Aber auch wenn die Sklaverei abgeschafft wurde, so existiert sie für
viele in einer "kultivierten" Form immer noch: So fordert Bob Marley in
seinem "Redemption-Song" auf der LP "Uprising": "Emancipate yourself
from mental slavery!" Befreie dich von der geistigen Abhängigkeit.
Die Wurzeln dieser geistigen Abhängigkeit reichen zurück bis in die Anfänge
des Sklavenhandels: Die Sklaven wurden damals aus hochorganisierten Staatswesen
gerissen, deren Lebensstandard vergleichbar mit dem eines Mitteleuropäers war.
Auf den Sklavenschiffen wurden die Afrikaner, die aus verschiedenen Gesellschaften
stammten und somit verschiedene Sprachen sprachen, zusammengepfercht.
Eine Gemeinschaft, die auf dem Austausch von Information verbaler Art beruht und
daher ihre Stärke entwickelt, konnte gar nicht zustande kommen. Plantagenbesitzer
bestellten ganz bewußt Sklaven aus verschiedenen Herkunftsregionen
Hinter dieser "Sprachverwirrung" steckt ein Zwangssystem, das es den Europäern erst
ermöglichte, den Sklaven nicht nur ihre Freiheit sondern auch ihr afrikanisches Bewußtsein
zu rauben. Das Ziel – die Zersplitterung der Sklaven untereinander - war erreicht.
Aus der Notwendigkeit heraus entwickelte sich so die Pidgin-Sprache der Sklaven,
denn diese waren darauf angewiesen, die Befehle ihrer "Herren" zu verstehen, um
Bestrafung zu vermeiden. Daraus entstand später das jamaikanische Creole-Englisch.
Das Englisch der Weißen stellt die Grundstruktur, die bei weitem meisten Worte und
Großteile der Grammatik. Dazu kommen afrikanische Ausdrücke, Wörter, Satzstruktur
und die alles dominierende Intonation. Dann ist da auch noch Spanisch dabei von den
ersten Besatzern Jamaikas überhaupt und in späterer Zeit kamen noch Elemente anderer
Einwanderersprachen dazu, z.B. Indisch und Chinesisch. Und plötzlich waren die Weißen
nicht mehr in der Lage, die Sprache zu verstehen.....
Unter den Bedingungen der Ausbeutung und Unterdrückung konnten die Sklaven nur
wenige Elemente ihrer Kultur erhalten. Diese stammen größtenteils aus der religiösen
Tradition der Afrikaner, etwa Spiritualismus, Tanz, Musik, Intonation und Rhythmik
der Sprache. Eine reine Form afrikanischer Religion war der Obeah-Kult, eine schon
mehr kreolisierte der Myal-Kult, aus dem sich eine Reihe weiterer Sekten entwickelten.
3.2.1. Afrikanische Einflüsse auf die Religionen Jamaikas
Das Wort "Obeah" kommt von Twi (Obayi = Zauberer): Der Zauberer oder
Obeahmann verhängt oder verkauft Zauber an Klienten und bedient sich dabei
auch der Geister oder Schattenseelen, "Duppies", von Verstorbenen. In Timothy Whites
Biographie von Bob Marley beschreibt er einen Kampf Bobs und Ritas mit einer
Schattenseele. Dies ist also bis heute durchaus ein Element des jamaikanischen Lebens.
Zwar gesetzlich verboten, wird Obeah auch heute noch praktiziert.
Zur Unschädlichmachung des Zaubers des Obeah dient das Gemeinschaftsritual
Kumina, das in Form des ekstatischen Tanzes vollzogen wird. Das Wort stammt
ebenfalls aus dem Twi (akom-ana = Besessen von einem Ahnen). Im Zustand des
Besessenseins, myal, durch den Geist eines Ahnen, erhält das Medium Auskunft
zu konkreten Fragen. Der Myalismus gilt als die erste jamaikanische Religion,
die nach klassischen afrikanischen Vorbild geformt ist. Er trat von den 60ern
des 18. Jhd's bis zu den 60ern des 19. Jhd's als eine panafrikanische religiöse
Gesellschaft zum Schutze der Sklaven gegen europäische Zauberei auf.
Allen gemein ist der Glaube an eine Welt der Geister und Götter, mit denen
man in kultischen Zeremonien kommunizieren kann. Durch Trommeln und Tanz bis
hin zur Trance gelangt man in den Kontakt zu den Göttern.
Das Zelebrieren der Volksreligionen gab den Sklaven eine kulturelle
Identität und die Kraft zum Widerstand.
3.2.2. Christliche Einflüsse auf die Religionen Jamaikas
Die Church of England, die mit den Plantagenbesitzern nach Jamaika kam,
weigerte sich ihre Religion mit den Sklaven - Menschen "niederer Rasse" - zu
teilen, so daß an der Stelle der etablierten englischen Kirche die Sekten der
Moravianer (1734), Methodisten (1736), Baptisten (1783) und Presbyterianer
(1823) Interesse bei den Sklaven fanden. Sie wurden von der Sklavenhaltergesellschaft
als bedrohlich angesehen und aufs schärfste verfolgt.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts begannen die ersten Prediger - Schwarze - die
christliche Lehre zu verkünden. Ihnen folgten 20 Jahre später eine große Zahl
europäischer Missionare. Allerdings gelang es diesen nicht, die afrikanische
Religion vollständig zu ersetzen. Es kam zu Mischformen, die entweder mehr
afrikanisch oder mehr christlich waren.
Da die etablierten Religionen traditionsgebunden und konservativ bis hin zur
Rigidität sind, konnten diese nicht die Religion der leidenden Massen sein.
Mit George Liele und Moses Baker trafen 1783 die ersten schwarzen Prediger aus
Nordamerika ein. Sie begründeten die erste schwarze Kirche "Native Baptists" und
schufen eine Einrichtung für schwarze Kinder. Entscheidend für ihren Erfolg war
die Verknüpfung der christlichen Botschaft mit afrikanischer Spiritualität. Sie
rückten die Taufe mehr in den Mittelpunkt: Das Untertauchen in den Flüssen, in
denen nach afrikanischer Auffassung die schützenden Geister zu Hause sind.
Konsequenterweise wurde Johannes der Täufer Jesus übergeordnet.
3.2.2.1. Äthiopianismus
1860/61, zwanzig Jahre nach Abschaffung der Sklaverei fand eine weitere
religiöse Bewegung viele Anhänger auf Jamaika: The Great Revival (Die große
Erweckung). Einige schwarze Priester, die heimlich schreiben gelernt hatten,
da die Schwarzen bewußt in Unbildung gehalten wurden, vertieften sich in das
einzige ihnen zugängliche Buch: die Bibel. Sie entdeckten die kulturelle
Bedeutung des alten Ägyptens und Äthiopiens und aus ihrer völlig neuen
Bibelauslegung, die den Bedürfnissen der Schwarzen gerecht wurde, entstand
der Äthiopianismus als religiös-politische Bewegung.
Doch der Äthiopianismus reicht weiter zurück: Bereits Ende der 80er Jahre
des 19. Jhd. hatte der Methodistenpfarrer Mangena Mka Mokone seine "Äthiopische
Kirche" gegründet, aber der Äthiopianismus als Denkweise ist gewiß noch älter.
Die Symbolkraft Äthiopiens entstand im Umgang mit der Bibel, die nach
Ansicht des schwarzen Theologen F.S. Roades mehr als 80 Verweise auf Schwarze
enthält, was aus seiner Sicht beweist, daß Gott ein Gott der schwarzen Völker
ist.
Die äthiopischen Christen sagten, daß hier die Prophetie Davids erfüllt
wurde: "Äthiopien wird seine Hände erheben und Gott entgegenstrecken". Also
sagen sie, daß sie die ersten Christen der Welt waren. Für die Einstellung
der Europäer zu den Schwarzen sind jedoch die Einstellungen der Kirchenväter
Ambrosius und Hieronymus maßgeblich, die in Äthiopia den Inbegriff der Sünde
sehen.
So der italienische Jesuit Jorge Benci 1705, der Hieronymus als Zeugen
anführt, welcher sagt, "daß man in den Heiligen Schriften nicht irgendwelche
Sünder Äthiopier nennt, sondern die, die von der schwarzen Farbe aller Laster
befleckt sind".
"Wie die Sünde ursächlich für die schwarze Körperfarbe verantwortlich ist,
so begründet sie auch die Sklaverei, war doch Kanaan nach
Gen 9, 18-27 [King James Bible] der erste
Sklave überhaupt."
"Der erste", so argumentiert Kirchenvater Ambrosius, "der wegen seiner
Schuld den Namen eines Sklaven erhielt".
Sowohl der Äthiopianismus wie auch das alte Testament beeinflußten den
Glauben der Sklaven, denn die äthiopischen Verweisungen in der Bibel, die den
schwarzen Menschen in einem würdigen und humanen Licht zeigen, konnte den
Sklaven nicht nur als eine Quelle des Trostes dienen, sondern die Bibel war zudem
ihre einzige Quelle, um etwas über Afrika zu erfahren.