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Otto F.Kernberg
Kathrin Asper
Heinz Müller-Pozzi
Literatur
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Die Psychoanalyse / analytische Psychologie und
der "Narzißmus"
Hier seien beispielhaft einige Äußerungen über Narzißmus bzw. Narzißten zitiert, die das fatale Unverständnis belegen, das bis heute diesem Mythos - und so wohl auch den Lebensgeschichten entsprechender KlientInnen - entgegengebracht wird.
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Der Autor definiert: "Narzißtische Persönlichkeiten fallen auf durch ein ungewöhnliches Maß an Selbstbezogenheit im Umgang mit anderen Menschen, durch ihr starkes Bedürfnis, von anderen geliebt und bewundert zu werden, und durch den eigenartigen (wenn auch nur scheinbaren) Widerspruch zwischen einem aufgeblähten Selbstkonzept und gleichzeitig einem maßlosen Bedürfnis nach Bestätigung durch andere. Ihr Gefühlsleben ist seicht; sie empfinden wenig Empathie für die Gefühle anderer und haben - mit Ausnahme von Selbstbestätigungen durch andere Menschen oder eigene Größenphantasien - im Grunde sehr wenig Freude am Leben; sie werden rastlos und leiden unter Langeweile, sobald die äußere Fassade ihren Glanz verliert und momentan keine neuen Quellen der Selbstbestätigung mehr zur Verfügung stehen. Man beobachtet auch starken Neid auf andere ... Die mitmenschlichen Beziehungen solcher Patienten haben im allgemeinen einen eindeutig ausbeuterischen und zuweilen sogar parasitären Charakter; narzißtische Persönlichkeiten nehmen gewissermaßen für sich das Recht in Anspruch, über andere Menschen ohne Schuldgefühle zu verfügen, sie zu beherrschen und auszunutzen; hinter einer oft recht charmanten und gewinnenden Fassade spürt man etwas Kaltes, Unerbittliches." (Kernberg, 1990, S. 261f, Hervorhebung : K.S.)
Mir ist schleierhaft, warum ausgerechnet Narkissos diesem hier beschriebenen Monster seinen Namen leihen mußte. Niemand hat mit diesem Ungeheuer weniger zu tun als er! Echo, Ameinios und Ellops hätten hier eher Pate stehen können.
Welche katastrophalen Folgen diese Sichtweise für Kernbergs therapeutisches Handeln hat, habe ich an anderer Stelle dargestellt (Schlagmann, 1997).
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Genauso unpassend für das Wesen des Narziß definiert diese Autorin: "Wesenszüge des narzißtischen Menschen ... Gefühlsdefizienz ... Grandiosität und Depression ... Gestörte Sexualität ... Mangelndes Symbolverständnis ... Unzureichende Wahrnehmung ... Mangelndes biografisches Bewußtsein ... Übermäßige Angst ... Unproportionierte Wut ... Unausgewogene Nähe und Ferne ... Konzentrationsmangel ... Übermäßige Scham ... Unklare Bedürfnisse" (Asper, 1994, S. 69-72).
Diese Eigenschaften treffen auf niemanden so wenig zu, wie auf Narkissos! Gerade weil die Autorin diesen Mythos sogar noch ausführlich zitiert, hätte sie es eigentlich besser wissen können.
Leidende Menschen werden anhand scheinbarer Fehler beschrieben. Es wird dabei so gut wie überhaupt nicht der Entstehung dieser Symptomatik nachgespürt. Opfer werden für etwas gescholten, was ihnen in erster Linie von Tätern aufgeprägt wurde!
Oder: "Tatsächlich erscheint der narzißtisch gestörte Mensch als in sich selbst verliebt, egozentrisch und egoistisch. ... Die Gier nach Echo ist als Versuch eines Menschen zu werten, der sich in der Tiefe nicht annehmen kann und bestrebt ist, durch Kompensation diesen Mangel auszugleichen" (a.a.O., S.85).
Wenn man "Echo" mal mit der Nymphe aus dem Mythos gleichsetzt, dann ist es einfach lächerlich, eine völlige Verdrehung der Wahrheit, Narkissos eine "Gier nach Echo" zu unterstellen. Es ist eindeutig umgekehrt: Narziß möchte mit Echo nichts - aber auch gar nichts - zu tun haben! Statt dessen zeigt Echo ihre Gier nach Narkissos.
Kathrin Asper kann ihre Verwirrung in Bezug auf Narkissos nicht richtig auflösen. Mal definiert sie in meinen Augen vollkommen stimmig: "Narzißmus bedeutet Selbstliebe im Sinne des Bibelwortes 'Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst' (Mt. 19,19). Kurz gefaßt kann die narzißtische Störung als eine Beeinträchtigung der Selbstliebe verstanden werden, bedingt durch emotionale Verlassenheit des Kindes" (a.a.O., S.63), mal definiert sie m.E. eher konträr und unpassend: "Das Selbstwertgefühl des Narzißten ist demnach nicht stabil, arglos und selbstverständlich, sondern schwankt. Es schwankt zwischen Grandiosität und Depressivität" (a.a.O., S.65). Ein Narzißt im Sinne des Bibelwortes würde sich im ausgeglichenen Zustand zwischen Selbst- und Fremdliebe befinden, kein krankhaftes Schwanken zwischen Größen- und Kleinheitswahn zeigen.
Weiter mißversteht Kathrin Asper - unter Bezug auf den Narkissos-Mythos, wie er bei Ovid dargestellt ist - in geradezu grotesker Weise:
"Die mangelnde Beziehungsfähigkeit zu einem Du zeigt sich ebenfalls im Narzissus-Mythus. Der schöne Jüngling ist von 'sprödester Härte' (354). Obgleich er Sehnsucht und Liebe bei anderen erweckt, kann er nicht lieben, kennt er kein Du. Selbst mit der Nymphe Echo kommt es zu keiner Beziehung, wie Echo sich nähert, ruft er: '(...)Fort! mit den Händen und Armen! Eher würde ich sterben' (390/1). Echo, Bewunderung ersehnt sich der narzißtische Mensch und ist bereit, dafür manchen Kompromiß einzugehen. Im Gedicht Ovids jedoch kann Narzissus nicht einmal Echo lieben. Dies weist auf die tiefliegende Unfähigkeit (nicht im moralischen Sinne gemeint!) narzißtisch beeinträchtigter Menschen hin, echtes Echo, wahre Anerkennung wirklich auch auf emotionaler Ebene anzunehmen" (a.a.O., S. 99)
Daß Narkissos von 'sprödester Härte' sei, das ist lediglich das, was die anderen, z.B. der Schwule Ameinios, über ihn fälschlich behaupten. Und: Von "Liebe" kann doch bei Echo keine Rede sein. Sie ist auf der Suche nach jemandem, den sie nachäffen kann. Wenn sie Narkissos wirklich "lieben" würde, dann würde sie ihn mit ihrem hohlen Geschwätz in Ruhe lassen. Narkissos ist keineswegs unfähig zu lieben, er will und möchte zu Echo keine "Liebesbeziehung" aufbauen. Sie ist kein richtiges Gegenüber, kein "Du", sie ist halt nur Echo. Es gibt da nichts, auf das Narkissos sich beziehen wollte und könnte. Und dann: "Echtes Echo" - das ist zwar eine schöne Alliteration, aber ansonsten genauso unsinnig, als würde man von einer "echten Kopie" reden.
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Im folgenden sind nun einige Äußerungen zum "Narzißmus" aus entwicklungspsychologischer Sicht zitiert. Diese Überlegungen möchten verständlich machen, wie es zum "Aufbau der psychischen Wirklichkeit" im Kind kommt.
"Der Säugling ... ist absolut abhängig und erlebt sich omnipotent (Winnicott 1978). Es gibt noch nichts außerhalb seiner selbst. Was einmal die Mutter werden wird, gehört noch in den Umkreis seiner Omnipotenz. Die 'omnipotente Abhängigkeit' prägt auch die frühesten Phantasien. Es sind Phantasien der Unerschöpflichkeit, der Unendlichkeit und Unzerstörbarkeit. Der Mythos vom Paradies ist ein Versuch des Menschen, diese Urphantasien in Bilder und Worte zu fassen" (Müller-Pozzi, 1995, S. 126).
Warum sollte sich ein Säugling allmächtig fühlen? Warum sollte er glauben, daß es außer ihm selbst nichts gäbe auf der Welt? Warum sollte er die Mutter als ein einfaches Anhängsel seiner selbst betrachten? Warum sollte er von Unerschöpflichkeit, Unendlichkeit und Unzerstörbarkeit phantasieren? Säuglinge sind viel kompetenter, als manche Theoretiker sich träumen lassen (vgl. Dornes, 1995)!
"Das Kind ... begehrt nicht allein Triebbefriedigung, sondern auch Erfüllung seiner narzißtischen Wünsche. Es verlangt nach Bewunderung und Bestätigung seiner Phantasien von Unabhängigkeit, Kompetenz, Erhabenheit und Größe. ... Es will von den Menschen, die es liebt, idealisiert werden" (a.a.O., S.137f).
In Wahrheit hat ein Kind meines Erachtens in den ersten Lebensmonaten den allerberechtigsten, unhinterfragbaren Anspruch, in seinen Bedürfnissen rückhaltlos unterstützt zu werden. Gestörte Eltern machen aber eventuell das Gegenteil: Sie erwarten von dem Kind, daß es sie in ihrer Allmacht idealisiert. Das Kind soll gefälligst zufrieden sein, selbst wenn die Eltern ihrer Versorgungsaufgabe in keiner Weise nachkommen. Tut es das nicht, äußert es weiter spontan und unbefangen seine Bedürfnisse, dann wird es eventuell ignoriert, entwertet oder mißhandelt.
Dies bildet die Grundlage für schwere Selbstwert-Störungen beim Kind. Es wird für das Äußern |