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Rastafarianismus

4. Rastafari

Marcus Garvey

4.1. Marcus Garvey

Als der schwarze Jamaikaner Marcus Garvey Anfang des 20. Jhd. einen schwarzen Nationalismus predigte, löste er damit in Nordamerika eine Massenbewegung aus. Auf Jamaika wurde er Begründer der "Back to Africa"-Bewegung. Er predigte die Ebenbürtigkeit von Schwarz und Weiß und versuchte das gebrochene Selbstwertgefühl der Schwarzen aufzurichten, indem er sie aufforderte zu ihren eigenen Wurzeln zurückzukehren und die ihnen aufgezwängte westliche Kultur abzulegen. Er lehrte, daß Jamaika nicht das Land der Schwarzen, sondern das Land der weißen Ausbeuter - nämlich Babylon - ist. Das wahre Land ist Zion, Zion in Afrika, aus dem die Weißen die Schwarzen verschleppt haben.

Garveys Endziel war die Rückkehr aller Schwarzen nach Äthiopien, dem einzigen nie kolonialisierten selbständigen afrikanischen Land. In seiner Sprache ein Synonym für ganz Afrika.

"If the white man has the idea of a white God, let him worship his God as he desires. If the yellow man's God is of his race let him worship God as he sees fit. We, as Negroes, have found a new ideal. Whilst our God has no colour, yet it is human to see everything through one's own spectacles, and since white people have seen their God through white spectacles, we have only now started out (late though it be) to see our God through our own spectacles. The God Isaac and the God Jacob let Him exist for the race that believes in the God of Isaac and the God of Jacob. We negroes believe in the God of Ethiopia, the everlasting God - God the Father, God the son and God the Holy Ghost, the one God of all ages. That is the God in whom we believe, but we shall worship Him through the spectacles of Ethiopia."
(Marcus Garvey laut seiner Frau Amy Jaques Garvey, Philosophy and Opinions of Marcus Garvey, 1982 zit. nach Kremser (Hrsg.), 1991)

Black Star Liner Aktie Black Star Liner Plakat

1919 gründete Garvey die Schiffahrtslinie Black Star Line, die die Transportverbindung nach Afrika herstellen sollte. Er stellte Aktien nur für Schwarze bereit und nahm Millionen von Dollar ein, indem er einzelne Anteile zu 5 $ verkaufte. Es wird gesagt, daß Garvey gar nicht vorhatte, Schwarze zurück nach Afrika zu transportieren, daß dieses Argument nur eines von besonders geschäftstüchtigen Spendeneintreibern sei. Trotz konstanter Verfolgung durch die Behörden kaufte die Gesellschaft einen alten Baumwollfrachter und begann 1920 den Handel zwischen Jamaika und New York aufzunehmen.

Seine auf 3 MillionenAnhänger geschätzte Bewegung "Universal Negro Improvement Association" (UNIA) stellte damals einen beachtlichen politischen Faktor dar.

"What We Believe"

The Universal Negro Improvement Asociation advocates the uniting and blending of all Negroes into one strong and healthy race. It is against miscegantion and race suicide. It believes that the Negro race is as good as any other, and therefore should be proud of itself as others are. It believes in the purity of the negro race and the purity of the white race. It is against rich blacks marrying poor whites. It is against rich or poor whites taking advantage of Negro women. It believes in the spiritual Fatherhood of God and the Brotherhood of Man. It believes in the social and political seperation of all people to the extent that they promote their own ideals and civilisation, with the privilege of trading and doing business whith each other. It believes in the promotion of a strong and powerful Negro nation in Africa. It believes in the rights of all men.
Marcus Garvey, President-General, 1.1.1924"

Großen Einfluß übte er auf junge afrikanische Politiker aus – so z.B. auf "Zik" Azikiwe aus Ghana, Kwame Nkrumah aus Ghana und Jomo Kenjatta aus Kenia, die später ihre Länder in die Unabhängigkeit führten. In den Vereinigten Staaten kam es unter Garveys Einfluß zu der berühmten Busfahrt von Montgomery, die die Bürgerechtsbewegung auslöste.

1921 gründete Garvey in New York die "African Orthodox Church" bevor er 1925 aufgrund fingierter Beweise wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis kam und 1927 nach Jamaika abgeschoben wurde.

Er starb 1940 in aller Stille in London, der Leichnam wurde feierlich nach Jamaika überführt und in einem Mausoleum beigesetzt.

Garvey wird seit der Unabhängigkeit Jamaikas als Nationalheld verehrt. Einer seiner wichtigsten überlieferten Sätze ist:

"Schaut nach Afrika, wenn ein schwarzer König gekrönt werden wird, dann ist der Tag der Erlösung nahe!"

Es ist allerdings sehr umstritten, ob dieser Satz wirklich aus Garveys Mund stammt. Reverend James Morris Webb, ein Mitarbeiter Garveys, hat ein Buch mit dem Titel: "A Black Man Will Be The Coming Universal King, Proven By Biblical History" geschrieben, in dem die Prophezeiung genau so zu finden war, wie man sie Garvey in den Mund gelegt hat.

4.2. Haile Selassie I.

Haile Selassie I.

Im November 1930 wurde der Äthiopier Ras Tafari Makonnen in einer triumphalen Zeremonie zum Kaiser seines Landes gekrönt. Er legte seinen bürgerlichen Namen Ras Tafari (Ras = Fürst) ab und nannte sich seine kaiserliche Majestät Haile Selassie I (Kraft der Dreieinigkeit). Haile Selassie gilt als der 225. Nachfahre der königlichen Linie von David. Ein Erbe des König Solomon und der Königin von Sheba (Saba), äthiopische Könige.

Am 7. Oktober 1928 wurde er zum König (negus) gekrönt. Auf dem Weg dorthin exekutierte er mehrere Rivalen. Zum Kaiser bzw. "König der Könige" (Negusä nägäst) wurde er erst am 2. November 1930 gekrönt, nach dem mysteriösen Tod der Kaiserin Zawditu. Sein vollständiger Titel lautet:

His Imperial Majesty Haile Selassie, King of Kings, Lord of the Lords, Conquering Lion of the tribe of Judah, Elect of God, Emperor of Ethiopia.

Jamaika

Die Anhänger Garveys in Jamaika lasen von diesem Ereignis und konsultierten ihre Bibel nach einem Zeichen: Könnte dies der Schwarze König sein, von dem Garvey sprach? Offenbarung 5:2,5

"And I saw a strong angel proclaiming with a loud voice, ‚Who is worthy to open the book, and to loose the seals thereof? And one of the elders saith unto me, ‚Weep not: behold, the Lion of Judah, the Root of David, hath prevailed to open the book, and to loose the seven spirits of God send forth into all the earth".

Für viele Schwarze war dieser Tag die Erfüllung von Garveys Prophezeihungen. Haile Selassie wurde als lebendiger Gott angesehen, der die Rückkehr und Wiedervereinigung aller Schwarzen in Afrika bereiten würde. Auf Jamaika bildete sich eine religiöse Gemeinschaft, deren Mitglieder sich nach Haile Selassies bürgerlichem Namen "Rastafarians" nannten. Jah Lloyd erläutert die Bedeutung dieses Namens:

"[...], das Wort "Rastafari" ist ein amharisches Wort und daher ein ursprünglicher Laut der Schöpfung. Seine Deutung ist die folgende: "Jah" heißt Jehova, "Ras" bedeutet Haupt, und "Tafari ist ein passives Verb mit der Bedeutung "gefürchtet werden". Zusammen ergibt das also: "das Haupt des Allmächtigen, der Wert ist gefürchtet zu werden"."

Anfang der dreißiger Jahre berichtete die jamaikanische Tageszeitung "Daily Gleaner" von einem "Niyabingi"-Orden in Äthiopien und im Kongo, der angeblich von Selassie persönlich geführt und der weißen Rasse einen vernichtenden Krieg geschworen hatte. Die jamaikanischen Rastafarians begriffen sich ebenfalls als Niybingi-Krieger in der Armee ihres Gottes und schworen "Tod allen Weißen und Schwarzen Unterdrückern".

Leonard Howell, der das Buch von Webb studiert hatte, begann in Jamaika die Göttlichkeit des äthiopischen Kaisers zu predigen und die Glaubensgrundsätze der Rastafari-Lehre zu verkünden:

  1. Die Schwarzen sind Reinkarnation der alten Israeliten und wurden wegen ihrer Übertretungen nach Westindien exiliert.
  2. Haile Selassie ist der lebendige Gott und Kaiser der Welt.
  3. Äthiopien ist der Himmel. Die Situation auf Jamaika ist hoffnungslos die Hölle.
  4. Schwarze sind den Weißen überlegen. Sie werden bald die Welt regieren.
  5. Bald werden die Schwarzen sich an den Weißen rächen.
  6. Ihr Gott und Kaiser wird bald die Rückkehr in ihr Heimatland Äthiopien arrangieren.

Diese Glaubensätze waren etwa bis 1953 gültig. Man sollte sie aber nicht zwingend als rassistische Diskriminierung sehen. Vielmehr ist ihre Aussage, daß Schwarze, durch den langen Weg der Unterdrückung in Babylon geprägt, eine andere, höhere Ebene der Erleuchtung erreicht haben und somit auserlesen sind.

Die Rastafari-Religion bekam massenhaft Zulauf aus den Ghettos, da sie es den Schwarzen ermöglichte ein neues Selbstwertgefühl aufzubauen, Stolz zu entwickeln und sich spirituell zu emanzipieren. Haile Selassi-Bildnisse wurden wie Reliquien verehrt. Howell verkaufte sie und erzählte, sie seien zugleich Paß und Visum für die baldige Einreise nach Äthiopien.

Äthiopien

1936 mußte Haile Selassie – nach der Invasion seines Landes durch die italienischen Faschisten – ins Exil, zunächst nach Jerusalem, dann nach England. Im Mai 1940 rettete Winston Churchill ihn aus seinen Schwierigkeiten, als Italien als Feind Großbritanniens offiziell in den zweiten Weltkrieg eintrat. Von den Briten nach Khartum eingeschmuggelt, organisierte Selassie in den Wüsten des Sudan eine Armee.. Am 5.Mai 1941 gelangte er wieder auf seinen Thron in Addis Abbeba. Seine Krönung und der Sieg über die weißen Angreifer ließ sein Ansehen in der Schwarzen Welt gewaltig wachsen.

Er führte Reformen durch und wollte Äthiopien in ein modernes Land verwandeln. 1955 erließ er eine neue Verfassung, die allen seinen Untertanen das allgemeine Wahlrecht und Gleichheit nach dem Gesetz zusprach, aber das Dokument enthielt einen entscheidenden Vorbehalt:

"Kraft seines kaiserlichen Blutes sowie der Salbung, die ER empfangen hat, ist die Person des Kaisers heilig. Seine Würde ist unverletzlich und seine Macht unbestreitbar".

Jamaika

1958 lud ein anderer, selbst ernannter Rasta-Führer ca. 300 Brüder zu einem großen "Niyabingi" ein. Sie gaben sich 21 Tage lang dem Ganja-Rauchen, Trommeln, Tanzen und der Liebe hin. Eine militante Fraktion der großen Bruderschaft versuchte schließlich den Victoria-Park zu besetzen, um von dort aus die ganze Stadt im Namen Selassies zu erobern.

1959 verkaufte ein weiterer Rasta-Prediger erneut Schiffstickets für den von ihm benannten Termin für die Rückfahrt nach Afrika: den 5. Oktober 1959. Leider tauchte an dem Tag aber kein Schiff am Horizont auf: Er wurde verhaftet und ließ seine Brüder, die all ihr Hab und Gut verkauft hatten, obdachlos im Ghetto Kingstons zurück.

Die abwegige Forderung nach der Afrikamission wurde von Manley, dem Vorsitzenden der Jamaika Labour Party als erster realisiert - denn er wußte, daß sie in einem Fiasko enden muß. Haile Selassie war durchaus bereit, Jamaikaner in seinem Land aufzunehmen, nur sollten es bitte nicht diese langhaarigen, marihuana-rauchenden Rastas sein, die sich weigerten Steuern zu zahlen. Ärzte, Ingenieure und andere hochqualifizierte Einwanderer waren hingegen willkommen. Diese wußten jedoch, daß sie in Jamaika besser leben konnten als in Äthiopien und sie wußten auch, daß Haile Selassie ein Despot war, der in Luxus schwelgte, während sein Volk vor den Palasttoren verhungerte.

Äthiopien

1960 gab es in Äthiopien eine Palastrevolte, die von Haile Selassies Sohn, Kronprinz Asfa Wossen, unterstützt wurde. Von seinem Staatsbesuch in Brasilien zurückgekehrt ließ der Kaiser den Aufstand niederschlagen. Erklärtes Ziel des Umsturzversuches war es gewesen, ein neues Regime einzusetzen , das einen rascheren gesellschaftlichen und ökonomischen Fortschritt gewährleisten sollte.

Jamaika

Im April 1966 hat Norman Manley dann - sozusagen als Trostpflaster - Haile Selassie nach Jamaika eingeladen. Hunderttausende drängten sich hinter den Absperrungen auf dem Flughafen. Es regnete in Strömen. In dem Moment als die Tür der Maschine aufging und der Kaiser heraustrat, riß die Wolkendecke auf und die Sonne schien auf das Rollfeld herunter. Die Rastas gerieten durch dieses "himmlische Zeichen" in einen Taumel der Begeisterung und waren nicht mehr zu halten. Sie rissen die Absperrungen nieder und stürmten jubelnd auf das Rollfeld. Selassie floh erschrocken zurück in die Maschine und traute sich eine halbe Stunde lang nicht, die Bordluke wieder zu öffnen.

Während seines Besuchs in Jamaika äußerte sich Selassie weder zum Rastafari-Kult noch zu seiner angeblichen Göttlichkeit. Dennoch verbreitete sich bei den Rastas sehr schnell ein Gerücht, demzufolge der Kaiser einigen Rasta-Älteren ein geheimes Kommunique übergeben habe, in dem er sie aufforderte, Jamaika zuerst aus den Klauen des Neokolonialismus zu befreien, bevor sie nach Afrika auswanderten: "liberation before emigration".

Haile Selassie I

Dadurch wurde ein wunder - weil konkreter - Punkt in der Rasta-Religion beseitigt, denn die bisher nicht erfüllte Prophezeiung der Erlösung des schwarzen Volkes durch die Rückkehr nach Afrika wurde nun auf einen unabsehbaren Zeitpunkt vertagt...

Äthiopien

Selassie begann nach der Palastrevolte seine Volk über seine politischen Ziele per Rundfunkansprache zu informieren, doch viele waren der Meinung, er täte zu wenig und es sei überdies zu spät. Eine winzige Fraktion der intellektuellen Elite Äthiopiens machte sich in den frühen 70ern bemerkbar, als das sogenannte Horn von Afrika zu einer der strategisch wichtigsten und politisch unsichersten Regionen der Welt wurde. Die USA schickten Militärhilfe, um die äthiopische Armee zu stärken. Die Sowjetunion bewaffnete den ewigen Feind Somalia und unterstützte den revolutionären Befreiungskampf in der Region Eritrea.

Am 27.August 1975 starb Haile Selassie als entmachteter und gedemütigter Mann nach einer jahrzehntelangen Feudalherrschaft in einer kleinen Wohnung im Palast.

Doch die jamaikanischen Rastas interessieren die Nachrichten über seine Grausamkeiten und sein Versagen nicht. Für sie ist eine solche Meldung ein weiterer Versuch der weißen Unterdrücker, die Macht und Werte Afrikas zu untergraben. Und: "you nuh cyan bury Jah" sagen die Rastas, "Jah kann man nicht begraben.

Daher ist auch nach dem Tod von Haile Selassie Äthiopien das Land der Verheißung und "Jah Rastafari" lebt, denn Gott stirbt für die Rastafarians niemals.

4.3. Phänomenologie des Rastafari

Zur Bestätigung von Garveys Prophezeihungen studierten die ersten Rastafarians die Bibel in der King James Version, deren Zuverlässigkeit als Quelle zur theologischen Wahrheitsfindung so beschrieben wird:

"Die Bibel ist ein sehr prophetisches Buch mit einer langen Geschichte der Moral, menschlichen und sozialen Lebens und Erfahrens."
(Jah Bones, One Love. Rastafari: History, Doctrine and Livity)

Im gewissen Sinne sind also die Rastafarians Biblizisten, wie es schon vor ihnen die puritanischen Herren gewesen waren. Die überlieferte Bibel ist für sie aber nur die Version des weißen Mannes. Sie ist den Rastafarians zwar heilig, sie enthält aber Verdrehungen und Auslassungen im Interesse der Machterhaltung der Sklavenhalter. Daher konzentrieren sich die Rastafarians beim Studium vor allem auf die fünf Bücher Mose, die Psalmen, das Hohelied, Jesaja, Ezechiel, im Neuen Testament auf die Briefe an Timotheus, an die Korinther, die Hebräer und die Offenbarung. In erster Linie wird die Bibel als ein Buch der Symbole gesehen.

4.3.1. Jah

"Jah. Der Name des Schöpfers in seiner zweiundsiebzigsten Reinkarnation auf dem Planeten Erde in der Person von Selassie I. Die Rastafaris wissen, daß dieser Name heutzutage die Macht des Allmächtigen enthält"

Die Herkunft des Gottesnamens ist ungeklärt.Die Erklärungsveruche reichen von der Gottesbezeichnung 'Jah' der Maroons über die Kurzform 'Jah' für Jehova in der englischen Bibel von 1539 bis 1758 bis hin zum Hindu-Wort 'Jai' in der Gottesverehrung der Hindus.

4.3.2. Schöpfungsgeschichte

Die ersten Menschen, die Jah in Gen 1,26 nach seinem Bilde schuf, waren schwarze Menschen, da ja auch Gott schwarz ist, denn "Gott ist schwarz" heißt es bei Jer 8:21 in der englischen Fassung und die Rastafarians begreifen sich als schwarze Israeliten.

Sie waren Gottes Auserwählte, denen er den Auftrag erteilte, fruchtbar zu sein und die Erde zu bevölkern. Bedeutsam ist auch, daß Jah den Mann und die Frau gleichzeitig und damit gleichwertig geschaffen hat. Erst danach hat Jah in Gen 2,7ff Adam und Eva geschaffen, die Vorfahren der Weißen, und zwar nacheinander und nicht gleichwertig. Ihnen wurde die Bearbeitung des Bodens aufgetragen, nicht jedoch wurde ihnen gesagt, fruchtbar zu sein und sich zu vermehren. Daher mußte beider Sexualität zur Sünde führen.

Die beiden zentralen Aspekte des Rastafarianismus sind die Göttlichkeit Haile Selassies und die Forderung nach Repatriierung.

4.3.3. Der lebendige Gott

Daß Gott bzw. Jah schwarz ist, wird wie gesagt aus Jer 8,21 abgeleitet:

"Ob des Schlages der Tochter meines Volkes bin ich zerschlagen; ich bin schwarz ("black" in der englischen Bibel), Entsetzen hat mich ergriffen".

Daher ist schwarz ein Synonym für Heiligkeit. Des weiteren wurde der Bibel entnommen, daß Jah in Äthiopien geboren wurde.

Für die Rastas kann der Gott der Christen nicht der wahre Gott sein. Er erscheint ihnen als Zerrbild Jahs - ein Gott des Haßes, des Blutes, der Unterdrückung und des Krieges. Die wahren Werte sind dagegen Liebe, Einheit, Friede, Gleichheit und Gerechtigkeit. Dieses sind die wahren Gesetze des Lebens und nur sie garantieren das ewige Leben.

4.3.4. Tod

Die Vorstellung von einem lebenden Gott führt direkt zum Glauben über den Tod: Denn Gott ist kein Geist, sondern ein Gott der Lebenden, in dieser Welt und nicht in einer transzendenten. Dieser Gott ist aktiv tätig in dieser Welt und in diesem Leben, im Menschen und in der Natur. Rastas glauben nicht an den Tod, sie glauben an das ewige Leben:

"Selbst wenn ein Rastafari infolge hohen Alters stirbt, ist er nicht wirklich tot. Die Atome seines Körpers wandern zurück in die Gesamtheit der Dinge. Diesselben Atome werden wieder für die Neubildung anderer Babies benutzt, und das Leben setzt sich fort wie zuvor."
(Ras Moses von der "Mystical Revelation of Rastafari")

Dies ist aber nahezu die klassische afrikanische Vorstellung von Seelenwanderung, wie sie heute noch z.B. bei den Yoruba anzutreffen ist.

4.3.5. Zion und Repatriation

Äthiopien war der einzige Staat auf dem afrikanischen Kontinent mit einer langen historischen Kontinuität, der sich allen Versuchen einer dauerhaften Besetzung zu widersetzen wußte. Und er verfügt über eine Tradition, nach der ihre Herrscher ihre Abkunft von den Königen des alten Testamentes ableiteten und als Nachkommen Davids und Verwandte von Jesus Christus galten, und die Bewohner des Landes als auserwähltes Volk. Die Rastafarians sind der Auffassung, daß sie das "heilige Volk", die Israeliten, sind. Nach Jesaja 62,12 die "Erlösten des Herrn". Diese sind, nach der Lehre des Rasta-Propheten Samuel Elisha Brown, die aus den 12 Stämmen sich zusammensetzenden Hundertvierundvierzigtausend aus Offb 7,4 und 14,1.

Wie können Länder, die unsere "Heimat" als Sklaven darstellten, auch noch unsere Heimat als Nichtsklaven sein? So lautet eine oft gestellte rhetorische Frage, die die Forderung nach der Repatriierung einleitet. "Jene, die uns verschleppt haben und von unserer Sklavenarbeit profitierten, sollen uns endlich freilassen und uns für das zugefügte Unrecht entschädigen".

Als in der jamaikanischen Tageszeitung "Daily Gleaner" am 14.8.1985 von der Entschuldigung des Papstes (Johannes Paul II.) für alle, an Afrikanerinnen und Afrikanern begangenen Missetaten der Christen - unter besonderer Erwähnung des Sklavenhandels - berichtet wurde, sahen Rastas darin das erstmalige Eingeständnis von Schuld durch die Schuldiger.

Heute ist Forderung nach einer Rückkehr nach Äthiopien mehr und mehr als ein Ziel im übertragenen Sinne zu verstehen, als eine Rückkehr nach einem Ort ohne Hunger und Armut, ohne Tränen und Leid, ohne Gewalt und Ausbeutung, eine spirituelle Heimat.

Tatsächlich gibt es in Äthiopien eine einzige Rasta-Enklave: Shashamane, auf "königlichem Land", das Haile Selassie I zur Verfügung gestellt hatte. Sie zählt allerdings nicht allzuviele Köpfe.

Zion ist der Ort, wo sich alle sammeln, die die Irrlehren Babylons nicht angenommen haben. Es ist der Schnittpunkt, wo sich Judentum und Christentum treffen. Zion ist das Königreich Gottes auf Erden.

4.3.6. Babylon

"Babylon. Das korrupte Establishment der westlichen Gesellschaft. Der Westen und die westliche Zivilisation, gegründet auf Kapitalismus, haben sich die Herrschaft über die Menschheit angemaßt. Das Wort wird auch in der engeren Bedeutung "Polizei" verwendet, denn diese schützt ja das niederträchtige System. Manchmal wird es auch speziell als Bezeichnung der ehemaligen Kolonialmacht benutzt, dem Zentrum der Finsternis und Verderbtheit."
(aus Itation of Jamaica)

In der alttestamentarischen Prophetie meint Babylon das geschichtliche Babel. "Babylon Dread", das schreckliche Babylon nach Offb 17,5 bzw. das "Römische System" ist die furchtbare Welt, in der die Rastafarians leben müssen, das Exil, aus dem sie, wie die Juden, heimkehren wollen in das gelobte Land. Aber nicht mehr die Juden gelten als das wahre Israel, sondern die Rastafarians sind die Auserwählten, die auf dem Berge Zion leben werden.

Doch was sie mit den Juden gemeinsam haben ist die Exilsituation: Zerstreuung und Verfolgung. Diese doppelte Erfahrung ist für die Rastafari-Existenz letztendlich konstitutiv.

Rastafari werden keine Waffe zur Hand nehmen und sich auch nicht mit dem Blut Babylons besudeln müssen, denn Babylon wird sich selbst vernichten. Jah T. argumentiert in einem reasoning, daß Staaten wie die USA aus reiner Gewinnsucht - "They worship the dollar as their God" - Waffen an eigene Feinde verkaufen, was zwangsläufig zur Erfüllung der biblischen Prophezeihung "The wicked shall fall through their own sword" führen müsse.

Bongo Hu-I sagt, daß zuerst jeder einzelne Babylon als das erkennen müsse, was es ist: ein Herrschaftssystem, das auf dem Konglomerat von Religion, Politik und Handel aufbaut. Wer sich für den Rasta way of life entscheide, könne nicht umhin, zu allererst Babylon in sich selbst zu bekämpfen - durch einen zielstrebigen Rückzug aus Religion, Politik und Handel. Jeder sei nun frei von Korruption und könne durch rechtschaffende Lebensweise und vertiefte Meditation weitere Stadien der Rasta Livity erreichen.

Das Lied "Rivers of Babylon", vielen bekannt als "happy reggaesound" ist fast wörtlich dem Psalm 137 aus der Bibel entnommen. Er ist ein Schlüssellied der Rastafaribewegung in Jamaika.

An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,
wenn wir Zion gedachten,
unsere Harfen hingen in den Weiden die daselbst sind.
Denn dort hießen uns singen,
die uns gefangen hielten
und in unserem Heulen fröhlich sein:
"Singet uns ein Lied von Zion"
"Wie sollen wir des Herren Lied singen
in fremden Ländern"

Als sich 1980 eine Million Schüler in Dublin zusammenfanden, um Papst Johannes Paul II. ihre Interpretation von "Rivers of Babylon" vorzusingen, war dies ein Triumph für die jamaikanischen Sufferahs. Der Papst hatte keine Ahnung, daß diese Rocksteady-Ballade aus den 70ern das unmittelbar bevorstehende Dahinscheiden des religiösen Reiches an der Mündung der Flüsse Aniene und Tiber prophezeite, dem er vorstand.

4.3.7. Armageddeon

Das Armageddeon ist der Endkampf von Gut und Böse und entspricht etwa der christlichen Vorstellung vom Jüngsten Gericht.

4.3.8. Irie

Ausdruck positiver Schwingungen ist das Rastawort "Irie", daß man bisweilen vom hebräischen und damit biblischen arjeh (Löwe) und Ariel (Löwe Gottes) ableitet. Löwen begleiten das Bild des Kaisers und zieren die Räumlichkeiten der Rastafaris. Nicht zuletzt ist der Löwe auch ein Symbol Afrikas.

4.3.9. The Lion of Judah

The Lion of Judah

"The Lion of Judah shall break every chain and bring us victory again and again". Dieser zentrale Leitgedanke - von früheren Rastas wie Howell als anti-kolonialer Schlachtruf gegen die italienische Invasion Äthiopiens durch Mussolini postuliert - machte weiten Kreisen der jamaikanischen Bevölkerung Rastafari erstmals in der Dimension als Theologie der Befreiung bewußt. "Every chain" meint jede Form der kolonialen, politischen, sozio-ökonomischen, kulturellen und religiösen Unterwerfung Schwarzer Menschen. Rastafari konfrontiert die soziale Realität der mannigfachen Unterdrückung, "Babylon System," mit ihrer Philosophie und Kultur der Befreiung.

Aus der Rasta-Religion hat sich eine Lebens- und Denkweise, Sprache und Musik entwickelt, die als eigenständige Kultur in der jamaikanischen Kultur zu sehen ist.

4.4. Denk-und Lebensweise der Rastafarians

Rastafari ist gelebte Religion, und die Faszination, die es auch auf westliche weiße Linke ausübt, erklärt sich nicht nur durch die Exotik und die hypnotisierende Musik, sondern auch durch die Haltung der Rastas gegenüber dem "System" und die konsequente Umsetzung von philosophischen Grundsätzen in gelebte "Alternativen".

Auf die Frage was die Rasta-Identität eigentlich ausmache, antwortete Lloyd:

"...as I would say: Rastafari Identity is Rastafari, who feels it - knows it, who never know it - a go feel it, seen"
(zit. nach Zips, 1990, In: Kremser (Hrsg.))

4.4.1. Oneness

Die gesamte Lebensweise der Rastas ist von der "oneness" bestimmt. Oneness ist Ausdruck des Gefühls der Zusammengehörigkeit zwischen den Rastafarians, aber auch Ausdruck einer universalen Liebe, des Gefühls der Durchdrungenheit von Gott. Viele Rastafarians leben gemeinschaftlich zusammen. Besitz ist indofern nicht bekannt. Im Idealfall wird Land, das benötigt wird, einfach genommen. So steht es im Psalm 24:1: "Die Erde ist des Herren und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen"

Arglist, Stehlen, Lügen, Habsucht, Eifersucht, Neid, Haß, Verrat sind verurteilungswürdige Verhaltensformen. Es herrscht in vielen Aspekten des Lebens eine Gleichberechtigung, aber nicht weil es Gesetze gibt, sondern einfach durch die konsequente Auffassung von der Allgegenwart Gottes. Sich über einen anderen zu stellen, würde bedeuten, Gott in ihm zu verachten.

4.4.2. Sprache

Ein anderer Ausdruck der Gleichheit spiegelt sich im Rasta-Dialekt wieder, der sog. I'n'I-Sprache (Ich-und-Ich-Sprache): Wenn Rastafarians von Gemeinschaft sprechen, gebrauchen sie statt "wir" den Ausdruck "I and I", "ich und ich". Ras Historian interpretierte es so:

"'Ich' in der normalen englischen Sprache 'I', ist die erste Person. Du, er, sie, es folgen als zweite und dritte Person. Wenn ich und Ich als Rastafarian die Zahlen betrachte, so kommt Eins zuerst. Sogar zwischen dem Zeichen 1 (eins) und I (für "ich") gibt es eine gewisse Ähnlichkeit. Deshalb betrachte Ich und Ich jedes Individuum, das ein Mitglied der Rastfarians ist, immer als "I". Anders gesagt, ein jeder ist immer der Erste. Denn es ist nur die Gesamtheit aller, die dieses ganze Ich bildet und so den vollkommenen Zustand hervorbringt."

Nach Dennis Forsythe, einem Soziologen und Rastafarian, unterscheidet man ein "little I" und ein "big I":

"Das "little I" oder Ich (für englisch me) bezieht sich auf das untere Selbst des Menschen, auf seinen Körper, sein Ego, jenen Teil von ihm, der geboren wurde und sterben wird. Es ist dieses "little I", das Begierden, Streben, Elend, Glück erlebt, Handlungen vollzieht und den Tod fürchtet. Es ist das äußere Gewand des "Big I", ein Instrument, durch das sich das "Big I" auf der materiellen Ebene manifestiert."

"Das "Big I" ist das ewige unsterbliche oder wahre Selbst, das niemals geboren wurde und niemals sterben kann. Es ist der Geist des Göttlichen und Heiligen, das in der Tiefe eines jeden seinen Sitz hat."

Das Ziel der Rasta-Anhänger besteht also in der Erkenntnis des Selbst und in der Verschmelzung von "little I" und "Big I". Diese Selbstverwirklichung wäre dann "I-nity" bzw. Unity (Einheit).

Für die Rastafarians ist die Sprache gewissermaßen ein heiliges Instrument und kein bloßes profanes Kommunikationsmittel. Sprache geht zurück auf den Schöpfungungsbericht der Bibel:

"Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Jah, und Jah war das Wort"
(Joh.1,1)

Hierin sieht der Rastafarian einen Beweis dafür, daß Worte nicht nur Klang haben, sondern auch Kraft. Mit den Begriffen Wort, Klang und Kraft (Word, sounds and power) korrespondieren Geist, Sprache und Herz, die in eins schwingen und die Erleuchtung des Denkens und Fühlens ermöglichen.

"Durch Sprechen erneuert Rasta das Universum; Mitgefühl, Demut, Liebe und Harmonie anstrebend"

Zur vollsten Entfaltung kommt die Sprache im "Reasoning", der Gesprächsform der Rastafarians. Während des nächtlichen Rauchens werden Inspirationen mitgeteilt und in langen Gesprächen diskutiert. Hierin ist ein sakraler Akt zu sehen, vergleichbar mit dem Gebet. Die nächtliche Zeit ist zudem die heilige Zeit, da die Tageszeit fest im Griff von Babylon ist.

Das Reasoning ist auch noch in weiterer Hinsicht von Bedeutung: Rastafari ist nicht nur als eine akephale Bewegung anzusehen, also solch eine ohne Führer, sondern auch als eine solche, die am ehesten das protestantsche Prinzip vom Priestertum aller Gläubigen zu verwirklichen scheint.

4.4.3. Die Stellung der Frau

An diesem Punkt wird besonders deutlich, daß Ideologie und soziale Realität von Rastafari nicht in allen Aspekten übereinstimmen. Obwohl diese Religion auf dem Prinzip der Gleichheit beruht, bedeutet dies nicht die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Frauen werden von zentralen rituellen Aktivitäten ferngehalten. Seit der Entstehung der Bewegung wurde niemals eine Frau zur Führerin oder herausragenden Person in der Gemeinde. Frauen haben eine niedrige Stellung, selbst in den jüngeren Generationen. Ihre Rolle ist weitgehend von den Gesetzen des Alten Testamentes diktiert.

Ein Statement zur Rolle der Frauen im Rahmen von Rastafari stammt von Rastafari-sistren für eine Sonderausgabe des "Carribbean Quarterly":

"Es kann nicht verneint werden, daß die Rastafari-Bewegung eine patriarchale Bewegung ist. Der Mann ist das Oberhaupt. Er trägt die Verantwortung für die Durchführung von Ritualen und die Deutung von wichtigen Ereignissen für die Gemeinschaft. Rastafari basiert auf der Bibel; folglich ist es der Struktur und Philosophie der Bibel entsprechend".
(zit. nach Brynda, 1991, In: Kremser (Hrsg.))

Keine Rasta-Frau, da Haar unbedeckt

Die nachfolgenden do´s and don´t´s für Rasta-Frauen beziehen sich auf die strikte Auslegung. Es leben aber nicht alle Frauen, die sich als Rasta-Sistren bezeichnen, in dieser Art und Weise... Abhängig von der Gruppierung, der sie angehören, wird die Frauenfrage diskutiert oder eben auch nicht.

Eine Rasta-Frau wird entweder als "sister" oder als "daughter" bezeichnet. Es ist Frauen verboten Hosen zu tragen. Sie sollte ein Kleid tragen, das ihre Figur nicht betont und Arme und Beine bedeckt.

Im fünften Buch Mose 22,5 steht:

"Eine Frau soll nicht Männersachen tragen, und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen; denn wer das tut, der ist dem Herrn, deinem Gott, ein Greuel"

Die Natur der Frauen soll auch dadurch in den Hintergrund treten, daß sie ihr Haar bedeckt, so steht es im Korinther 11,5-6:

"Eine Frau aber, die da betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt; denn es ist ebenso viel, als wäre sie geschoren. Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr auch das Haar ab. Nun es aber einer Frau übel steht, daß sie das Haar abgeschnitten habe oder geschoren sei, so lasset sie das Haupt bedecken."

Rasta-Frauen bedecken ihr Haar also zu jeder Zeit, während Männer während des Rauchens ihre Mützen (tams) absetzen müssen.

Der Moralkodex der Rasta erlaubt Sex zwischen Mann und Frau ohne dabei die Ehe zu fordern, die Rastas lehnen die bürgerliche Eheschließung sogar ab. Die Verbindungen sind sehr instabil, obgleich die dauerhafte eheliche Verbindung als Ideal erwünscht ist.

Homosexualität wird strikt abgelehnt, ist sie doch aus biblischer Sicht so verwerflich.

P.S. (2002) Auf diesen Satz, den ich zugegebenermaßen einfach abgeschrieben hatte, bin ich des öfteren angesprochen worden. Wo denn nun genau in der Bibel der Beleg dafür zu finden sei, warum Homosexualität abgelehnt wird? Bei meiner Recherche bei der Bibel online bin ich dann über folgende Bibelstellen gestoßen:

Zitat aus DER BRIEF DES PAULUS AN DIE RÖMER, 1. Kapitel:
"1,26 Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; 1,27 desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein mußte, an sich selbst empfangen."

Zitat aus DAS DRITTE BUCH MOSE (LEVITIKUS), 18. Kapitel: Verbot geschlechtlicher Verirrungen
"18,22 Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel."

und

ebd., 20.Kap:

"20,13 Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen."

Die Bibel enthält aber nicht nur solche Grausamkeiten. Es sind auch ganz andere Worte zur homosexuellen Liebe zu finden, nur darauf beruft man sich anscheinend nicht:

Hohelied Salomos, Kap. 2:
"Ich bin eine Blume in Scharon und eine Lilie im Tal. Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen. Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß. Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Zeichen über mir. Er erquickt mich mit Traubenkuchen und labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe. Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich."

Polygamie ist erlaubt, obwohl sogar ihr spiritueller Führer, Haile Selassie, nur eine Frau hatte und auch nach ihrem Tod nicht mehr heiratete. Auch in der Bibel sindet man Stellen, die besagen, daß mehr als eine Frau zu haben, eine Sünde sei. Eine Frau zählt in der Rasta-Gemeinschaft allerdings erst als wirkliche Frau, wenn sie ein Kind geboren hat. Der Beweis der Männlichkeit eines Mannes ist die Schwängerung einer Frau. Es scheint, als ob ein Rasta-Mann mit diesem Beweis zufrieden ist und die Pflichten der Elternschaft nicht notwendigerweise akzeptiert. Die Verantwortung für das Kind fällt auf die Mutter und deren Familie. Eine Geburtenkontrolle wird abgelehnt, weil sie dem Wunsch der Weißen entgegenkommen würde, die schwarze Rasse aussterben zu lassen.

Während ihrer Menstruation gelten Frauen als unrein und werden der Gemeinschaft ferngehalten. Das, weil es so in der Bibel steht. Es ist schon ziemlich unverständlich, warum ausgerechnet in diesen Punkten der Bibel des weißen Mannes geglaubt wurde, vieles andere aber in Frage gestellt wird.

Hier geht es weiter zu einer site, die sich vertiefend mit der Stellung der Frau im Rahmen von Rastafari befaßt:

Rasta-Sistren


essender Dread

4.4.4. Ernährungs-Gewohnheiten

"Damit der Kopf denken kann, muß der Körper gesund sein" sagen die Rastas

Rastafarians trinken keinen hochprozentigen Alkohol und lehnen "künstliche" Nahrung sowie Fleisch ab. Sie glauben, daß Fleisch, Fisch Geflügel oder Eier den Magen zu einem "Friedhof" machen, da man sich totes Fleisch einverleibt. "Agridishes" bzw. Nahrung, die in der Erde gewachsen ist, sowie absolut frische natürliche Nahrung ist "ital". Ital leitet sich von I und vital = Lebenswichtig ab, verbunden mit der Nebenbedeutung "natural", natürlich.

Die Nahrung soll gesund und frisch sein, ohne Zusätze von Salz oder chemischen Stoffen zur Färbung oder Konservierung. Dosennahrung gilt ohnehin als "beerdigte Nahrung".

Auch die Küchengeräte sollten aus natürlichen Materialien hergestellt werden.

4.4.5. Rastafarians und die Gesellschaft

"Jeder in Jamaika hat eine Meinung über Rastas. Die Mittel- und Oberschicht glaubt, die Rastas sind brutale Hippies, die vernichtet werden sollten. Die Regierung toleriert sie und versucht sie als politische Kraft auszunutzen. Die Polizei betreibt eine Art Krieg mit ihnen, aber von Jahr zu Jahr werden die Rastas angesehener..." schreiben Stephens Davis und Peter Simon 1977 in ihren "Reggae Bloodlines".

"For years Jamaicans feared the Rasta as a voluntary ascetic who didn´t vote and just smoked herb all day long. Then after many years, people realized that the Rastas have contributed more to jamaican culture than any other group. In time the´ve become the concience of the country. We feel we need them more than they need us" (a young engineer, Reggae Bloodlines, 1977)

Rastas leisten keine Lohnarbeit, denn "Lohnarbeit ist Sklaverei". Sie bevorzugen Arbeit als Handwerker, Händler oder Fuhrunternehmer, Maler, Bildhauer, Dichter oder Musiker.

Allerdings muß man bedenken, daß die Situation der Rastafarians in Kingston als einem sozialem Spannungsfeld eine andere ist, als für einen Selbstversorger in den Hills. Dementsprechend unterschiedlich wird die Religion ausgelebt.Innerhalb des Rastafari gibt es außerdem verschiedene Gruppierungen: den Nyabinghi-Orden, die Twelve Tribes of Israel, die Ethiopian Orthodox Church, Mystic Revelation of Rastafari Bobo Ashanti u.a., deren Auslegung dessen, was Rastafari ist, unterschiedlich strikt ist.

Die Rastfarians waren schon immer ein Konfliktherd in der jamaikanischen Gesllschaft gewesen. In den 30ern und 40ern wurden sie zwar überwiegend als nicht ernstzunehmende Wirrköpfe angesehen, doch durch Geschehnisse wie den Besuch Haile Selassies 1966, die offenere Haltung der links-liberalen PNP-Partei unter Michael Manley und ihre Aktivitäten auf dem Gebiet der Kunst und Musik änderte sich ihr Ansehen in der jamaikanischen Gesellschaft.

Die Mehrheit der Rastafarians stammt aus der unterpriveligierten Schicht, sie leben in den Wellblech-Ghettos von Kingston und für schwarze Mittelschichtler ist der Rasta noch immer der Prügelknabe.

Auch wegen des Genusses von Ganja geraten sie häufig in Konflikt mit dem Gesetz und die Strafen sind hart. Für die Rastafarians ist die herrschende Strafverfolgung eine massive Unterdrückung und reine Schikane. Das drückt sich auch in der Musik aus.

Auch mit ihrer äußeren Erscheinung ziehen die Rastafarians viel Unwillen auf sich. Sie tragen Dreadlocks und pflegen einen lässigen Kleiderstil. Daß eine solche nonkomformistische Lebenshaltung beim Gegenüber oft Angst und Ablehnung erzeugt, kennen wir auch von unserer Gesellschaft. Oft wird Rasta-Kindern mit Dreadlocks der Besuch der Schule verboten

4.4.6. Dreadlocks

Dreadlocks sind ein Symbol der Hingabe. Sie sind Symbol für Schwarz-Sein, Würde und Ehre, und ein bildliches Symbol der Löwenmähne. Auch hier folgen die Rastafarians den Empfehlungen der Bibel: Leviticus 21,5: "They shall not make baldness upon their head [...]".

Indischer Dreadlockträger

Je länger die Dreadlocks eines Rastafarian, desto länger folgt dieser der Rasta-Überzeugung des heiligen Weges des Lebens, könnte man bezugnehmend auf die Traditionen sagen. Ein Rasta ohne Dreads ist ein "Baldhead" - er kann nicht ernstgenommen werden.

Rastas, die zur Befragung zur Polizei mußten, wurden dort die Dreads abgeschnitten, als ein Akt der öffentlichen Verleumdung und sozialen Kontrolle über die Bewegung. Rastas sind über diese Grausamkeiten sehr wütend, denn die Dreadlocks sind sehr bedeutsam für ihre spirituelle Überzeugung. Sie glauben, daß sie klarer denken können und Gefahr um sie herum dank der Dreadlocks spüren können. Sie denken, daß es ihnen möglich ist, dank dieser natürlichen "Rezeptoren", Inspirationen von Jah zu erhalten. Wenn ein Rastafarian sein Haus verläßt, um "in die Welt" zu gehen, trägt er eine wollende Mütze, den sog. "tam", die oft die Farbe rot, gold und grün hat.

"Rot, für das Blutvergießen unter den Suffarahs seit den Tagen der Sklaverei! Gold, für den Reichtum, den man den Suffarahs gestohlen hat, seit Salomons Tempel erbaut! Grün, für das gelobte Land in Afrika, das die Heimkehr des schwarzen Mannes erwartet."

4.4.7. Ganja

Auch das Ganja-Rauchen ist mehr eine Sache der Männer, denn die der Frauen. Ganja oder Marihuana, auch "herb" genannt, ist das Brot Jerusalems, Königsbrot, Brot des Lammes, Kraut der Weisheit, Kraut Salomos.

Herb-rauchende Dreads

Ganja, Cannabis sativa, ist das heilige Kraut der Rastafarians, von dem an mehreren Stellen in der Bibel gesprochen wird:

"Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut,
das Samen bringt,
ein jedes nach seiner Art.
Und Gott sah, das es gut war"

(1.Buch Moses 1:12)

Ganja spielt eine wichtige Rolle bei der religiösen Versenkung, da es tiefe und klarere Einsichten in das Leben vermitteln soll. Es soll eine Verbindung mit der Seele herstellen.

"Das Ritual des Herumreichens der Pfeife, der Schluck aus dem Kelch (chalice), ist Teil der Verehrung Jahs; dies wird als eine Anrufung der universalen Kraft des Allmächtigen verstanden. Das Rauchen des Krautes in einer Versammlung symbolisiert Vereinigung und Einheit, I-nity, unter denen, die da vor Jah versammelt sind. Es verbindet die Anwesenden in der Fülle der göttlichen Kräfte, schafft einen vibrierenden Austausch von Meditation zwischen allen, die am Sakrament teilhaben."
(Itations of Jamaika zit. nach Loth, 1991)

Hierzu der Soziologe und Rastafri Dennis Forsythe:

"Für die Brüder ist Ganja der mystische Leib und Blut von 'Jesus' - das Brandopfer für Gott, aus Feuer gemacht - welches den einzelnen sehen und erkennen läßt den ‚lebendigen Gott' oder den 'Gott-im-Menschen'. Sie leiten ihre moralische Berechtigung zum Gebrauch der Kräuter aus ihren persönlichen Erfahrungen mit der Pflanze und auch aus dem Buch der Genesis ab, das den Gebrauch von 'allen Pflanzen, die Samen bringen', gestattet."

Es spricht einiges dafür, daß Ganja von indischen Coolies ins Land gebracht wurde, nennt man denn Ganja auch oft "collie herb", wobei 'collie' die entstellte Form von Kali, der indischen Muttergöttin ist.Vielleicht wurde "collie" aber auch einfach aus der Bezeichnung für die indischen Arbeiter "Coolie" abgeleitet.

Ganja gilt als Nahrung für das Hirn und als Allheilmittel. So hilft es bei Asthma, Erkältung, Magenverstimmung, Fieber, Rheumatismus, Grauem Star und vielem mehr. Es wird von niemanden als schädlich empfunden und selbst für 2-jährige Jungen ist das Rauchen nicht unnormal.

Ganja wird geraucht, aufgebrüht als Tee getrunken, im Essen verwendet und äußerlich aufgetragen. Sein Gebrauch produziert psycho-spirituelle Effekte und hat sozio-religiöse Funktion. Es ruft Visionen hervor, erhöht Einheits- und Gemeinschaftsgefühl, erleichtert Angst und Zorn und bringt Ruhe für den Geist.

Vor 1924 brachten die Briten regulär Ganja in der Karibik und verkauften es an die indischen Arbeiter. In den 60er Jahren dieses Jahrhunderts war der Export von Ganja in die USA ein Multi-Millionen-Dollar-Geschäft - jährlich. Es war hoch durchorganisiert und in der Hand von Kleinbauern und Rastas. Allerdings stehen Produktion, Genuß und Verkauf von Ganja unter Strafe. Trotzdem gilt sein Anbau als wichtiger Zweig der Landwirtschaft.

Reggae-Sänger Ras Midas über Ganja:

"Ich will etwas über das Kraut sagen und darüber, was das Kraut mit unserer Kultur und unserer Musik zu tun hat. Der richtige Name für das Kraut ist Cannabis. Es ist das einzige lebende Kraut in der Schöpfung, das der Mensch sowohl als Tee trinken als auch rauchen kann. Es bringt dich in die Meditation über Jah. Wenn Ich-und Ich meine Ich-und-Ich Musik schaffe, greife Ich-und-Ich zu dem Kraut, und das Kraut führt mich in die Meditation mit Jah. Dann füttert Jah mich mit dem Wort, mit der Lyrik, dem Text und der Melodie, so daß ich das in die Realität herausbringen kann. Deshalb kämpft Babylon gegen das Kraut.

Das Kraut und die Musik sind nach dem Konzept von Rastafari die Heilung für die Völker. Überall, wo das Kraut hinkommt, überall, wo Reggae Fuß faßt, wird Rastafari sein, und das Kraut dort sein, denn du mußt mit dem Kraut kommunizieren, um zu wissen, wer Rastafari ist. Du mußt mit dem Kraut kommunizieren, um die Musik und ihr Konzept zu verstehen".

Ganja ist die stärkste gemeinsame Erfahrung im Rastafari. Die zentrale rituelle Aktivität der Rastas ist das "reasoning" über einer glühenden Pfeife. Die Ganja-Pfeife wird "chalice" genannt. Sie geht von Hand zu Hand um den Altartisch als rituelles Symbol von Erde, Luft, Wasser und Feuer.

Frauen sind hiervon ausgeschlossen. Rastafrauen rauchen zwar Ganja, aber nicht in der Öffentlichkeit. Ras Norma:

"Babylon know the wisdom you get from smoking ganja and they need to keep you down from your meditation. They keep fighting against I herb you overs? Because it's I herb, it's one special herb to segregate and is herb, no man can make it, it comes from earth, it's a herb of truth and wisdom. I think if ganja was legalized there would let be positivly less problem with cocaine and crack. When people would you smoke herb, it would be a meditation, humbleness put them to i-tate, you overs? But when you drink rum, it's a different scene and you look over, you going to see who is causing the problem. It's the crack, the heroin, cocaine, morphine, alcohol and cigarettes. Herb put you upon humbleness, cause it's a healing herb. In Guayana you can go to jail for three years just for one spliff. Lots of Rastas are prosecuted for herb. Not for killing or thieving from no one, just for smoking the herb. But man need to be free from mental slavery. They kill brother Marley, Peter Tosh, Marcus Garvey for speaking the truth, cause word Bob Marley was putting out fire upon Babylon. If Bob Marley was on the face of the earth in this time, everyone would be Rasta, because he speak the truth and he sign it in his music and truth stands forever. But they can never stop I because if they put I in jail for three years, I when I come out I still have to smoke I herb, because I herb is I divine meditation, I free to do what I need to do. Jah Rastafari, Selassie I be praised."

4.4.8. Musik

Bob Marley

Neben dem Rauchen von Ganja ist die Musik das wichtigste Medium zur Meditation. Man sagt, Rasta sei Religion und Reggae ihre Messe.

Ursprünglich bestand die Musik der Rastafarians nur aus Trommeln und Sprechgesang. Seine Wurzeln liegen im Burru, eine der wenigen säkularisierten Musikformen auf Jamaika. Es wird vermutet, daß diese Musik auf ghanaische oder nigerianische Tradition zurückgeht. Burru war eine der wenigen afrikanischen Musikstile, die die Sklavenhalter erlaubten. Die Trommeln wurden auf den Feldern gespielt, um das Arbeitstempo zu steigern. Der vom Burru übernommene Rhythmus wurde anfangs nicht von den Rastas akzeptiert und setzte sich nur langsam durch.

Aber in den späten 50er Jahren wurde Count Ossies Camp zu einem Kristallisationspunkt der musikalischen Entwicklung. Viele der Musiker, die in der Entwicklung des Ska und des Reggae später eine Rolle spielten, trafen sich bei Ossie zu Jam Sessions: Don Drummond, Rico Rodriguez, Roland Alphonso, Tommy McCook, Cedric Brooks und viele andere. Es flossen Elemente des Jazz, sowie des Mento und Rhythm and Blues in die Rasta-Musik ein.

In den 60ern teilte sich der musikalische Strom. Einerseits nimmt der Einfluß der Rastas auf die Populärmusik Jamaikas weiter zu. Andererseits bildet sich in Abgrenzung zur geschäftlichen Welt Babylons eine orthodoxe Schule des Nyabinghi-Trommels, die den sakralen Charakter der Musik betont. Nyabinghi enthält afrikanisch-stämmigen Elemente wie komplexe Trommel-Rhytmen und offbeat-Muster und synkopischen Pulsschläge mit einem Bass, der den "Herzschlag" hält.

Zu einem ausführlichen Text über die Entwicklung der jamaikanischen Musik (und kulturellen Identität) gehts hier:

Jamaika: Musik 
und kulturelle Identität


4.4.8.1. Nyabinghi

Der afrikanische Nyabinghi-Kult ist ein Vorläufer des Rastafari. Das Nyabinghi wurde nach der afrikanischen Königin Njavingi benannt. Der Kult wurde von den Kolonialmächten unterdrückt und verboten und Zuwiderhandlungen wurden mit Schlägen und Gefängnis bestraft. Das Ritual wurde durchgeführt, um vor Fehlschlägen im Leben zu schützen. Das Nyabinghi wirkt als aktive, aber gewaltlose Kontrolle vom Guten über das Böse in der Welt. Die Ursprünge des jamaikanischen Nyabinghi gehen auf Leonard Howell und andere Haile Selassi-Verehrer zurück. In Howell's im Jahre 1940 gegründeter Rasta-Kommune Pinnacle in der Bergregion von Sligoville nahe Spanish Town, entwickelte die geschätze 1600 Rastafarians zählende Gemeinschaft, Nyabinghi als Äußerungsform. Heute ist das Nyabinghi die kulturelle Ausdrucksform des Nyabinghi-Ordens, der ältesten Gruppierung von Rastas.

"Nyabinghi means war, but the weapon it use is love, because only love can conquer evil. But if love can't conquer the evil in a person, then the final judgment will be dreadful, which could be no other, than death to black and white downpressors".
(Ras Colwin in einem Reasoning (vgl. ebd., S. 28))

Nach der Zerschlagung Pinnacles durch die Polizei im Jahre 1954 zogen die meisten Rastas nach Kingston, wo sie erst recht unter dem Eindruck der gewaltsamen Zerstörung ihrer Häuser und Pflanzungen, Nyabinghi, den spirituellen Krieg gegen Babylon, zu einer Grundlage ihrer Existenz machten.

Nyabinghi als Philosophie äußert sich kulturell in sogenannten Grounation-Feiern und Versammlungen (issembly) von Rastafarians, die mehrere Tage oder Wochen dauern, der Lobpreisung von Haile Selassie I und dem niedersingen Babylon's gewidmet sind.

Während im Tabernakel, dem geheiligten Platz rund um den Altar von Melchizedek, tanzende Rastafari-Brüder und -Schwestern die vernichtende Kraft des kosmischen Feuers beschwören, sorgt ein fireman dafür, daß die meterhoch brennende Feuersäule hinter dem Eingang des Versammlungsortes nicht kleiner wird. Sie symbolisiert sowohl die elementarste und reinigende Kraft des Armagiddeon als auch jene Feuersäule, deren Licht die Kinder Israels aus Babylon zurück in das gelobte Land geführt haben.

Sie fördern die Einheit von Rastafari und geben Gelegenheit, in Reasonings doktrinelle Positionen dynamisch weiterzuentwickeln. Darüberhinaus repräsentieren sie eine ersehnte "Ruhepause" von den earthal runnings - den Alltagsplagen - in Babylon. Nyabinghi Issemblys finden regelmäßig zu bestimmten Anlässen wie dem Geburtstag Haile Selassies, dem Jahrestag seiner Krönung zum King of the Kings oder seines Besuches in Jamaika statt, können aber auch aus anderen Gründen einberufen werden, z.B. während eines Staatsbesuches, allerdings nicht zu deren Ehren, sondern um sie spirituell zu bekämpfen.

Neben der gemeinschaftsstiftenden Funktion hat Musik bei den Rastas auch einen individuellen Aspekt:

"Also angenommen, ich komme abends heim und fühl mich wirklich mies. Hab den ganzen Tag nichts rangeschafft. Ich komm also heim, und statt, daß ich meine Frau schlag oder die Kinder rumscheuche, nehm ich lieber meine Trommel und spiel ein bißchen riddim, weißt du. Und gleich gehen alle mit, der ganze yard. Ist doch so! Und auf einmal wird einem der Kopf frei von allem Ärger, so frei, daß ich manchmal sogar eine Idee krieg, wie ich am nächsten Tag klarkommen kann."

Heute wird Reggae und Rasta häufig synonym verwandt, meist aber zumindest in einem Atemzug genannt. Doch gegen solche Gleichsetzungen setzen sich die Mitglieder des Nyabinghi-Ordens zur Wehr.

"Reggae is some sort of a mix-up, mix-up business. Only Nyabinghi music is divine and pure Rastafari Musik."
Winston in einem reasoning

Singende Nyabinghirastas

Ihre musikalische Äußerung wird von den Anhängern dieses Ordens als eigentliche Rasta-Musik eingeschätzt: Nur Nyabinghi-Gesänge dienen der Verehrung von Jah und können durch die Kraft von word, sounds and power - ohne die artifizielle elektrische Energie der Verstärkeranlagen - Babylon niedersingen.

Im Gegensatz zum Nyabinghi-Orden gibt es auch Rastafari-Orden, die nicht so strikt denken. So nutzt z.B. der Orden der "Twelve Tribes of Israel" Reggae als Transportmittel für ihre religiösen Inhalte. Reggae ist ihre kulturelle Äußerungsform.

Winston Rodney (Burning Spear) bezeichnet in einem Interview Nyabinghi als Quelle seiner Inspiration:

"The feelings of Nyabingi coming through the music and the music is coming through the feelings of the Nyabinghi. One Order."

Und Freddie McGregor sagt in einem Interview:

"Weder die Musik und die Texte eines Bob Marley noch irgendeines anderen Reggae-Stars (sofern sie Rastafari-Inhalte vermitteln) lassen sich ohne Nyabinghi - die roots ihres Ausdrucks und ihrer vibrations - verstehen.

Aber Nyabinghi ist eben nur eine Ausdrucksform der Rasta-Musik. Die jamaikanische Musikwissenschaftlerin Pamela O´Gorman schrieb schon 1972:

"Durch die gesamte Geschichte von Ska, Rock Steady und Reggae zieht sich als roter Faden die Stimme der Rastafaris. Mal ist sie stärker, mal schwächer. Sie bringt eine neue Sprache in die Texte, einen liturgischen Charakter in die Melodie und der Rasta-Rhythmus überlagert den Pop-Rhythmus"

Während politische Parteien wie die sozialdemokratische PNP mit Wahlslogans wie "Power for the people" um Stimmen warben, reflektiert Reggae das Selbstbewußtsein und die Erfahrung der Mehrheit, die mit ihren Künstlern erstmals echte Repräsentanten ihres Kulturschaffens frei wählen und damit "Power of the people" ausdrücken. Das ist die eigentliche kulturelle Revolution hinter dem "Phänomen" Reggae. Wenn junge Jamaikaner heute von "klassischer Musik" reden, so meinen sie damit nicht Bach oder Beethoven, sondern - klar - Bob Marley, Burning Spear oder Mutabaruka.

Die Musik bleibt ein einigermaßen autonomes Medium der Kommunikation, solange die Interpreten nicht nach internationalem Starruhm streben. Denn wenn Fragen der optimalen Vermarktung ihre Schatten auf die textlich vermittelten Inhalte werfen, wird auch Reggae zum Opfer kultureller Fremdbestimmung und zum kurzlebigen aber gewinnbringenden "style and fashion".

Die Mitglieder des Nyabinghi-Ordens lehnen den Reggae als korrumpiert ab. Sie meinen, daß Reggae keine Rasta-Musik sei, da ihre Interpreten das Wort Gottes gegen Geld verkaufen würden und niemand könne zwei Herren - Jah Rastafari und dem Dollar - dienen.

Für viele Rastas bedeutet ein Einlassen auf das Reggae-business hingegen eine durchaus legitime und die letztlich aufrichtigste "Organisation" des Überlebens in Babylon. Zugleich das verabscheute System niederzusingen ("to chant down Babylon") und dafür noch vom System selbst bezahlt zu werden, entspreche - Larry in einem Reasoning zufolge - voll und ganz den gerechtfertigten Intentionen mancher Rastas.

Anders als die Rasta-Philosophie entstand der Reggae in den urbanen Ghetto-Bezirken. Die Musik war vorerst ein Organ der unterdrückten jugendlich urban sufferers. Erst mit dem stärker werdenden Einfluß von Rastafari auf das Medium Reggae - Mitte der Siebziger Jahre - bekam es eine globale Orientierung, die Trenchtown und Soweto zu Synomymen für ein und dasselbe Unrecht machten. Reggae ist in seinen Ursprüngen die Ausdrucksform der Schwarzen Jamaikaner, die einen Weg zu kultureller Identität und Selbstvertrauen finden wollen.

4.4.8.2. Bob Marley

Über Bob Marley ist schon viel geschrieben und gesagt worden, daher möchte ich mich hier kurz fassen und nur auf seine Bedeutung für Rastafari und seine Verbreitung eingehen. Geboren wurde Bob Marley am 6. Februar 1945 von seiner jungen Mutter Cedella Marley. Sein weißer Vater, Captain Norval Sinclair Marley verschwand einen Tag nach der Hochzeit mit Cedella. Groß wurde Bob Marley teilweise in den Hügeln von St. Ann, wo er mit seiner Mutter bei seinem Großvater lebte, der ein angesehener Myalman war, und teilweise in den yards von Kingston.

Dort begann er begeistert von der Musik, die er in Kingston zu hören bekam, amerikanischem R&B, selber Lieder zu schreiben. Er träumte davon ein Star zu werden, jetzt da dank des Radios und der Plattenindustrie dieses zu einem realistischen Traum wurde. Zuvor boten Cricket, Fußball und Gewaltverbrechen eine Aussicht auf Reichtum und Ruhm – und letzteres schien noch am ehesten Erfolg zu versprechen.

Bob Marley erinnert sich, daß er als Kind eine Todesangst vor den Rastas gehabt hatte. Sie wurden von den Ghetto-Kindern als die Blackheart-Männer angesehen. Aber den Rasta-Jargon zu verwenden war äußerst hip.

Eigentlich war es Rita Marley, die Bob mit der Philosophie des Rastafari vertraut gemacht hatte. Sie sah Haile Selassie bei seinem Besuch in Jamaika und war sehr beeindruckt von ihm. Bob Marley traf dann auf Mortimo Planno, ein Rasta, der dem Divine Theocratic Temple of Rastafari in Kingston angehörte. Dieser unterwies ihn in der Denk- und Lebensweise der Rastas und mit ihm besuchte Bob Marley eine Grounation-Feier, die seit Selassies Besuch an jedem 21. April abgehalten wurden. Und es war Planno, der zu ihm sagte: "Ein Lied ist ein Zeichen".

Bob Marley hatte als Junge einen Traum, ein mystisches Erlebnis, in dem ihm von Haile Selassie, wie er nun interpretierte, ein Ring übergeben wurde. Diesen Ring soll er später tatsächlich, von Haile Selassies Sohn Asfa Wossen erhalten haben. Ein schwarzer Stein mit dem Bild des Löwen von Juda. Der Ring Haile Selassies, mit dem Bob Marley auf einigen Fotos zu sehen ist.

Anfang der 70er waren die Wailers mehr als eine Hitfabrik. Sie sorgten für die ersten Ansätze eines fundamentalen Wandels in der Haltung der Jamaikaner zu ihrer Musik. Für sie interpretierte der Rasta-Reggae die moralische Verkommenheit und die Rassenunterdrückung auf dem ganzen Planeten, erklärte sie und wies sie in seine Schranken. Sie wollten der ganzen Welt verkünden, das Reggae die Ouvertüre zur Apokalypse war.

Bob Marley trat den Twelve Tribes of Isreal bei, wie man der Rückseite des Covers seinen Albums Rastaman Vibration entnehmen konnte.

"Mit ihm wurde der Gedanke des Rastafari und die revolutionäre Kraft des Reggae in der Welt verbreitet. Überall in der dritten Welt wurde Bob Marley als moderner Myalman angesehen, der den Willen und die Macht besaß, - buchstäblich, wie im Übertragenen Sinne-, das Böse zu vertreiben" schreibt Timothy White in seiner Bob Marley Biographie.

4.4.9. Rastafari-Kunst

Neben der politischen Wirkung ist Rastafari auch eine starke kulturelle Kraft. Rastafari beschwört eine Kreativität, die sich umfassend auf die gesamte Lebensweise bezieht. Doch nicht nur in der Musik kommt dies zum Ausdruck. Auch in der Poesie und Schriftstellerei, wie in der bildenden Kunst. In diesem kurzen Kapitel wird es um die visuelle Kunst der Rastafaris gehen.

Ebenso wie der Reggae haben sich Rasta-Kunst und Kunsthandwerk im eigentlichen Sinne erst in den letzten 40 Jahren entwickelt. Wolfgang Bender schreibt im Ausstellungkatalog zur Rastafari-Ausstellung, daß der Rasta-Künstler der Rastafari in Reinkultur sei, da Kreativität zentral ist für die Gesamtheit der Rasta philosophy and culture.

Stilistisch läßt sich keine Einheitlichkeit finden, außer der Tatsache, daß der großer Teil der Arbeiten nach europäischem Verständnis der naiven Kunst im weitesten Sinne zuzuordnen ist. Was die Künstler und Künstlerinnen miteinander verbindet, ist ihr Bekenntnis zu Rastafari. Dies drückt sich in der Verwendung bestimmter Zeichen, Motive und Symbole aus. Außerdem teilen die Rasta-Kuntschaffenden eine bestimmte Einstellung zu schöpferischer Arbeit, die sich von unserer Idee von Kreativität unterscheidet. Es wird zum Beispiel zwischen sakral und profan nicht strikt unterschieden.

Alles Verwend- und Nutzbare wird mit Rasta-Symbolen und dem Rasta-Dreiklang von Red, Gold and Green geschmückt. Dadurch bekommt es gewissermaßen den Rasta-Stempel aufgedrückt, wird neu bezeichnet und der Rasta-Kultur einverleibt.

Verwendet werden die verschiedensten Materialien wie Holz, Metall, Karton, Leinwand, Kürbis, Ölfaßdeckel, Wolle, Stoff, Wände und Mauern. Die meisten Künstler können sich ihr Handwerkszeug gar nicht leisten und verwenden daher alles, was sich anbietet und irgendwie eignet. Auch die Gegenstände, die Benutzt werden sind unterschiedlicher Natur: Kleider, Plattenhüllen, Gefäße, Möbel, Töpfe und ein ganzes Haus. (Nämlich das vollständig aus Korb geflochtene Haus von Bongo Silly).

Die visuelle Rastafari-Kunst hat in erster Linie ihre funktionale Rolle zu spielen und vorrangig der Verbreitung der Rasta-Inhalte zu dienen. Das übergreifende Motiv, die Überwindung der von Menschen gemachten Trennung und die Wiederherstellung der Einheit, begründet das Gemeinsame der Bewegung, die auf den ersten Blick diffus und heterogen erscheint.

Zu den zentralen Motiven gehören – natürlich – Portraits von Haile Selassie I. Diese Reproduktion von teils nachgedruckten Fotografien waren die ersten Objekte der Rastafari-Kunst. In ihrer Form ähneln sie christlichen Votivbildern. Dargestellt werden auch historische Personen wie Marcus Garvey und Paul Bogle, berühmte Musiker wie z.B. Don Drummond oder Sportler, wie der jamaikanische Kricketspieler Frank Worell. Afrika selbst, als regelrechte Landkarte ist ein weiteres wichtiges Motiv. Ebenso wie der "Black Star Liner", das Transportmittel zur Rückkehr nach Afrika.

Szenen aus dem täglichen Leben finden sich in Rasta-Arbeiten nur relativ selten. Das liegt vor allem daran, daß die Künstler sich zu allererst als Propagandisten einer anderen, besseren Wirklichkeit verstehen. Das bei weitem häufigste Motiv ist der Löwe. Er ist das Emblem der Rastafari, ihr Wappentier, denn der Löwe gilt als das afrikanische Tier par excellence und als König aller Tiere. Weil sich Haile Selassie und anderem auch als "Lion of Judah" titulierte, steht der Löwe auch für diesen und symbolisiert den Messias.

Wolfgang Bender schreibt im Ausstellungskatalog, daß dieses Kunst im Alltagsleben und im städtischen Erscheinungsbild 1991 längst nicht mehr so präsent war wie noch 10 Jahre zuvor.

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