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Welt des Kindes aus der Sicht von ![]() Otto F. Kernberg(1990, 1991, 1993) + + + - und was daraus folgt
Theorie ...Otto F. Kernberg ist ein Theoretiker, der sehr ausgiebig in einer extrem individualisierenden Sichtweise dem Kind die Hauptverantwortung für das Geschehen in der Familie zuweist:"Borderline Patienten müssen im Verlauf der Behandlung immer deutlicher erkennen, wie ihre Eltern an ihnen versagt haben; die monströsen Zerrbilder, in denen die Eltern noch zu Beginn der Therapie geschildert wurden, erweisen sich zwar als phantasiebedingte Entstellungen; versagt haben diese Eltern aber, und zwar in einfachen menschlichen Dingen, nämlich da, wo es darum ging, Liebe zu geben und auch anzunehmen, Trost und Verständnis zu vermitteln oder mit intuitivem Geschick helfend einzugreifen, wenn ihr Kind in Not war" (Kernberg, 1990, S.204f).Das Versagen der Eltern in "einfachen menschlichen Dingen" wird hier immerhin kurz in Rechnung gestellt. Aber dies tritt gegenüber der Entgleisung der Betroffenen deutlich in den Hintergrund, die sich der "phantasiebedingten Entstellung" der Elternbilder "zu monströsen Zerrbildern" schuldig machen. Und der Wirkanteil elterlichen Verhaltens an einer gestörten Entwicklung des Kindes wird noch weiter reduziert: "Im Verlauf der analytischen Arbeit stellt sich regelmäßig heraus, daß hinter den bewußt erinnerten oder erst in der Analyse wiederentdeckten 'Enttäuschungen', die diese Patienten von seiten ihrer Eltern erlebt haben, eine weit zurückreichende Entwertung der ... realen Elternfiguren steht, die der Vermeidung von Konflikten mit ihnen dienen soll." (Kernberg, 1990, S.326)."'Enttäuschungen'" durch die Eltern seien gar nicht real, sondern das ungezogene Kind mache sich aus eigenem Antrieb fälschlich ein schlechtes Bild von Papa und Mama - das sei sein Problem? Die "realen Elternfiguren" würden kindlicherseits "entwertet"? So, so! Und:Patienten der Kategorie "pathologische Narzißten" wiederholten in der Therapie "frühe Entwertungen wichtiger äußerer Objekte ... als ... Abwehr gegen tieferliegende Konflikte im Umkreis von oraler Wut und Neid. Sie müssen alles, was ihnen Liebe und Befriedigung spenden könnte, zerstören, um die Anlässe für ihren Neid und ihre projizierte Wut zu beseitigen". So geraten sie in einen "Teufelskreis von Wut, Frustration und destruktiver Entwertung potentieller Befriedigungsquellen ..., was aber nur um den Preis einer schweren Schädigung der verinnerlichten Objektbeziehungen gelingt" (Kernberg, 1990, S.315).Also: Nicht Mißbrauch oder Mißhandlung durch Erwachsene fallen ins Gewicht, sondern das Kind hat ganz allein das Problem mit seiner "oralen Wut" und seinem "oralen Neid". Es bewältigt diesen Konflikt, indem es die Eltern als "potentielle Befriedigungsquellen" "destruktiv entwertet". Nicht, daß das Kind daran gelitten haben könnte, daß ihm niemand "Liebe und Befriedigung" gespendet hätte, sondern es habe selbst die ihm angebotenen Beziehungen in den ersten Lebensjahren "zerstört". Was für ein Scheusal!Aber Halt! Der Säugling soll mit seiner "oralen Wut" und seinem "oralen Neid" - was immer das heißen möge - für die "Zerstörung" der Eltern-Kind Beziehung verantwortlich sein? Ist das nicht eine völlige Verdrehung von sozialer Ursache und Wirkung? (Nebenbei: Dies ist das klassische Mißverständnis, das in der "Psychoanalyse" gerne Narziß und Ödipus entgegengebracht wird.)Freilich ist die angemessenste Betrachtungsperspektive der Eltern-Kind Beziehung die einer Wechselwirkung. Aber wenn man schon quasi die "Hauptverantwortung" für deren Qualität zuteilen möchte, dann doch bitte der maßgeblichen Stelle - und das sind nunmal während der ersten Kindheitsjahre - wie ich meine - eindeutig die Erwachsenen!Im Stichwortverzeichnis eines seiner Werke (Kernberg, 1993) sucht man übrigens vergeblich nach Hinweisen über traumatisierende Effekte aus dem sozialen Umfeld eines Klienten. Statt dessen findet man reichhaltig Begriffe wie diese:"Elektrokrampftherapie; Flucht in die Gesundheit; Honorar ... für versäumte Termine; Schweigen ... als Angriff auf den Behandlungsprozeß, ... als Suizid-Äquivalent; versäumte Verabredungen; Zurückhalten von Information" (a.a.O., S.187ff).
... und Praxis
Fallbeispiel 1 Auf seiner "theoretischen" Basis kommt Kernberg - mich wundert's nicht - auf ein erschreckendes Maß von Abwertung und Undifferenziertheit gegenüber seinen KlientInnen (Kernberg, 1991, S.421f):"Frau W war von hoher Intelligenz und auffallender physischer Attraktivität. Sie behandelte Männer grausam und ertränkte sich in Alkohol, wenn ihr unerträgliches Verlangen nach Liebe an die Oberfläche kam."Welch eine differenzierte Wahrnehmung einer Klientin. Ihre Einschätzung des Therapeuten:"Manchmal hielt sie mich für einen authentisch freundlichen und netten, aber inkompetenten Therapeuten, der nicht in der Lage war, sich wirklich in ihr Leid einzufühlen."Es ist stark anzunehmen, daß Frau W recht hatte. Ihren Selbstmordversuch, bei dem sie nur knapp dem Tod entkommen ist, und der zu einem Verlassen der Stadt nebst einem Therapeutenwechsel geführt hat, nimmt Kernberg nicht im mindesten zum Anlaß, über eventuelle Therapiefehler nachzudenken. Im Gegenteil! Dies entspreche der "chronisch eisigen, hochmütigen und distanzierten Haltung" von Frau W gegenüber dem Therapeuten, der "komplexe(n) Natur ihrer selbstdestruktiven Tricks". Sie habe damit die "Behandlung zu unterminieren versucht"! So einfach - oder vielleicht besser: so kompliziert - ist das!Eine einmalige Entgleisung Kernbergs?(zurück) Aus einem anderen Werk des vielzitierten Autors (Kernberg, 1993, S.172f):"Dreimal innerhalb eines Jahres beschuldigte ein Patient den Therapeuten, eine Sitzung berechnet zu haben, die nicht stattgefunden habe. Beim ersten Mal dachte der Therapeut, daß er einen Fehler gemacht haben könnte, und korrigierte die Rechnung. ... sechs Monate später beschuldigte ihn der Patient zum dritten Mal desselben Vergehens ... An diesem Punkt sagte der Therapeut, er glaube, daß der Patient von dem überzeugt sei, was er sage, aber er selbst sei genauso davon überzeugt, daß er nicht zuviel berechnet habe. Dies ließ zwei Möglichkeiten offen: (1) er log den Patienten an; oder (2) beide lebten in nicht zu vereinbarenden Realitäten - in der Realität des Patienten war der Patient ehrlich und im Recht mit dem, was er sagte; in der Realität des Therapeuten war dieser ehrlich und im Recht mit dem, was er dachte."Auf die naheliegende Lösung (3), daß im besten Falle unklar ist, wer eigentlich Recht hat, daß der Therapeut offensichtlich zu gewissen Schlampereien in seiner Terminführung neigt, er ansonsten schon bei dem ersten Termin nicht die Rechnung korrigiert hätte, daß es endlich an der Zeit wäre, einen Modus zu vereinbaren, wie eine korrekte Terminabrechnung sichergestellt werden könnte, darauf kommt der kluge Therapeut scheinbar nicht. Aber es kommt noch schlimmer:"Der Therapeut fuhr fort und sagte, daß ihre mißliche Lage der Situation gleiche, in der ein normaler Mensch und ein Wahnsinniger im gleichen Raum zusammen waren - nur, daß in ihrem Fall niemand sagen könne, wer normal und wer verrückt sei, weil es in dieser Situation keine Zeugen gebe. Solch eine Konfrontation ist oft wie ein Schock für den Patienten. In diesem Falle wurde der Patient wütend, denn er glaubte nicht, daß der Therapeut gelogen hatte, und dachte, der Therapeut beschuldige ihn daher, verrückt zu sein. Als der Therapeut auch weiterhin darauf bestand, daß einer von ihnen wahnsinnig sein müsse, da ja keiner von beiden lüge, wurde der Patient depressiv."Der Therapeut hält sich scheinbar ganz "neutral", quasi: "Also ich sag' ja gar nichts dazu, wer von uns beiden verrückt ist, nur einer von uns muß es sein, und einer nicht". Daß er sich selbst nicht für wahnsinnig hält, dagegen den Klienten für ein "Ungeheuer", das wird aus den weiter unten zitierten Zeilen deutlich werden.Der Klient steckt hier in einer Zwickmühle: Entweder er bezahlt das Geld, dann muß er sich selbst für "verrückt" halten, weil er eine Stunde bezahlt, die er seiner Erinnerung nach nicht wahrgenommen hat. Oder er bezahlt nicht und ist dann durch die deutlich herauszuhörende Zuschreibung seines scheinbar so freundlichen, ganz gewährenden Therapeuten, des angeblichen Fachmannes in diesen Fragen, "wahnsinnig", "verrückt". Eine klassische Double-Bind-Situation!Und wie wirkt sich das aus?"Wird die eben beschriebene Technik angewendet, werden Patienten typischerweise depressiv, besorgt und ängstlich. Wenn sie das Bewußtsein darüber aushalten können, daß sie sich 'verrückt' benehmen, tolerieren sie im Grunde einen psychotischen Kern. Sie können dann weiter durcharbeiten, was es für Patient und Therapeut heißt, in zwei Welten zu leben, die keine Berührungspunkte haben: was mit menschlichen Beziehungen geschieht, wenn es unmöglich ist, einen Kontakt herzustellen; das Mißtrauen und die Angst, die durch das Gefühl hervorgerufen werden, mit einem Ungeheuer zusammenzusein; und den Wunsch, die Beziehung mit dem Ungeheuer menschlicher zu gestalten."Kernberg scheint sich regelrecht zu wundern, daß seine "Behandlung" den Klienten "depressiv, besorgt und ängstlich" macht. Und er merkt gar nicht zu merken, daß er selbst jeden Berührungspunkt zu seinem Klienten unterbricht, wenn er ihn insgeheim sehr wohl als "'verrückt'", ja sogar als "Ungeheuer" empfindet und tituliert!
Und noch ein Beispiel für Kernbergs therapeutische Stümperei:"Ein Borderline-Patient verkündete im dritten Jahr seiner Behandlung plötzlich, daß er seinen Therapeuten nicht länger sehen könne, weil er sein Stipendium wegen nachlassender Noten verloren habe. Diese Tatsache mache es ihm unmöglich, den Therapeuten weiterhin zu bezahlen. Erst da wurde dem Therapeuten klar, daß dieser Patient während der letzten Monate von Zeit zu Zeit berichtet hatte, daß er es nicht geschafft habe, Arbeiten rechtzeitig abzugeben oder den geforderten Stoff zu lesen. Wie es häufig bei solchen Patienten der Fall ist, hatte er diese Handlung fortwährend irgendeiner anderen Kraft zugeschrieben (oder wegerklärt), etwa den Schwierigkeiten sich zu konzentrieren oder einem übermäßig fordernden Professor. Nur im Rückblick erkannte der Therapeut das lebenslange Muster von Destruktivität, das nun in dem Bedürfnis des Patienten die Behandlung zu zerstören, seinen Höhepunkt erreichte." |