4.2. Haile Selassie I.
Im November 1930 wurde der Äthiopier Ras Tafari Makonnen in einer
triumphalen Zeremonie zum Kaiser seines Landes gekrönt. Er legte seinen
bürgerlichen Namen Ras Tafari (Ras = Fürst) ab und nannte sich seine
kaiserliche Majestät Haile Selassie I (Kraft der Dreieinigkeit). Haile
Selassie gilt als der 225. Nachfahre der königlichen Linie von David.
Ein Erbe des König Solomon und der Königin von Sheba (Saba), äthiopische
Könige.
Am 7. Oktober 1928 wurde er zum König (negus) gekrönt. Auf dem Weg
dorthin exekutierte er mehrere Rivalen. Zum Kaiser bzw. "König der Könige"
(Negusä nägäst) wurde er erst am 2. November 1930 gekrönt, nach dem mysteriösen
Tod der Kaiserin Zawditu. Sein vollständiger Titel lautet:
His Imperial Majesty Haile Selassie, King of Kings, Lord of the
Lords, Conquering Lion of the tribe of Judah, Elect of God, Emperor of
Ethiopia.
Jamaika
Die Anhänger Garveys in Jamaika lasen von diesem Ereignis und
konsultierten ihre Bibel nach einem Zeichen: Könnte dies der Schwarze
König sein, von dem Garvey sprach? Offenbarung 5:2,5
"And I saw a strong angel proclaiming with a loud
voice, ‚Who is worthy to open the book, and to loose the seals thereof?
And one of the elders saith unto me, ‚Weep not: behold, the Lion of Judah,
the Root of David, hath prevailed to open the book, and to loose the seven
spirits of God send forth into all the earth".
Für viele Schwarze war dieser Tag die Erfüllung von Garveys Prophezeihungen.
Haile Selassie wurde als lebendiger Gott angesehen, der die Rückkehr und
Wiedervereinigung aller Schwarzen in Afrika bereiten würde. Auf Jamaika
bildete sich eine religiöse Gemeinschaft, deren Mitglieder sich nach Haile
Selassies bürgerlichem Namen "Rastafarians" nannten.
Jah Lloyd erläutert die Bedeutung dieses Namens:
"[...], das Wort "Rastafari" ist ein amharisches Wort
und daher ein ursprünglicher Laut der Schöpfung. Seine Deutung ist die folgende:
"Jah" heißt Jehova, "Ras" bedeutet Haupt, und "Tafari ist ein passives Verb mit
der Bedeutung "gefürchtet werden". Zusammen ergibt das also: "das Haupt des
Allmächtigen, der Wert ist gefürchtet zu werden"."
Anfang der dreißiger Jahre berichtete die jamaikanische Tageszeitung "Daily
Gleaner" von einem "Niyabingi"-Orden in Äthiopien und im Kongo, der angeblich
von Selassie persönlich geführt und der weißen Rasse einen vernichtenden Krieg
geschworen hatte. Die jamaikanischen Rastafarians begriffen sich ebenfalls als
Niybingi-Krieger in der Armee ihres Gottes und schworen "Tod allen Weißen und
Schwarzen Unterdrückern".
Leonard Howell, der das Buch von Webb studiert hatte, begann in Jamaika
die Göttlichkeit des äthiopischen Kaisers zu predigen und die Glaubensgrundsätze
der Rastafari-Lehre zu verkünden:
- Die Schwarzen sind Reinkarnation der alten Israeliten und wurden wegen
ihrer Übertretungen nach Westindien exiliert.
- Haile Selassie ist der lebendige Gott und Kaiser der Welt.
- Äthiopien ist der Himmel. Die Situation auf Jamaika ist hoffnungslos die Hölle.
- Schwarze sind den Weißen überlegen. Sie werden bald die Welt regieren.
- Bald werden die Schwarzen sich an den Weißen rächen.
- Ihr Gott und Kaiser wird bald die Rückkehr in ihr Heimatland Äthiopien arrangieren.
Diese Glaubensätze waren etwa bis 1953 gültig. Man sollte sie aber
nicht zwingend als rassistische Diskriminierung sehen. Vielmehr ist ihre Aussage,
daß Schwarze, durch den langen Weg der Unterdrückung in Babylon geprägt, eine
andere, höhere Ebene der Erleuchtung erreicht haben und somit auserlesen sind.
Die Rastafari-Religion bekam massenhaft Zulauf aus den Ghettos, da sie es den
Schwarzen ermöglichte ein neues Selbstwertgefühl aufzubauen, Stolz zu entwickeln und
sich spirituell zu emanzipieren. Haile Selassi-Bildnisse wurden wie Reliquien verehrt.
Howell verkaufte sie und erzählte, sie seien zugleich Paß und Visum für die baldige
Einreise nach Äthiopien.
Äthiopien
1936 mußte Haile Selassie – nach der Invasion seines Landes durch die italienischen
Faschisten – ins Exil, zunächst nach Jerusalem, dann nach England. Im Mai 1940 rettete
Winston Churchill ihn aus seinen Schwierigkeiten, als Italien als Feind Großbritanniens
offiziell in den zweiten Weltkrieg eintrat. Von den Briten nach Khartum eingeschmuggelt,
organisierte Selassie in den Wüsten des Sudan eine Armee.. Am 5.Mai 1941 gelangte er
wieder auf seinen Thron in Addis Abbeba. Seine Krönung und der Sieg über die weißen
Angreifer ließ sein Ansehen in der Schwarzen Welt gewaltig wachsen.
Er führte Reformen durch und wollte Äthiopien in ein modernes Land verwandeln.
1955 erließ er eine neue Verfassung, die allen seinen Untertanen das allgemeine Wahlrecht
und Gleichheit nach dem Gesetz zusprach, aber das Dokument enthielt einen entscheidenden
Vorbehalt:
"Kraft seines kaiserlichen Blutes sowie der Salbung, die ER empfangen
hat, ist die Person des Kaisers heilig. Seine Würde ist unverletzlich und seine Macht unbestreitbar".
Jamaika
1958 lud ein anderer, selbst ernannter Rasta-Führer ca. 300 Brüder zu
einem großen "Niyabingi" ein. Sie gaben sich 21 Tage lang dem Ganja-Rauchen,
Trommeln, Tanzen und der Liebe hin. Eine militante Fraktion der großen
Bruderschaft versuchte schließlich den Victoria-Park zu besetzen, um von
dort aus die ganze Stadt im Namen Selassies zu erobern.
1959 verkaufte ein weiterer Rasta-Prediger erneut Schiffstickets für
den von ihm benannten Termin für die Rückfahrt nach Afrika: den 5. Oktober
1959. Leider tauchte an dem Tag aber kein Schiff am Horizont auf: Er wurde
verhaftet und ließ seine Brüder, die all ihr Hab und Gut verkauft hatten,
obdachlos im Ghetto Kingstons zurück.
Die abwegige Forderung nach der Afrikamission wurde von Manley, dem
Vorsitzenden der Jamaika Labour Party als erster realisiert - denn er
wußte, daß sie in einem Fiasko enden muß. Haile Selassie war durchaus
bereit, Jamaikaner in seinem Land aufzunehmen, nur sollten es bitte nicht
diese langhaarigen, marihuana-rauchenden Rastas sein, die sich weigerten
Steuern zu zahlen. Ärzte, Ingenieure und andere hochqualifizierte Einwanderer
waren hingegen willkommen. Diese wußten jedoch, daß sie in Jamaika besser
leben konnten als in Äthiopien und sie wußten auch, daß Haile Selassie ein
Despot war, der in Luxus schwelgte, während sein Volk vor den Palasttoren
verhungerte.
Äthiopien
1960 gab es in Äthiopien eine Palastrevolte, die von Haile Selassies Sohn,
Kronprinz Asfa Wossen, unterstützt wurde. Von seinem Staatsbesuch in Brasilien
zurückgekehrt ließ der Kaiser den Aufstand niederschlagen. Erklärtes Ziel des
Umsturzversuches war es gewesen, ein neues Regime einzusetzen , das einen
rascheren gesellschaftlichen und ökonomischen Fortschritt gewährleisten sollte.
Jamaika
Im April 1966 hat Norman Manley dann - sozusagen als Trostpflaster - Haile
Selassie nach Jamaika eingeladen. Hunderttausende drängten sich hinter den
Absperrungen auf dem Flughafen. Es regnete in Strömen. In dem Moment als die
Tür der Maschine aufging und der Kaiser heraustrat, riß die Wolkendecke auf
und die Sonne schien auf das Rollfeld herunter. Die Rastas gerieten durch
dieses "himmlische Zeichen" in einen Taumel der Begeisterung und waren nicht
mehr zu halten. Sie rissen die Absperrungen nieder und stürmten jubelnd auf das
Rollfeld. Selassie floh erschrocken zurück in die Maschine und traute sich eine
halbe Stunde lang nicht, die Bordluke wieder zu öffnen.
Während seines Besuchs in Jamaika äußerte sich Selassie weder zum Rastafari-Kult
noch zu seiner angeblichen Göttlichkeit. Dennoch verbreitete sich bei den Rastas
sehr schnell ein Gerücht, demzufolge der Kaiser einigen Rasta-Älteren ein geheimes
Kommunique übergeben habe, in dem er sie aufforderte, Jamaika zuerst aus den Klauen
des Neokolonialismus zu befreien, bevor sie nach Afrika auswanderten: "liberation
before emigration".
Dadurch wurde ein wunder - weil konkreter - Punkt in der Rasta-Religion beseitigt,
denn die bisher nicht erfüllte Prophezeiung der Erlösung des schwarzen Volkes durch
die Rückkehr nach Afrika wurde nun auf einen unabsehbaren Zeitpunkt vertagt...
Äthiopien
Selassie begann nach der Palastrevolte seine Volk über seine politischen Ziele
per Rundfunkansprache zu informieren, doch viele waren der Meinung, er täte zu
wenig und es sei überdies zu spät. Eine winzige Fraktion der intellektuellen Elite
Äthiopiens machte sich in den frühen 70ern bemerkbar, als das sogenannte Horn
von Afrika zu einer der strategisch wichtigsten und politisch unsichersten Regionen
der Welt wurde. Die USA schickten Militärhilfe, um die äthiopische Armee zu stärken.
Die Sowjetunion bewaffnete den ewigen Feind Somalia und unterstützte den
revolutionären Befreiungskampf in der Region Eritrea.
Am 27.August 1975 starb Haile Selassie als entmachteter und gedemütigter Mann
nach einer jahrzehntelangen Feudalherrschaft in einer kleinen Wohnung im Palast.
Doch die jamaikanischen Rastas interessieren die Nachrichten über seine
Grausamkeiten und sein Versagen nicht. Für sie ist eine solche Meldung
ein weiterer Versuch der weißen Unterdrücker, die Macht und Werte Afrikas
zu untergraben. Und: "you nuh cyan bury Jah" sagen die Rastas, "Jah kann man
nicht begraben.
Daher ist auch nach dem Tod von Haile Selassie Äthiopien das Land der
Verheißung und "Jah Rastafari" lebt, denn Gott stirbt für die Rastafarians
niemals.