewußt zu sein, das ein Politiker und Entscheider nicht nur für seine guten Absichten verantwortlich ist.

Ich denke, frühere Regierende hätten sehr gezögert, militärisch einzugreifen.
Nur wer Krieg nie erlebt hat, kann glauben, daß man da nur ein paar Soldaten hinzuschicken braucht, und schon ist für Frieden gesorgt. Was dabei rauskommt, im besten Falle, sind dauerhafte westliche Protektorate in Bosnien und Kosovo. Wahrscheinlich zwei weitere in Albanien und Mazedonien.

Selbst in anderen Ländern ist das nicht anders.
Wenn Herr Clinton nicht gerade die Amtsenthebungsprozedur wegen Monica Dingsbums gehabt hätte, hätte er vielleicht die Intervention im Kosovo gar nicht angefangen.

Oder nimmt man mal das Beispiel EU und Türkei.

Die EU hat sich schrittweise verändert, als aus den sechs Mitgliedsstaaten 15 wurden. In den letzten zehn Jahren haben sie nichts zustande gebracht. In den wichtigen Fragen wird Einstimmigkeit verlangt. Die Erwartungen entwickeln sich zu schnell, die inneren Spielregeln zu langsam. Je mehr Mitglieder, desto größer die Schwierigkeiten, sie zu ändern. Dennoch wurde der gewaltige Fehler gemacht, zwölf Staaten den Beitritt anzubieten. Es wächst die Gefahr, daß die Europäische Union verflacht zu einer großen Freihandelszone mit einigen institutionellen Mottenlöchern.

Der Türkei den Kandidatenstatus zu geben, war ein schwerer Fehler. Das weckt die ganz falschen Erwartungen und schafft Probleme, deren Lösung hinterher viel Geld kosten wird - wenn nicht Schlimmeres. Das sehen die Türken auch.

Von den bald 70 Millionen Einwohnern der Türkei sind ein Fünftel Kurden. Die liefern sich hier, auf den Straßen Hamburgs, Feuergefechte mit Türken. Einer der schweren Fehler der Pariser Vorortverträge von 1919 war, den Kurden keinen Staat zu geben. Und diesen Konflikt sollen wir uns in die Europäische Union holen? Man muß Joschka Fischer heißen, um aus europäischem Idealismus das alles in Kauf zu nehmen.

Die Deutschen haben den Fehler gemacht, zu großzügig zu sein bei der Aufnahme von Menschen aus dem Ausland. Das war ein Fehler, weil sich herausstellte, daß die Deutschen nicht ausreichend dazu erzogen sind, mit diesen Ausländern friedlich und als Gastgeber umzugehen. Nun müssen wir mal ein bißchen bremsen.

Demokratische Führer möchten dem Volk imponieren. Diese Sucht hat keine strategischen Ziele. Das gilt auch für die Sucht, internationale Posten zu besetzen, ohne zu wissen, was man mit ihnen anfängt.

Und wie sollte ein guter Politiker nun sein? Tja, auf jeden Fall:

Alt genug. Es geht um Lebenserfahrung.
Er muß einen Beruf beherrschen und darin etwas geleistet haben.
Er muß ein Minimum an historischer Bildung besitzen.
Er muß möglichst viele unserer Nachbarnationen und -staaten kennen und mehrsprachig sein.
Er muß auch ein anständiger Mensch sein.

Die Sekundärtugenden unterstelle ich. Einer ohne Pflichtbewußtsein taugt nichts, einer ohne Verantwortungsbewußtsein auch nicht. Ehrlichkeit und Fleiß sind auch Sekundärtugenden im Sinne von Herrn Lafontaine (SPD). Was der Mann Sekundärtugenden zu nennen gelernt hat, das heißt normalerweise bürgerliche Tugenden. Wenn einer diese Tugenden mit dem Wort Sekundärtugenden lächerlich macht, so fehlt ihm selbst die Kardinaltugend der Klugheit — und außerdem der Anstand.


Donnerstag, 01. Februar 2001

ROLLER Berlin Steglitz – Am Stichkanal 1-11, 14167 Berlin

Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich habe heute zum ersten Mal bei Ihnen eingekauft. Vor zwei Tagen war ich schon einmal in Ihrem obigen Haus, allerdings noch ohne etwas zu kaufen. Sie verzichten offenbar auf Zwangsberieselung Ihrer Kunden (was sehr löblich wäre), ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, von Musik für Drogensüchtige belästigt worden zu sein. Leider aber wurden die Nerven Ihrer Kunden an beiden Tagen, durch ein regelmäßiges Schleifgeräusch Ihrer Fahrtreppe, das im ganzen Haus zu hören war, arg strapaziert. Ich gehe davon aus, daß die Treppe auch gestern defekt war. Ich befürchte, sie ist es schon seit langem. Ich mußte das zum Glück nur über jeweils eine halbe Stunde ertragen, Ihre Mitarbeiter den ganzen Tag, seit Tagen oder Wochen. Dies muß sehr belastend und demotivierend für sie sein. Um so erstaunter war ich über die freundliche und schnelle Hilfe Ihrer Mitarbeiterin, die mir einen Schein für die Warenausgabe ausstellen mußte, da die von mir gewünschte Regalware, der TV-Video-Schrank TORONTO, sich nicht im Regal befand. Auch Ihre Kundentoilette ist sehr zu loben: Hell und sauber, so wie man es erwartet, aber selten erlebt. Lediglich die mangelhafte Belüftung im Verbund mit fehlender Desodorierung wäre zu rügen.

An der Warenausgabe hatte ich, bis ich meinen Ausgabeschein abgeben konnte, obwohl nur schätzungsweise 10 Kunden vor mir waren, eine geschlagene halbe Stunde zu warten – dies bei einer Temparatur knapp über dem Gefrierpunkt.
Ihre Warenausgabe verfügt zwar über automatische Türen, diese waren aber ständig geöffnet. Bei einer Türöffnung von schätzungsweise 5 m × 3,5 m war die Innentemperatur kaum höher als die Außentemparatur. Zudem zog es. Die kalte Luft war geschwängert von den Dieselabgasen eines Ihrer polnischen Lieferanten-LKWs. Wieder keine Hot-hot-Musik, dafür leider Dieselmotorgeklopfe. An den Wänden der Warenausgabe prangten Ihre Erklärungen, warum Sie meinen, billig zu sein. Sie sind standardisiert. Ich brauche sie also hier nicht wiederzugeben. Ich hatte allerdings eine halbe Stunde Zeit, sie vor meinem geistigen Auge durch wahrhaftigere zu ersetzen, etwa: „…weil wir das ganze Lager mit einem Mann schmeißen“ oder „…weil wir auf die Bereitwilligkeit unserer Kunden zählen, sich verarschen zu lassen“.
Nach Erhalt der Ware mußte ich feststellen, daß die Parkfläche vor der Warenausgabe, auf der mein Wagen stand, von der Ausgabe aus nicht auf kürzestem Weg erreichbar ist. Irgenein Phantast hat zwischen Ausgabe und Parkfläche eine mit Normsteinen eingefaßte Sandfläche (ca. 15 m breit) angelegt. Dieses Hindernis war für den „Rolli“ unüberwindbar. Um zu meinem 5 Meter von der Warenausgabe entfernten Wagen zu gelangen, hatte ich deshalb etwa 25 Meter zurückzulegen. In diesem Moment fragte ich mich, ob Ihr obiges Möbelhaus einen Leiter hat, falls ja, ob Sie diesen nicht auch noch einsparen könnten, da er seiner Aufgabe offenbar ohnehin nicht gerecht wird.

Bitte unterrichten Sie mich, sobald die beschriebenen Mißstände abgestellt sind. Bis dahin müssen Sie auf mich als Kunden und Mund-zu-Mund-Propagandisten verzichten.

Mit freundlichen Grüßen


Samstag, 17. März 2001

Extrem arbeitsreiche Tage und tiefgreifende Freizeitereignisse stehlen mir unbarmherzig die wenigen Minuten des Tagebuchschreibens.
So betrüge ich mein Tagebuch um die Geschehnisse dieser Tage und verbringe Erholungszeiten mit dem Malen neuer Ölbilder.
Und dies tue ich öffentlich - in einem Internetchat mit Kamera.
Wer mal mit mir plaudern will, soll sich eine Kamera an den PC stecken und sich unter www.ivisit.com das Gratisprogramm ivisit runterladen und installieren.
Wenn er dann online ist, das Programm starten und "Art & Leisure" doppelklicken, um mich dann in "oneworld" zu sehen.

Donnerstag, 05. April 2001

Heute früh mußte ich an einen alten Bekannten denken und fragte mich, was er wohl so trieb in der letzten Zeit.
Da ich seine Telefonnummer nicht mehr hatte, setzte ich mich an den Komputer und wählte mich ins Internet.

Dort öffnete ich die Suchmaschine www.google.de und gab seinen Namen ein.
Das Ergebnis war ein Eintrag aus einem öffentlichen, berliner Bezirksaushang, der angab; mein Bekannter heiratete letztes Frühjahr (2000) und vereinbarte mit seiner nunmehr zweiten Frau Gütertrennung.
- das erinnert mich an eine Liedzeile eines Liedes von Kurt Jürgens... da hieß es: "...aus gehabten Schaden nichts gelernt." ;-) -

Nach Ausdruck der Daten gab ich Telefonbuch in die google-suchmaschine ein.
Hier recherchierte ich sowohl nach seinem, als auch ihrem Mädchennamen nach einer Telefonnummer. Vergebens.


Am nächsten Tag bin ich dann zur Sparkasse und überwies dem Einwohnermeldeamt DM 7,00.
Am Abend dann, ging ich auf die Homepage des Einwohnermeldeamtes und beantragte die Meldeauskunft über den einstigen Bekannten und erhielt prompt Auskunft.

Mal sehn, wie es weiter geht. Und falls jemand noch einen Tip für meine Recherchen hat, danke ich ihm schon jetzt.
Schauen wir doch mal, wie es mit dem Datenschutz in Dt. steht.


Sonntag, 08. April 2001

Während Gerhard Schröder, unser derzeitige Bundeskanzler, sich in Interviews mit dem Tagesspiegel mit "Ich bin doch kein Briefträger, der Botschaften überbringt" über seine Vermittlerrolle in der Außenpolitik äußert, sitze ich am Tresen des Green Doors, meiner Stammbar und rekonstruiere die Ereignisse der letzten Wochen.
Es verging kaum eine Woche, in der ich im Büro nicht Anfragen namenhafter deutscher Firmen erhielt und Ihnen Angebote schrieb.
Ein Angebot brachte dann den Auftrag, eine Veranstaltung für 4000 Personen auf deren Werksgelände zu organisieren und durchzuführen.
Sonstige Aufträge bewegen sich im Volumen um 400 Personen.
So war dies eine abwechslungsreiche Aufgabe, die mich selbst daheim noch zu beschäftigen vermochte. Und dort warteten am späten Nachmittag Verwandte, die wir über Tage hinweg beherbergten und standesgemäß unterhielten.
Eine dieser Unterhaltungen führte uns in den derzeit in Berlin gastierenden Zirkus Renz. Es kommt ja nicht so oft vor, dass es mich in den Zirkus verschlägt, aber was einen dort an Vorstellung geboten wurde, entlockte selbst den kleinsten Gästen kein einziges Lächeln oder gar ehrliches Geklatsche. Um den Abend zu retten, entrümpelten wir dann später zuhause unseren großen Stauraum über dem Bad. Dort stieß ich unter anderem auf alte Aufzeichnungen der langweiligsten Zeit meines Lebens, die ich in vier dicken, nicht abschließbaren Tagebücher akribisch protokollierte. Eine erschütternde Lektüre - da ich sieben Jahre lang nichts erlebt hatte. Vereinzelt finden sich immerhin Zeugnisse früh erwachten politischen Bewußtseins oder Erlebnisse mit Laida M..
Unter anderem stieß ich auch noch auf einen Einzelfahrschein der BVG, der damals 90 Pfennige (DM 0,90) kostete und mich bei geschlossenen Augen für Sekunden an den Busschaffner mit dem "Bauchkassierer" erinnern ließ.
Meine Äußerung hierüber gab Anlass für ein gemütliches Rotweintrinken bei Erinnerungen und Possen.

Sonntag, 22. April 2001

"Nichts ist so schrecklich, als das man dazu nicht Tanzen und Singen könnte", sagte mir einst ein junger Mann in einer studentenfreien Diskursionsrunde bei Rotwein und spärlicher Beleuchtung.
Ich erinnere mich noch gut an diesen Abend, weil ich mich kurz darüber lustig machte, wer da wohl, das im Verfallsdatum abgelaufene Knabberzeug mitbrachte.
Sowas bleibt in Erinnerung.
In Berlin ist es immer noch kalt. Auch über Ostern war es so. Und es scheint sich auch in den nächsten Tagen nicht zu bessern. Bei solchem gleichbleibend schlechtem Wetter geschieht jeden Tag das Gleiche.
6.00 Uhr Frühstück, Sophie um 8.30 Uhr in den Kindergarten bringen, dann bis 15.00 Uhr im Büro konzentriert Arbeiten, 15.10 Uhr meine Tochter vom Kindergarten abholen und bis zu Ihrem zubettgehen um ca. 19.30 Uhr die gemeinsame Zeit kindgerecht verbringen.
Wir malen dann, gehen auf Spielplätze, in Schwimmbäder, ins Aquarium oder auch andere Kinder, nach Verabredung, besuchen. Das ist fast immer sinnvoll verbrachte Zeit.
Gegen 18.00 kommt dann meine Freundin aus dem Büro. Wir kochen, essen, bringen die Kleine ins Bett, um dann entweder vor dem Fernseher oder vor dem PC bis zum Schlafen gehen auszuharren.

Gestern vormittag fuhr ich nach dem Kraftsport zu "Babykorb" einem Berliner Kleinkindausstatter, um mich über Kinderwagen zu informieren. Schließlich wird mein Sohn in knapp 5 Wochen geboren und es wird Zeit sich um Besorgungen zu kümmern.
Habe auch versucht im Internet einen aktuellen Kinderwagentest zu finden: vergebens.
Nachts, wenn ich dann unterbrochen schlafe, träume ich davon, in zerbombten Kellergewölben unter Einsturzgefahr Rohre überkopf zu verlegen.

Donnerstag, 26. April 2001

Neulich, Sophie ging früh ins Bett, saß ich 6 Stunden auf einem Stuhl und hielt davon 20 Minuten Monolog. Ohne Bier und ohne Rauchwerk. Ohne Trauer, ohne Not.
Danach fühlte ich mich wie nach einem Gespräch mit unserer Hausverwalterin.
Obwohl wir zum Ende Juli unsere Wohnung gekündigt haben, verweilen wir doch noch ein weiteres Jahr in unserer Wohnung im Stadtkern Berlins. Das war eine praktische Entscheidung, zumal mein Sohn doch schon in einem Monat zur Welt kommt und wir bislang noch keine neue Wohnung gefunden haben. So kopierten wir vorgestern den selbstgefertigten Grundriß unseres unter uns lebenden Nachbarn und teilten die Räume neu auf.
Das hatte zur Folge, daß ich die Tage in meiner Freizeit mit Möbel demontieren und in einem anderen Raum montieren beschäfftigt war. Nebenbei renovierte ich die Küche neu und verhandelte mit unserer Hausverwalterin unser Fortbestehen. Neben Maurerarbeiten schlug ich hierbei auch noch eine neue Küchenmöbilierung raus. Die Hausverwalterin eine ehemalige Apothekerin war nur am jammern und klagen. Schrecklich.

Mittwoch, 02. Mai 2001

Während der derzeitige amerikanische Präsident Georg Bush mitteilt, daß er das Kyoto-Protokoll, mit dem sich die Industrienationen verpflichten wollten, den Kohlendioxid (CO2) Ausstoß zu reduzieren, nicht unterstützen wird, spielen wir hier in Berlin das Traditionsspiel

"1. Mai".

Und aus brennenden Autos steigen Rauchschwaden empor, Polizisten in Kampfuniformen verschanzen sich hinter Wasserwerfern, pausenlos prasseln mit lautem Knallen Pflastersteine auf die Beamten herab.
Dann kurz nach 18 Uhr sieht es an diesem ersten Mai 2001 rund um den Kreuzberger Mariannenplatz aus wie in einem Bürgerkriegsgebiet. Bis in die späte Nacht hängt der beißende Geruch von Tränengas in der Luft. Jener Gasgeruch, den ich als Berliner schon oft in den vergangenen Jahren als Beobachter vernahm und der mich gewohnt zu meinem Allergooasmin-Inhalat greifen ließ.

Begonnen hatte alles am Nachmittag nach dem Ende der Demonstrationen linker Gruppen. Diese waren, von vereinzelten Flaschenwürfen abgesehen, weitgehend friedlich verlaufen. Nach dem offiziellen Abschluss der genehmigten Veranstaltungen warfen Jugendliche in der Adalbertstraße mehrere Scheiben leer stehender Büros ein. Auch ein Buswartehäuschen ging zu Bruch. Gegen 15.30 Uhr versuchten ein paar Randalierer, aus Müllcontainern eine Barrikade auf dem Oranienplatz zu bauen. Die Polizei schritt ein, die Störer zogen sich zurück. Zu einer ersten direkten Auseinandersetzung zwischen Polizisten und Randalierern kommt es gegen 16.25 Uhr. Die Polizei fordert eine Menschengruppe auf, die Kreuzung Oranienstraße/Adalbertstraße zu räumen. Daraufhin fliegen den Beamten Dosen und Flaschen entgegen. Die Polizisten drängen die Menschenmenge in Richtung Wiener Straße ab. Vereinzelt fliegen erste Pflastersteine. Die ersten Lokale in der Oranienstraße lassen ihre Rolläden herunter und holen die Tische von den Gehwegen. In der folgenden Zeit stauen sich zwischen Adalbertstraße und Heinrichplatz auf beiden Seiten die Aggressionen auf. Eine Gruppe von vermummten Randalierern hat im Schutze des Volksfestes einen Angriff gegen die rund um den Platz postierten Polizeikräfte gestartet. Bis eben hatten hier noch 2000 Menschen friedlich den Tag der Arbeit gefeiert, jetzt fliegen plötzlich die Pflastersteine. Erst vereinzelt, dann als Hagel, der erst zwei Stunden später aufhören wird. Plötzlich eskaliert die Lage an mehreren Ecken gleichzeitig. Autos werden umgestürzt und angezündet. Die Polizei steht der Gewalt anfangs hilflos gegenüber. Begleitet von pausenlos feuernden Wasserwerfern versuchen sie, zum Mariannenplatz vorzudringen. Lange Zeit ohne Erfolg. Immer wieder müssen die Beamten im Steinhagel zurückweichen. Ein Wasserwerfer wird so stark beschädigt, dass die Polizei ihn aus dem Gefecht zieht. Die Randalierer - eine bunte Mischung aus Jugendlichen, Autonomen, Punks und mit ihnen sympathisierende Schaulustige - verstecken sich hinter den Bäumen des Mariannenplatzes vor den Wasserkanonen der Polizei. Etwa 1000 Menschen sind noch auf dem Mariannenplatz. Außer Steinen fliegen jetzt auch Signalraketen in Richtung der Beamten. Die Beamten antworten mit Tränengas. Als gegen 19 Uhr die ersten Wasserwerfer ihre Ladung verschossen haben, versuchen die Beamten, sie an Hydranten aufzutanken. Dabei werden Polizisten von Anwohnern beschimpft und mit Wasser bespritzt. Die Stimmung heizt sich immer weiter auf. Überall liegen Steine auf der Straße, Glasscherben, einzelne ausgebrannte Autos. Gegen 20 Uhr gelingt es der Polizei, mit drei Wasserwerfern auf den umkämpften Platz vorzudringen. Trupps von Polizisten laufen los und umzingeln Gruppen von Randalierern. Die Beamten drängen etwa 500 Menschen in einen Polizeikessel vor der Matthäikirche und halten sie dort fest. Gegen 21 Uhr flammt die Gewalt an mehreren Ecken Kreuzbergs erneut auf. An der Naunynstraße werden erneut Steine auf Polizisten geworfen. An der Adalbertstraße wird ein Demonstrant schwer verletzt. Er hatte sich vor die heranstürmende Polizei gestellt. Ein Notarztwagen transportiert ihn in die Klinik. Die Umstehenden rufen "Mörder, Mörder!" Unterdessen hat sich der Krawall in Richtung Kottbusser Tor verlagert. Von der Mittelinsel fliegen Steine in Richtung Adalbertstraße, in der Unterführung kommt es zu kleineren Scharmützeln zwischen Randalierern und Polizisten. Gegen 21.30 Uhr stellt die U-Bahn am "Kotti" den Betrieb ein. Eine halbe Stunde später ist die Gegend um das Kottbusser Tor von der Polizei abgeriegelt. 22.30 Uhr: Noch immer stecken etliche Menschen im Polizeikessel vor der Matthäikirche. Die Polizei versucht zu klären, wer zu den Straftätern gehört. Die Störer werden in Polizeitransportern abgeführt. Die vorläufige Bilanz der Polizei: Bis zum Abend wurden 150 Personen festgenommen, mindestens ein Polizist soll Kopfverletzungen erlitten haben. Ein Arzt des nahen Urban-Krankenhaus spricht am frühen Abend von einer Handvoll verletzter Demonstranten und Beamten. Außer Autos gingen auch Bushaltestellen, Telefonzellen und Fensterscheiben zu Bruch, Straßenlaternen wurden von den meist jugendlichen Krawallmachern aus den Verankerungen gerissen. Das ist nur die vorläufge Bilanz des Abends: An mehreren Ecken Kreuzbergs und Neuköllns gehen die Scharmützel mit der Polizei noch bis in die Nacht hinein weiter.

Ohne größere Zwischenfälle verlief gagegen am Dienstagvormittag die Demonstration der rechtsextremen NPD in Hohenschönhausen. An dem Aufmarsch beteiligten sich nach Polizeiangaben etwa 900 Anhänger der Partei und unabhängiger Neonazi-Gruppen. Schon im Vorfeld hatte die Polizei massive Präsenz gezeigt. Umfangreiche Kontrollen verhinderten, dass sich Störer unter die Demonstranten mischen konnten. So durchkämmten die Beamten S-Bahn-Züge nach potenziellen Gegendemonstranten, kontrollierten 200 Fahrzeuge und überprüften 350 Personen. Proteste gegen den Aufmarsch kamen vor allem von Anwohnern der Strecke, viele von ihnen PDS-Anhänger. Obwohl formal keine Gegenkundgebung erlaubt war, ließ die Polizei einzelne Gegendemonstranten nahe an den NPD-Zug heran. Zu einem Zwischenfall kam es lediglich, als ein Gegendemonstrant die Polizeikette durchbrach und auf den NPD-Funktionär Andreas Storr einschlug, dann aber sofort von Polizisten festgenommen worden. Insgesamt nahm die Polizei 20 Personen vorübergehend in Gewahrsam, davon zwölf Anhänger der rechten Szene und acht linke Gegendemonstranten. Der Demonstrationszug bewegte sich ab 11.30 Uhr vom S-Bahnhof Hohenschönhausen durch das Plattenbauviertel. Ganz vorne marschierten unter anderem der NPD-Chef Udo Voigt und der Rechtsanwalt Horst Mahler, die auch die Hauptredner der Kundgebung waren. Die Teilnehmer waren zum großen Teil Skinheads und trugen unter anderem die Landesfahnen von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg, daneben aber auch zwei schwarz-rot-goldene Flaggen. Die Berliner Kameradschaft "Tor" protestierte auf einem Transparent "Gegen die Diktatur Eurer Demokratie". Die nach Polizeiangaben etwa 300 Gegendemonstranten, die ihren Unmut mit Trillerpfeifen, Sprechchören und einer Mahnwache kundtaten, wurden von der Polizei in die umliegenden Straßen abgedrängt. Eine spontane Sitzblockade von NPD-Gegnern wurde nach Augenzeugenberichten von der Polizei unsanft aufgelöst. Eine Gruppe älterer PDS-Mitglieder hielt Transparente mit dem Slogan "Nazis raus aus den Köpfen" hoch. Als die Polizei ein weiteres Transparent mit der Aufschrift "Gemeinsam gegen Rechts - Faschismus ist keine Meinungsäußerung, sondern ein Verbrechen" einkassierte, jubelten die rechten Demonstranten. Insgesamt waren im Umfeld der NPD-Demo gut 2000 Polizisten im Einsatz, wie Einsatzleiter Michael Knape sagte. Er zeigte sich mit dem Einsatz zufrieden, weil ein Aufeinandertreffen von Linken und Rechten verhindert wurde.

Montag, 28. Mai 2001

Heute Morgen um 7.28 Uhr wurde mein Sohn Robert geboren. Er ist 3900 Gramm schwer und 55 cm groß. Und natürlich war ich dabei, wie bei der Geburt meiner Tochter. Es war schön...

Sonntag, 03. Juni 2001

Es pumpt pro Minute fünf Liter Blut durch den Körper, 7200 Liter am Tag - das passt in einen halben Tanklastzug hinein. Es schlägt 60 Mal in der Minute, also 31,5 Millionen Mal im Jahr. Viel Arbeit in einem ganzen Leben. Und es schlägt in all den Brüsten der Menschen meines Landes, schenkt Ihren Köpfen den nötigen "Treibstoff". Doch was taugt es, wenn all diese Mühen des Herzens nicht verhindern, welch Unfug die Hirne produzieren. Massenweise geistiger Müll wird da erdacht und in die Tat umgesetzt. Fern von Vernunft und Überlebenswillen. Oft geistiger Kleinkram, um die Massen in den nicht nur geistigen Ruin zu stürzen.

Noch 211 Tage, dann klimpert der Euro in den Geldbörsen und ich frage mich nach wie vor, was denn so Falsches an der Deutschen Mark war, die mich bis jetzt durch mein Leben begleitete. Brauchen wir das wirklich, das Ende einer starken Währung, die uns nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in kürzester Zeit wieder Wohlstand und Stabilität brachte?

Montag, 04. Juni 2001

Eben traf ich Roman auf dem Nachhauseweg vor meiner Haustür. Roman kenne ich vom Sportstudio her. Ein bulliger Kerl, der 1992 und 1993 die Berliner Jugendmeisterschaften im Bodybuilding gewann. Seit dieser Zeit wollte jeder Zweite sein Freund sein. Unter anderem auch ein fülliger, untersetzter Berliner Bauunternehmer, der sich gern mit ihm sehen läßt und ihm in die Selbständigkeit verhalf. Quasi als Mentor.

Seit dem ist er Chef einer Baustellenendreinigungsfirma und lebt auf großem Fuße. Hier und da erzählte er mir zum Zeitvertreib zwischen unseren Hanteltrainingspausen von seinen beruflichen Erfolgen und seinen omminösen Machenschaften. Und heute, da wir uns nach gut einem Monat nicht mehr sahen, von jüngsten Quärelen, woraufhin man ihm in der letzten Nacht seinen 120.000,00 DM teuren Mercedes aus der Garage stahl. Als er dann zu seinem Standplatz in der Garage kam, fand er lediglich einen weißen Strauß Rosen vor und zermartert sich nun den Kopf, wer ihm diese Botschaft wohl schickte.

Ich riet ihm zur Besonnenheit und zu einem guten Glas Whiskey vor dem Fernseher.

Donnerstag, 15. Juni 2001

Am Sonntag war ich mit Sophie in der Gartenkolonie meiner Eltern. Dort war Trödelmarkt und auch meine Eltern hatten ihren Stand, um alten Schrebergartenkram (rostende Gartenschere, Kitschtischlampe aus Elfenbein, versteinerte Riesenmuschel, nagelneue Toilettenspülköpfe und polierte Armaturschellen, Keramikvasen und alte Defa-Kinderfilmrollen) zu verkaufen. An diesem Tag regnete es fürchterlich, so daß ich immer noch verschnupft in meinem Büro sitze und Erkältungs- und Vitamin-C-Tabletten schlucke. Seit mein Sohn auf der Welt ist, nunmehr schon fast drei Wochen, komme ich kaum zum Schlafen. Alle drei Stunden in der Nacht, heißt es aufstehen, ihn aus dem Bett heben, Windeln wechseln und ihn füttern; mit Babynahrungspulver, das man halbnackt vorab "frisch" im richtigen Mischungsverhältnis in der mondscheinerleuchteten Küche in Wasser auflöst und in gefälliger Temperatur hält. So zieht ein Tag nach dem anderen an mir vorbei und läßt mich älter werden. Vorhin, als ich von der Post kommend durch den Park Richtung Büro lief, setzte ich mich für einen Moment auf eine der dreckigen Parkbänke. Ich saß da und beobachtete einen Großstadthund, der über die gewellte Rasenfläche vor mir lief und zwar so, als wäre dieses Stück Parkfläche SEINE Welt.

Montag, 18. Juni 2001

Heute morgen erzählte mir unser Bäcker, wie verraten er sich fühle, da ihm seine Frau am Abend zuvor im Streit offenbarte, sie hätte es vor Jahren am Tag nach irgend einer Grillparty mit einem seiner alten Kumpels getrieben. Wir fragten uns dann, während er meine Brötchen einpackte, was Frauen wohl mit solchen spontanen Offenbarungen bezwecken.

Auf jeden Fall hat mich dieses morgendliche Kurzgespräch dazu bewogen, entgegen meiner Gewohnheit statt über die tagesaktuelle Berichterstattung, in der es heute um Polschmelze, Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen (10 Jahre im Amt) und Titelverteidigung des Boxweltmeisters Vitali Klitschko ging, über Verrat und Verräter nachzudenken.

Tiere können nicht verraten, daß erkannte ich spätestens bei unserem Hund Max und schlußfolgerte schon damals:
"Suchst Du’n Freund, kauf Dir’n Hund!"
. Die Fähigkeit zum Verrat ist dem Menschen eigen, sie gehört, wie das bewußte Täuschen, das Lügen und Hintergehen, zu seiner psychosozialen Grundausstattung. Dagegen ist er wohl machtlos, wie ich denke. Dabei mästet sich der Verräter an Wahrheit und Vertrauen, indem er als Parasit des Sozialen Nähe und Loyalität vortäuscht und mißbraucht. Er gilt als Zerstörer jeden gesellschaftlichen Zusammenhalts. Für diese Ausbeutung des Vertrauens, des Grundstoffs aller Gemeinschaft, hat wohl jeder ab 30 Jahren eine eigene Erinnerung. Für mich war es immer beachtlich, daß Scham und Schuld nicht nur jene bedrängen, die verrieten. Das Bewußtsein verraten worden zu sein, peinigt und traumatisiert auch die Opfer. "Phantasien vom eigenen Reich des Bösen" oder "die Intrige als Passion" gaukeln dem Verräter nicht zuletzt Glücksversprechungen seines kläglichen Alltags vor. Wo immer ich einem Verräter begegnete und ihn mit seinem Verrat konfrontierte, konterte der Verräter sachlich und bedacht. Und schloß seine Rede mit der Bekenntnis, daß er keinen Verrat begangen, sondern lediglich seine Meinung geändert habe.

Mittwoch, 27. Juni 2001

Vor mir stehen nun 2 PC-Bildschirme und werfen ihr grelles Licht in den Raum. Im Berlin ist es wärmer geworden. Fast 26 Grad.

KAK hat heute Geburtstag. Wir haben schon lang keinen Kontakt mehr. Denke mal, er wird heute abend wohl mit Laida ins Klassikkonzert, sofern ihm die Jungs oder Mädels aus dem Astoria noch nicht gänzlich den Verstand geraubt hat.

So sitze ich hier mit Kopfschmerz (gestern Abend Wodka vorm Rechner) und schreibe Rechnungen an meine Kunden.

Aus dem Nachbarzimmer klingt leises Gegrummel.
Mein Sohn ist nun schon vier Wochen alt. Da meine Freundin sich entschloß ihn nicht zu stillen, nutze ich einen weiteren Teil meines Lebens, mich nicht nur als Zuschauer zu betätigen, sondern mich persönlich und volltags um meinen Sohn zu kümmern.
Ich genieße das sehr und es erscheint mir vernünftig.
Denn wie bereits in vergangenen Tagebucheinträgen geschrieben, haben wir Männer es einfach zu lange den Frauen überlassen, den Kleinen grundlegendes in frühester Kindheit beizubringen.
Ich befasse mich nun gut 4 Jahre lang in meiner Freizeit mit Kindererziehung und kam bald zu der Erkenntnis, daß, betrachtet man Zeitgeschehnisse und Familienwesen parallel, die "zivilisierte" Menschheit nicht wenig von dem Schlamassel, den wir als Erwachsene dann zu korrigieren kaum noch im Stande sind, den gestreßten und "mein-Bauch-gehört-mir“-Müttern zu verdanken haben.


Donnerstag, 28. Juni 2001

Eintrag für alle Lekturfreaks: Extra für Euch voller Fehler. Viel Spass.
Irgendwo in Deutschland, scheint es Lehrer zu geben, die ihre Schüler damit quälen, sich meiner Tagebuchseite anzunehmen.
Anscheinend mit der Aufgabe, sie kritisch zu hinterfragen und Lektur zu lesen.

So erhalte ich von Mo. bis Do. leidige Mails mit der "mehr-oder- weniger-Bitte" zur raschen Beantwortung.
Heute erst wieder, ich kam mit meinem Sohn vom Arzt, las ich von irgend einer Irren (...selbstverständlich ohne Namensangabe) ich solle doch gefälligst auf bessere Rechtschreibung achten, bevor ich billige Ratschläge gebe.
"Hm...", dachte ich so bei mir, "vielleicht hat sie ja recht".

Bekanntmachung für alle, die es immer noch nicht geschnallt haben.

Sollten Sie also der Meinung sein, daß Sie beim Lesen meiner Seiten mehr Fehler als beim Lesen professioneller, entgeltlicher Tageszeitungen finden und Ihnen deshalb schlecht wird, gehen Sie doch einfach auf eine andere Internetseite und ersparen mir Ihr weinerliches Geseiere.
Zeigen Sie wenigstens einmal in Ihrem langweiligen Leben Bekennermut und Karakter. Bekennen Sie sich u.a. zu Ihrem Spannerdasein (...denn Sie haben bestimmt keine eigene Internetseite, oder?) und verhalten Sie sich dementstrechend bescheiden und ruhig.
Mußte hier mal ne Lanze brechen für alle privaten Anbieter im Netz. :-)

Dienstag, 03. Juli 2001

Die deutsche Leidenschaft, jemanden, der versucht seinen Kopf über die Mittelmäßigkeit hinauszustrecken, zu zerstören, finde ich zum Kotzen. In den Sommermonaten fällt einem das immer besonders auf, da halten es einem die Medien plakativ vor die Nase und die Deutschen tragen unsichtbare Schilder, wo "keine Identität" drauf steht.
Einst waren wir ein Volk der Denker und Dichter. Jetzt sind wir ein Volk, das bereits Dönerbuden als kulturell bereichernd empfindet.
Man läuft in ausgetretenen Pfaden, orientiert sich am Ausland oder an deutschen Dummköpfen. Avantgardismus ist offensichtlich den Friedensverhandlungen mit den Alliierten zum Opfer gefallen. Das, was wir seitdem eigene Entwicklung nennen, ist immer kalter Kaffee aus den USA, der dort bereits vor Jahren im Rinnstein versickert ist.

Heute wird der Nationalsozialismus bekämpft, indem man alles, was mit Verstand nicht erfaßbar ist, was mit Ideologie oder mit Idee, Fantasie zu tun hat - abgesehen natürlich von schädlichen und zerstörerischen Fantastereien und Hirngespinsten wie: Rechtschreibreform, EURO-Einführung, Homo-Ehe, „Einwanderungsland“ etc.- so klein wie möglich hält. Denn man weiß ja nicht, was daraus werden könnte. Man hat nie versucht, den Ursachen des Nationalsozialismus auf den Grund zu gehen. Sondern man sagte 1945: "...AUS FEIERABEND; jetzt haben wir neues Wetter und sind andere Menschen". Wir sind nicht andere Menschen, behaupte ich, sondern wir verhalten uns nur anders. Man kann deutlich erkennen, das der Rutsch nach Rechts in Deutschland wieder in Gang ist.

Samstag, 14. Juli 2001

Es ist 17.13 Uhr. Meine Freundin ist auf der Hakeburg auf einer Veranstaltung. Mich stört das nicht. Ein warmer Tag. Ich bin zu Hause. Aus dem Badezimmer klingt leiser zufriedener Sing-Sang meiner Tochter (knapp 3 Jahre), die ich eben zur Reinigung und Abkühlung in die Badewanne setzte. Sie ist Eifersüchtig. Mein Sohn (6 Wochen alt) kämpft seit 4 Stunden mit seinen Blähungen, was zur Folge hat, daß ich mich intensiv um ihn kümmere und ihn von seinen Plagen ablenke. Meiner Tochter, die ich derzeit von der Windel entwöhne, paßt das nicht.
Zu Klagen, es dem Jungen gleich zu tun, würde bedeuten Eifersucht zuzugeben. So stellt sie sich ins Wohnzimmer (etwa zwei Meter in unserer Blickrichtung) und kackt klaren Bewußtseins in ihre Hose.
Ich sehe ihr an, daß es ihr unangenehm ist, trotzdem quält sie sich. Ich muß lächeln und schaue meinen Sohn ins Gesicht. Dann leg ich ihn auf das Sofa und hocke mich vor meine Tochter. "Das ist kein Problem. Das kann jeden mal passieren," sage ich - ihr in die Augen schauend, "nun aber schnell ins Bad und in die Wanne."

Auch Eifersucht muß gelernt sein.

Freitag, 20. Juli 2001

Ich sitze vor dem PC und trinke eine Tasse Kaffee. Zwischendurch gehe ich in die Küche, denn das Programm unserer Waschmaschine läuft nicht weiter. Ich öffne sie und hole einen Teil der feuchten Wäsche heraus. Der Rest darf sich weiterdrehen. Und tut es auch. Tja, Frauen können halt keine Waschmaschinen füllen, denke ich so zu mir und setze mich zurück an den Bildschirm.

Seid Tagen kein Bier, Wein oder Whiskey mehr getrunken. Auch das Green Door (Bar in Schöneberg) habe ich bestimmt fünf Wochen lang nicht besucht. Das liegt an den Halsschmerzen, die meine Tochter aus dem Kindergarten mitbrachte. So schlucke ich Antibiotikum und homeopathisches Zeugs vom Arzt. Auch rauchen tu ich derzeit nicht. Ist eh ungesund.

Im Hintergrund ruf mein Sohn. Er hat hunger. Also Windel wechseln und 5 Meßlöffel "BeBa HA 1" auf 175 ml Wasser. Dann vor die Brust gehalten - und Luft ablassen.


Montag, 23. Juli 2001

Den vollen Tag lang, auf vier Kanälen, sendet man Mitdreißiger die junge Technomusikhörer auf Berlin`s Straßen interviewen. Trotz monatelangen Streits über einen drastischen Besucherrückgang feierten am Samstag wieder 800 Weltvergessene die Berliner Love Parade. Im verflixten 13. Jahr riefen die Liebesjünger bei der größten Techno-Party der Welt die "Love Republic" aus.

Der Aufmarsch verlief friedlich und ohne Rücksicht auf Verlußte. Mit rund 200 Tonnen Müll hinterließen die "Umweltbewußten" etwas weniger Abfall als im vergangenen Jahr, darüber hinaus wurden die Sträucher und Bäume im Tiergarten mehr in Mitleidenschaft gezogen.

Die Zukunft der Parade scheint inzwischen gesichert. Der nächste Umzug soll am 13. Juli 2002 stattfinden. Unklar ist noch, ob diese als politische Demonstration oder kommerzielle Veranstaltung gezappelt wird.

Das Bundesverfassungsgericht hatte der Parade erstmals den Status einer politischen Versammlung abgesprochen und sie als reine Spaßveranstaltung bezeichnet. Da dies den Organisatoren erhebliche Kosten aufbürdet, spielten sie mit Abwanderungsgedanken. Das diesjährige Defizit wurde auf 1,5 Millionen Mark (770 000 Euro) beziffert.

Unter dem Motto "Join the Love Republic!" hatten sich 45 Lautsprecher-Trucks um 14.00 Uhr am Brandenburger Tor und am Ernst-Reuter-Platz in Bewegung gesetzt. Die Querelen um Geld, Termine und den Status der Love Parade schadeten der Stimmung. Kein Wunder, zahlt ja auch der einfache Steuerzahler.

Mit viel nackter Haut, knappen Fellhöschen, im Military-Outfit und mit Cowboy-Hüten oder bunt gefärbten Haaren wippten die Spaß-Jünger zum monotonen Techno-Beat. Auch Promis wie Schlagersänger Jürgen Drews und Chorleiter Gotthilf Fischer präsentierten sich genau wie zahlreiche Berliner Spitzenpolitiker im Wahlkampf auf der Parade. Plastinator Gunther von Hagens stand als lebende Leiche verkleidet zwischen den Tänzern.


Montag, 06. August 2001

Viel zu oft beobachte ich auf unserem Stammspielplatz, auf dem Markt oder in öffentlichen Einrichtungen, wie sich selbstüberschätzende Mütter ihre Kinder schlicht heranwachsen lassen. Von Interesse, Erziehung, Förderung und Sorge lediglich inspiriert, wenn sie sich beobachtet fühlen. Und fragt man sie, ob es den schwer sei mit den Kindern, beteuern sie ihre leichte Reizbarkeit, Aufopferung und soziale Kompetenz. Die Kinder, während des Gespräches oft betrachtet, hören schon gar nicht mehr zu, sobald sie das Thema erkennen. Nein, sie wenden sich ab, voller Scharm ihrer lügenden Mutter.


Freitag, 10. August 2001

Heute ist der letzte Ferientag meiner Tochter. Ab Montag geht sie dann wieder in den Kindergarten von 09.00 Uhr bis 15.00 Uhr. Drei Wochen verbrachte ich 24 Stunden fortlaufend mit einer Zweieinhalbjährigen und einem 10 Wochen alten kernigen Burschen. Nun bin ich geschafft; von Kinder, Selbständigkeit und Sommergrippe.

Übrigends hab ich mir eine Gitarre gekauft und bin nicht mal schlecht.

Sonntag, 12. August 2001

Mit gemischten Gedanken sitzte ich vor dem PC und gedenke der unzähligen Abende an denen ich am Komputer saß.

Denn der PC hat Geburtstag: Am 12. August wird er 20 Jahre alt. Im Jahre 1981 hatte er als "5150 Personal Computer" das Licht der Welt erblickt, Schöpfer des Ur-PCs war ein New Yorker Unternehmen namens IBM. Der revolutionäre Oldie hatte einen Arbeitsspeicher von 48 Kilobyte, die Taktfrequenz betrug 4,77 Megahertz. Aus heutiger Sicht erbärmlich, aber die große Leistung bestand damals darin, die üblichen Rechner-Ungetüme von Schrankgröße auf "Desktop"-Größe zu bringen.

Montag, 13. August 2001

Heute morgen um 06.00 Uhr aufgestanden. Sophie meine Tocher (2,8 Jahre alt) hat die halbe Nacht nicht richtig schlafen können. Hatte wohl Alpträume.

Gegen 07.00 Uhr Frühstück. Ich aß Müsli, meine Freundin nichts. Sie macht Diät, sagt sie. Meine Tochter begnügte sich mit warmer Milch, genau wie mein Sohn. Sie aus dem Glas, er aus der Flasche. Eineinhalb Stunden später brachte meine Freundin die Kleine in den Kindergarten und ging ins Büro. Ich sitze jetzt hier vorm Rechner, es ist 09.10 Uhr. Trinke heißen, schwarzen Kaffee (handgemalen) und überlege, ob ich noch einen Tagebucheintrag zum 40 Jahrestag des Berliner Mauerbaus schreiben soll. Ich denke nicht.

In 20 Minuten werde ich meinen Sohn (nunmehr 11 Wochen alt) das zweite Mal an diesem Tage füttern und zur Bank (Konten abstimmen und meine 2 goldenen Gedenkmarkstücke für DM 250,00/Stück abholen), kurz in den Waschsalon (die übergroße Überwurfdecke für die Wohnzimmercoutch waschen lassen) und danach mit ihm ins Büro.

Wir essen meist so gegen 18.10 Uhr gemeinsam mit den Kindern. Das passt gut, denn danach folgen aufeinander Hände waschen, Zähne putzen, umziehen, Sandmann und Bettwärts. Ich werde heute einen Salat aus einer halben Gurke, 5 Tomaten, 1 Zwiebel, 1/2 roten und 1/2 grünen Paprikaschote anrichten. Dazu gibt es Karottenstreifen (eine Karotte geviertelt) in der Zazickischale und gebratene Hähnchenstreifen. Etwas Butter und 15.00 Uhr Sonnenblumenbrötchen vom Bäcker aus unserem Haus. Trinken werden wir ausnamslos Apfelsaftschorle.

Dienstag, 04. September 2001

Es ist doch enorm viel spassiert, die letzten Wochen. Die internationale Funkausstellung präsentierte sich, ich mußte mich mit einem 50 jährigen Kinderhasser aus dem Nachbarhaus auseinander setzen und wenn mir die beiden Kinder, meine Freundin und die Firma ein paar ruhige Minuten gönnen, bereite ich unser Unternehmen auf die Umwandlung in eine GmbH vor. So falle ich immer öfter früh ins Bett und hoffe, des Nachts nicht von Telefonklingeln oder Alptraumrufen gewegt zu werden.

Dienstag, 11. September 2001

Sophie hat am Freitag Geburtstag. 5 kleine Menschen aus ihrem Kindergarten erhalten heute ihre Einladungskarten. Die schrieb ich gestern Abend noch, als alles schlief und im Hintergrund Katastrophenmeldungen in den Fernsehnachrichten liefen.

Ich habe mir gerade eine Tasse heißen Kaffee gebrüht. Wie immer viel zu stark. Sie steht vor mir und dampft. Ich nehme einen kleinen Schluck und schaue aus dem Fenster. Draußen regnet es. Ein wenig Untergangsstimmung, genau wie in den Bildern im Fernsehen.

Früher als Kind, hatte ich nie viel Geld. Typisch Arbeiterkind der 70ziger und 80ziger halt. Bis ich anfing zu arbeiten. Und so gönnte ich mir als einer meiner ersten Langspielplatten "The Raven" von der Gruppe "Alan Parsons Projekt". Herr Parson bediente sich damals eines Gedichtes von Edgar Alan Poe, daß der wiederum im Delirium mit Todessehnsucht geschrieben haben muß. Dieses Gedicht geht mir gerade durch den Kopf und ein Griff ins Regal bringt Erinnerung.

Freitag, 21. September 2001

Wir (meine Freundin und ich) haben viel zu tun, in diesem frühen, regnerischen Herbst. So viel, daß ich mir nicht mehr die Frage stelle, was ich zuerst oder was ich wann angehe. Meine Tochter und mein Sohn sorgen für permanente Spannung in der Luft. Er lernt überleben und sie die Eifersucht. Im Büro ist es noch wilder. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht neue Angebote schreiben. Mittlerweile Europaweit. Nachts dann, wenn alles schläft schaue ich ermüdet Fernsehen und trinke eins, zwei Gläser roten Wein und verfolge amerikanische Berichterstattung.

US-Präsident George W. Bush hat die Staaten der Welt in ultimativer Form aufgerufen, sich gegen den Terrorismus und an die Seite der USA zu stellen. Die afghanischen Taliban forderte er in der bisher schärfsten Form auf, Osama bin Laden, den Schuldigen der Attentate und führende Gefolgsleute auszuliefern.

Andernfalls würden sie "das Schicksal der Terroristen teilen", warnte Bush am in einer Rede vor dem Kongress in Washington. Insgesamt werde von nun an jedes Land, das Terroristen unterstütze, von den USA als "feindlich" eingestuft. An das US-Militär richtete Bush die Botschaft, "bereit zu sein".

Nach der Rede von US-Präsident George W. Bush haben islamische Geistliche in Afghanistan dem Ausland erneut einen "Heiligen Krieg" angedroht. Afghanistan sei bereit, einem US-Angriff die Stirn zu bieten, sagte der Taliban-Botschafter in Pakistan, Abdul Salam Saif. Die Taliban lehnten erneut die Auslieferung des mutmaßlichen Terrordrahtziehers Osama bin Laden ab. "Wir würden den Islam beleidigen, wenn wir Osama an Amerika übergeben oder aus Afghanistan ausweisen würden", sagte Saif.

Dienstag, 02. Oktober 2001

Heute erhielt ich eine Mail von Uwe. Er war nach langem mal wieder im Netz.

Vor Jahren gehörte er zu meinen Stammlesern. Damals empfahl ich ihm, natürlich gefragt, die Bestellnummer 5053 für DM 69,80 der VAG, unter Tel. 07661 - 98 71 50 zu bestellen und bat ihm niemandem zu fragen, worum es sich hierbei handelte. Er folgte und bedankte sich.

Freitag, 06. Oktober 2001

"Die Botschaft hör ich wohl, alein mir fehlt der Glaube. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Zu jenen Phären mag ich nicht zu streben, woher die holde Nachricht tönt, und doch..."

Samstag, 07. Oktober 2001

Vier Wochen nach den Terroranschlägen in New York und Washington haben die USA Militärschläge gegen Afghanistan begonnen. Der Fernsehsender CNN berichtete aus dem Pentagon, die Militärschläge hätten mit Marschflugkörpern begonnen. Erste Ziele seien Flughäfen und terroristische Lager gewesen. Es habe sich um "harte Schläge" gehandelt.

Es habe eine große Explosion im Nordosten der Hauptstadt gegeben, sagte der Journalist des arabischen TV-Senders "Al- Dschasira". Anschließend sei in der ganzen Stadt der Strom ausgefallen. Der Sender zeige Live-Bilder von Flugzeugen, die im Dunkeln über die Stadt flogen sowie die Blitze des Abwehrfeuers. Bush wies in seiner Rede darauf hin, dass er die Taliban wiederholt gewarnt und dazu aufgefordert habe, Osama Bin Laden und dessen Gefolgsleute herauszugeben und Terroristen- Trainingslager zu zerstören. Nichts sei geschehen: "Nun werden die Taliban einen Preis zahlen", sagte Bush. Bush hat nach offiziellen Angaben aus Moskau den russischen Präsidenten Wladimir Putin telefonisch über den Beginn der Angriffe auf Afghanistan unterrichtet. Auch Bundeskanzler Schröder und der französische Präsident sollen informiert worden sein.

Montag, 15. Oktober 2001

Ich saß auf einem Stuhl und trank aus einer schönen Tasse Brennesseltee. Vor mir, zu meinen Füßen lief, wie ein Gebirksbächlein, mein Leben an mir vorbei. Von der Geburt bis zum Tode, beobachtete ich, während mir eine nette junge Frau Tee nachgoß, mein Leben. Immer, wenn das Ende meines Lebens an mir vorbeifloß, reichte mir die junge Schönheit zusätzlich zum Tee ein Brennesselblatt zum kauen. So ging das immer fort... bis ich schließlich erwachte.

Montag, 22. Oktober 2001

Schon damals, während meiner Schulzeit, als sich einer meiner Freunde als Homosexueller zu erkennen gab, wußte ich, daß nichts mehr so sein würde, wie es bis dahin war. Jetzt, zwanzig Jahre später, nach dem die Berliner Mauer längst schon nicht mehr steht, ich zwei Kinder habe und nebenbei noch über die maßen erfolgreich bin, ist zum ersten Mal in der Berliner Stadtgeschichte ein Homosexueller zum Bürgermeister gewählt worden.

Zitat einer Berliner Tageszeitung von heute:"Der 48 Jahre alte Jurist fand sich schnell in das höchste Berliner Regierungsamt ein. Seine offiziellen Reden klangen zwar am Anfang noch hölzern und bisweilen langatmig, doch die Stärke des gebürtigen Berliners liegt im direkten Kontakt mit den Bürgern. Unverkrampft präsentiert sich Wowereit gern als "Bürgermeister zum Anfassen", der - offen für einen persönlichen Plausch - auch kräftig berlinert. Bundesweit bekannt wurde der SPD-Politiker über Nacht durch sein Bekenntnis zu seiner Homosexualität ("Ich bin schwul - und das ist auch gut so"), das er seiner Nominierung vorausschickte. Vom Nobody außerhalb Berlins stieg er so zum gefragten Talkshow-Gast auf."

Ein Mann, der wahrscheinlich nie erahnen wird, was es bedeutet eine Familie zu führen. Kinder großzuziehen und "wirkliches" unternehmerisches Risiko zu tragen.

Sind diese Zeiten nicht schon schwer genug?

Mittwoch, 31. Oktober 2001

Ein sonniger Tag. Warscheinlich einer der letzten warmen Tage in diesem Jahr. Ganz Berlin versinkt in einem farbenfrohen Blättermeer und gelbem Tageslicht. Ein Wetter für Gefühle, sofern man noch welche hat.
Ich werde gleich Robert, meinen Sohn (5M.) baden. Die Babybadewanne habe ich dazu ans Fenster gestellt. Das Wasser schimmert und klitzert. Denke, das wird ihm gefallen.

Ansonst waren wir gerade in einem Pensionshaus und buchten eine möblierte Wohnung für einen unserer "unverzichtbaren" Mitarbeiter aus Frankfurt. Von Januar bis Ende Juni 2002. DM 1.313,00 im Monat kostet so eine Unterkunft. 2 Zi. mit Balkon, nach Hinten raus, helle Möblierung.
Tja, so ist das im Leben. Jene, die wir eins überzeugten, übertrumpften wir ungemerkt schon vor Jahren. Und nun überzeugen sie uns und wir schauen sie nur an, bedächtig buchend.
12.40 Uhr

13.09 Uhr
So, fertig mit Sohn-baden. Er schlief sofort ein. Jetzt gönn ich mir eine Stunde Internet zu ner Tasse selbstgemahlenem, dampfenden Kaffee, bevor ich um 15.00 Uhr Sophie aus dem Kindergarten abhole und dann, sofern sich das Wetter hält, mit beiden Kindern auf den Spielplatz spielen gehe.

Montag, 19. November 2001

Wenn man mal ein paar Tage nicht Abends am PC sitzt, kommt einem das Internet inkl. der Chatwelt, wenn man dann wieder hineingeht, erschreckend unwirklich vor.
So brach ich gestern Abend "die Sitzung" am PC direkt ab und schreib nun Kaffee trinkend am Morgen, während mein Sohn kurz schläft.
Bei uns gehts derzeit drüber und drunter. Ist immer so im Herbst. Berufl. Erfolg (Geld) und somit auch der Stressfaktor in der Familie steigen um bestimmt 200 %, im Verhältnis zu den anderen drei Jahreszeiten.

Arbeit, Arbeit, Arbeit ohne erkennbaren Horizont. Oft, ohne Sinn und Verstand, wie ich finde. Aber die Kunden lieben Unfug und bezahlen gut dafür.
Und zu Haus. Meinen Sohn füttern, spielen, bewegen, Spazieren fahrn, windeln und baden, Arztbesuche, Atemtherapie.
Meine Tochter um 15.00 Uhr vom Kindergarten abholen. Mit ihr Einkaufen, spielen im Park, ggf. kurzer Ausstellung/Kinderzirkus- oder Museumsbesuch, zuhaus Essen servieren und mit ihr Tagesaktivität wie Malen oder ähnliches.

Meine Freundin kämpft derzeit mit sich selbst, liebt es aber, Agressionen an mir und meiner Tochter abzuladen. Natürlich helfen wir da gern und halten gegen - aber oft nervt es auch und zerstörrt eigentliche Verschnaufpausen des Tages. Sie glaubt eine schlechte Mutter zu sein, weil sie dem Klischee nicht entspricht und lieber arbeitet ,statt sich um die Kinder zu kümmert. Wenn sie mal nicht daran denkt, fragt sie sich, ob sie mit ihrem Leben zufrieden ist.
Das deprimiert sie aber noch mehr und so schwelgt sie zuweilen in Selbstvergessenheit und unternimmt nichts wirklich für sie Entspannendes in der Freizeit. Nichts ausser Fernsehen.
Auch erwähnt sie regelmäßig, wie dick sie nach der zweiten Geburt geworden ist.
Hm...
SumaSumaRum: Wir streiten uns zweitäglich.
In den kurzen Pausen, wenn ich auf Toilette sitze oder vor dem Einschlafen, lese ich derzeit die Bücher von Steve Biddulph.
Für aktiv erziehende Väter Pflichtlektüre, wie ich finde.

Montag, 03. Dezember 2001

Am Samstag habe ich mich um die Verleihung des Europäischen Filmpreises gekümmert. Die Veranstaltung fand im Tempodrom auf dem Gelände des Anhalter Bahnhofs an der Stresemann Strasse statt. Eigentlich kein besonderer Aufwand für mich.

Man sagt, der Europäische Filmpreis soll eines Tages den Deutschen Filmpreis schlucken. Da reiht sich der Dt. Filmpreis in die Reihe der sterbenden deutschen Dinge ein. - Man erkennt das klar, dafür gibt es säckeweise Signale. - Ich meine, alle ab 1970 Geborenen werden es noch erleben. Erst der Euro, dann Englich als Amtsprache, der Grenzenfall und zum Gnadenschuss die Abschaffung der einzelnen europäischen Länderregierungen und Bildung einer "europäischen Oberaufsicht". Spätestens dann wird niemand mehr dieses Tagebuch lesen können.

Dienstag, 11. Dezember 2001

Seit Tagen versuche ich für die "Jungs" und mich eine Bahn auf der Bowlingbahn am Kurfürstendamm zu bestellen. Aber irgendwie haben die Betreiber an den Tagen an denen wir es einrichten könnten, keine Bahn mehr frei.

Jetzt gerade, es ist 09.07 Uhr am Morgen sitze ich bei einer Tasse Kaffee am PC und genieße die ruhigen, seltenen Minuten in denen mein Sohn seelig schläft und mich kein Kunden- oder Bürogespräch drängt. Ich höre alte Lieder, die mein Leben begleiteten im MP3-Audioformat. Mit WIN MX kann man jegliche Lieder im Internet mit anderen Nutzern tauschen. Aber das soll es bald nicht mehr geben, da das Geflenne der Musikverlage kein Ende zu nehmen scheint. Während ich also in ungeordneter Reihenfolge Gruppen wie Bauhaus, Alan Parsons Projekt, OMD, Human League, Ramstein, ACDC, Pink Floyd und sogar Al Stewart höre, vergleiche ich Preise von Grossbildfernsehern mit sichtbarer Mindestbildschirmdiagonale von 80 cm im Internet. Unser Fernseher ist nunmehr 12 Jahre alt und der Empfänger der Infrarotfernbedienung gibt den Geist auf. Abgesehen davon, dass man bei Tennisübertragungen schon einen Schweif hinter dem fliegendem Tennisball erkennen kann.

Montag, 17. Dezember 2001

17. Dezember: Banken verkaufen für 20 Mark (10,23 Euro) Euro-Kennlernpakete.
Vom Ein-Cent- bis zum Zwei-Euro-Stück befinden sich von jeder der acht Euro-Münzen einige Exemplare in den Euro-Starter-Kits. Experten erwarten, dass die 53,5 Millionen Euro-Starter-Kits innerhalb weniger Tage ausverkauft sein werden.

1. Januar 2002: Der Euro ist Zahlungsmittel in Deutschland und elf weiteren Euro-Ländern. Jetzt wird DM-Bargeld in Euro umgetauscht. Bis zum 28. Februar können die "Deutschen" weiter mit DM-Bargeld bezahlen.
Vom 1. Januar 2002 ist das Euro-Bargeld für 303 Millionen Europäer gesetzliches Zahlungsmittel.

Eine Schlagzeile jagt die andere. Und alle handeln sie von der Währungsumstellung.
Fast jeder den ich kenne, selbst entfernte Bekannte und sogar der Postbote, fragen mich, was ich von diesem Rummel um die Umstellung und der damit verbundenen angeblichen Ängste, lauten Freudengesänge und sonstigen Volksgefühlen halte. Ich schaue dann meist sekundenlang in ihre Augen bis ich dann sage:
"Fragen Sie sich doch zu allererst, wer an der Währumsumstellung am meisten verdient.
Antwort: ............

Und dann, was Sie persönlich - ja, SIE ganz persönlich - davon haben.
Antwort: .............

Sie werden sehr schnell herausfinden, das für Sie nicht der geringste Vorteil entsteht. Ganz zu schweigen vom Ausverkauf unserer Volkswirtschaft.
Natürlich bin ich dagegen, wie gegen jegliches Unrecht. Oder glauben Sie etwa ich werde eines Tages dafür sein, dass auf Wunsch der europäischen Bevölkerung und deren Regierenden, Vergewaltigungen öffentlich im Fernsehen ausgestrahlt werden?
Nein, auch dagegen werde ich sein, selbst wenn man mir auch dann wieder vorwerfen wird, ich würde der Entwicklung entgegenstehen.

Ich weiss, das Beispiel ist weit her geholt. Aber es wird so kommen. Sie werden sehen. Und eines zukünftigen Tages wird der Vergleich stimmig sein."