Dieses Projekt wurde im letzten Jahr am Gymnasium Porta Westfalica
durchgeführt. Ausgangspunkt war eine Unter- richtsreihe im Fach Geschichte
in einem Kurs der Jahrgangsstufe 11, in der der Zusammenhang zwischen Migrations-
bewegungen und der Industrialisierung im Raum Bielefeld erarbeitet werden
sollte. Neben den fachspezifischen Ziel- setzungen lag der Schwerpunkt in
der Bearbeitung und graphischen Darstellung von
statistischen Daten mit Hilfe eines
Tabellenkalkulationsprogramms. Nach Abschluß der Reihe entstand der
Wunsch, nach anderem Zahlenmaterial und weiteren Informationen zu diesem
Thema im WWW zu suchen. Dabei ergaben sich verschiedene Richtungen:
1. Beschaffung von weiteren Informationen zur Stadtgeschichte von Bielefeld
und den angesprochenen Firmen
2. Suche nach Zahlenmaterial und anderen Dokumenten zu diesem Thema bei anderen
Städten oder Regionen
3. Untersuchung, welche Archive oder Museen konkretes Datenmaterial im WWW
zu diesem Themenkomplex zur
Verfügung stellen.
Die Arbeit liegt in ihren wesentlichen Elementen im HTML-Format ( 21 Kb )
bereit : migra.zip.
Die Daten sind als Text mit Tabs als Trennungszeichen verfügbar unter
daten.txt
Der erste Teil
Arbeiten mit dem vorgegebenen Datenmaterial
Kurze Vorstellung der Reihe
Im Rahmen des Themas "Industrialisierung und Soziale Frage" wurde am Beispiel
der Stadt Bielefeld auf der Grundlage vorgegebener Datenreihen der Zusammenhang
zwischen Migrationsprozessen und Industrialisierung im Zeitraum von 1880
bis 1914 untersucht. Dabei standen die Fragen nach den Ursachen dieser
Entwicklung und den sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Dimensionen im
Zentrum. Den methodischen Schwerpunkt bildete die Arbeit mit dem
statistischen Material. Hier sollte untersucht werden,
wie durch geeignete Bearbeitungen weitere Informationen aus den Datenreihen
gewonnen werden konnten. Zusätzlich sollten unterschiedliche graphische
Darstellungen analysiert werden. Zielsetzung:
- mathematische Bearbeitung der Datenreihen,
- verschiedenen Darstellungsformen der Datenreihen,
- Auswahl einer geeigneten Präsentation,
- Einschätzung der Aussagemöglichkeiten einer Statistik
Weiterhin wurde versucht festzustellen, wie ihre Aussage einer Statistik
in Abhängigkeit von der Darstellungsform einzuschätzen ist und
welche Möglichkeiten und Grenzen eine quantitative Analyse besitzt.
Gemäß dieser Zielsetzung fand ein wesentlicher Teil des Unterrichts
im Computerraum statt. Der Kurs wurde zunächst in die Arbeit mit einem
Tabellenkalkulation eingeführt. Für einen Geschichtskurs sicherlich
eine neue Herausforderung. Zunächst wurden die Datenreihen in verschiedene
Graphiken übertragen und die unterschiedlichen Darstellungsformen
miteinander verglichen. In der nächsten Stufe galt es, aus dem
Zahlenmaterial neue Zusammenhänge zu errechnen und diese ebenfalls in
geeigneter Form graphisch darzustellen. Obwohl nur vier Datenspalten vorgegeben
waren, ergaben sich doch eine Fülle von Aspekten bei der Weiterbearbeitung:
geeignete Differenzbildung, Aufsummierung über mehrere Jahre,
jährliche Verschiebungen. Nach jeder Umgestaltung der Daten und ihrer
neuen Darstellung ergaben sich viele Fragen und Hypothesen für weitere
Untersuchungen. Dabei erhielt man mit zunehmender Arbeit immer mehr Fragen
als Antworten.
Hintergrund
Migrationsbewegungen in die sich industrialisierenden Städte stellten
im 19. Jahrhundert ein Massenphänomen dar. Die Industrialisierung ist
nicht als der Sogfaktor dieser Prozesse zu verstehen, ohne die Sichtweise
der Betroffenen einzu- nehmen. Daher steht die Erarbeitung des Wanderungsmotivs
"Suche nach Arbeit" bei der inhaltlichen Arbeit in der Sequenz im
Vordergrund.
Der methodische Schwerpunkt, die rechnergestützte Explorative Datenanalyse,
führt dazu, dass die Arbeit mit Datenreihen den Mittelpunkt der Sequenz
bildet. Der Umgang der Schüler mit Datenreihen (und Statistiken insgesamt)
soll ein Stück weit gefestigt werden. Dies bedeutet, dass sie durch
die rechnergestützte Explorative Datenanalyse Werkzeuge zur Analyse
von Datenreihen kennenlernen. Dies meint aber auch, dass sie wichtige Schritte
hin zu einer Interpretation von Statistiken erlernen: Dadurch dass sie
verschiedene Möglichkeiten zur Bearbeitung und Darstellung von
Datensätzen kennenlernen, lernen sie auch, den Aussagewert von Statistiken
(in Abhängigkeit von ihren Bearbeitungs- oder Darstellungsformen)
einzuschätzen. Außerdem sollen sie die Grenzen in der Aussage
von Statistiken erkennen. Letzterer Aspekt läßt sich sehr gut
anhand des inhaltlichen Schwerpunkts der Sequenz deutlich machen: Aus den
verwendeten Datenreihen lassen sich zwar die Migrationsprozesse und ein
Industrialisierungsprozeß in Bielefeld ablesen. Das Motiv der Wandernden
aber läßt sich aus Datenreihen nur erschließen, indem man
den Industrialisierungsprozeß mit der Zuwanderung in einen Zusammenhang
bringt, ihn als die Bedingung des menschlichen Handelns begreift.
Der zweite Teil
Untersuchung der im WWW verfügbaren Daten und Dokumente zu diesem Thema
Bezüglich der drei Zielrichtungen sind hier einige Adressen wiedergegeben.
1. Beschaffung von weiteren Informationen zur Stadtgeschichte von Bielefeld
und von den angesprochenen Firmen
Bielefeld
Institut
für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS)
2. Suche nach Zahlenmaterial und anderen Dokumenten zu diesem Thema bei anderen
Städten oder Regionen
Ein
Forschungsprogramm des Bundesministeriums zum Thema
Fremdenfeindlichkeit
Industrialisierung
Duisburgs
Emigration
nach Amerika
Historische
Statistik der Steiermark (HISTAST)
Immigration
und Binnenwanderung in Luxemburg zur Zeit der
Frühindustrialisierung
Migrationsforschung
Internetquellen
zur Genealogie
3. Untersuchung, welche Archive oder Museen konkretes Datenmaterial im WWW
zu diesem Themenkomplex zur
Verfügung stellen.
Liste deutscher
Archive
Liste
deutscher Archive ( Hanacek Liste )
Anmerkung zum zweiten Teil:
Die Durchforstung des Internets ( WWW ) begann zunächst recht zügig.
Bezogen auf die Stichworte "Migration" "Industrialisierung" "Bielefeld" und
"Archiv" erhielt man schnell eine Fülle von Verweisen und teilweise
recht interessante Dokumente. Bei der ersten Untersuchung der Dokumente wurde
jedoch schnell klar, dass sie sich weder mit unserer anfänglichen
Problemstellung beschäftigten noch konkretes Material bezüglich
der Region oder der betrachteten Zeitepoche lieferten. Es fand sich kaum
konkret verwertbares Material bezogen auf die Ausgangsfragestellung. Bei
der Stadt Bielefeld und bei den angesprochenen Firmen
waren keine Informationen über das Thema verfügbar.
Die Suche zum Punkt zwei erbrachte eine größere Fülle von
verwertbarem Material und viele spezielle Dokumente zu geschichtlichen
Vorgängen. Nach kurzer Zeit wurden Arbeiten zum Thema Fremdenfeindlichkeit,
Darstellungen zur Industrialisierung anderer Städte wie z.B. Duisburg
oder Dokumente über Aussiedler in Richtung Amerika entdeckt. Sie
waren einzeln betrachtet schon recht aufschlußreich und informativ,
ließen aber eine Vergleichbarkeit mit den untersuchten Abläufen
in Bielefeld kaum zu. Zudem lieferten sie keine weiteren Antworten auf die
im Zusammenhang der oben beschriebenen Reihe aufgestellten Hypothesen. Es
war auch nicht direkt erwartet worden, dass Vergleichbares im Netz
verfügbar war. Ein wichtiges Ziel der Aktion war ja auch die Einbeziehung
des Mediums Internet im Hinblick auf die Suche nach Material zu einem eng
umrissenen Themenkreis. Weiterhin galt es die sehr unterschiedlichen Materialien
zu sammeln, zu bewerten und teilweise kurz vorzustellen. Insofern kann eine
solche Recherche schon sinnvoll sein.
Als sehr enttäuschend erwies sich die Suche bei den deutschen Archiven.
Fast alle Sammlungen sind zwar erwähnt und anwählbar, nur findet
man bei ihrem Besuch keine konkreten Daten und nur selten einzelne Dokumente
oder Bildmaterial. Man ist wohl darauf angewiesen, diese persönlich
aufzusuchen und vor Ort nach geeigentem Material zu suchen. Zu einigen Archiven
gab es einen kurzen EMailkontakten. Man wies bezüglich dieses Mangels
zum einen auf die riesige Fülle von Material hin, welches wohl kaum
in absehbarer Zeit online einsehbar sein dürfte und zum anderen auf
den Umstand, dass der finanzielle und personelle Rahmen für die
Inangriffnahme der Digitalisierung zu knapp bemessen ist.
Ein kurzes Resümee
Die Unterrichtsreihe mit ihrem eher klassischen Thema der Industrialisierung
erfuhr durch die Einbeziehung der Arbeit mit den Datenreihen und des Mediums
Internet eine für alle Beteiligten interessante Bereicherung und in
vielen Aspekten eine ungewohnte Orientierung. Die Verbindung des konventionellen
Geschichtsunterrichts mit diesen beiden neuen Komponenten war ein Versuch,
neue Medien in den Unterricht einzubeziehen, und somit seine Bandbreite zu
vergrößern. Sie erzeugte viele Eigeninitiativen, manchmal auch
unvorhersehbare Wendungen und Einsichten und stellte auch die Lehrerperson
in eine neue Rolle. Das freie Arbeiten mit dem Tabellenkalkulationsprogramm
zusammen mit der Darstellung der Daten durch Diagramme und die Recherche
im WWW lassen sich weder genau planen noch bezüglich der erzielten
Ergebnissen einigermaßen abschätzen. Es erfordert schon ein wenig
Mut, sich diesem offenen Unternehmen zu stellen und auf
unerwartete Wendungen reagieren zu müssen. Auch die Technik selbst
kann einem einen Strich durch die Rechnung machen. Der Zeitaufwand ist nicht
genau einschätzbar und wird eher unterschätzt. Ebenso schlägt
der Arbeitsaufwand sehr zu Buche. Ungeachtet dieser Widrigkeiten hatten alle
Beteiligten viel Freude an diesem Projekt oder vielleicht gerade deshalb?
Die Liste der URLs ist natürlich sehr speziell zu sehen. Bei der
nächsten Durchführung wird man sicherlich andere Adressen zu
untersuchen haben. Aber sie Sicherheit, dass ein solches Unterrichtsvorhaben
ein für alle Seiten ansprechendes Ergebnis sein wird, ist gelegt. Insofern
freuen wir uns auf den zweiten Durchgang, wann immer er auch stattfinden
wird.
Claudia Prast
Ulrich Scheitzbach