Veröffentlicht / Released: 31Jan98 ... updated 20Feb98

(NSP 9802 #2)


100 Jahre Schwulenbewegung - Teil 6

Beethovenhalle und die Folgen


Serie von
Michael Glas

siehe auch Teil 1 in NSP 0797: 1897-1933 · Die erste Homosexuellenbewegung in Deutschland
siehe auch Teil 2 in NSP 0997: Die Situation zwischen 1933 und 1969
siehe auch Teil 3 in NSP 1097: Die Formierungsphase ab 1969
siehe auch Teil 4 in NSP 1197: Der Tuntenstreit - Die Strategiediskussion
siehe auch Teil 5 in NSP 1297: 'NARGS' und HomoLulu
siehe auch Teil 7 in NSP 0398: Die achtziger Jahre
siehe auch Teil 8 in NSP 0498:
Aids und die Auswirkungen auf die Schwulenbewegung
siehe auch Teil 9 in NSP 0598: Der 'Bundesverband Homosexualität' BVH
siehe auch Teil 10 in NSP 0798: Jubiläum: 20 Jahre Fliederlich


 

Das Jahr 1979 hatte mit der Teilnahme am Russeltribunal und Homolulu bundesweite Zusammenarbeit, Kontakte und Präsenz der Schwulenbewegung bewirkt. Ein Gefühl der Stärke und gleichzeitig das Bedürfnis Einfluß zu nehmen wurde geweckt. Nachdem zu Kommunalwahlen in Köln und Berlin bereits erfolgreich Podiumsdiskussionen mit Parteivertretern durchgeführt worden waren, entstand, angesichts der Bundestagswahl im Herbst 1980, die Idee eine solche Veranstaltung bundesweit zentral in Bonn durchzuführen.

 

 Ziele der Veranstalter

Aufgrund der positiven Erfahrung in Berlin ging dieser Versuch zunächst maßgeblich von der Berliner ‘Allgemeinen Homosexuellen Aktion’ (AHA) aus. Im November 1979 wurde durch die AHA die Gründung des Komitees ‘Bundestagswahl 1980’ angeregt. Die Grundidee geht aus einem Interview in der Emanzipation (Nr. 1/1980, S. 32) hervor: "Schaffen wir aber eine politisch interessierte schwule Massenbasis, so sind die Parteien gerade jetzt, wo es auf jede Wählerstimme ankommt, mit einer politischen Bewegung konfrontiert, vor der sie dann Aussagen machen müssen, die in ihrer Erfüllung kontrolliert werden können, so etwas wie ein imperatives Mandat." Die AG Öffentlichkeit der AHA verschickte bundesweit einen Aufruf an die anderen Schwulengruppen, sich an der Veranstaltung zu beteiligen, bei den Vorbereitungen zu helfen und ihre inhaltlichen Vorstellungen zu äußern. Besonderen Wert legten die Planer der AHA auf die Teilnahme der Lederclubs, der Lesbengruppen (L74 und LAZ) und der kommerziellen Homosexuellenpresse, umstritten war dagegen die Teilnahme von Pädosexuellengruppen und der Nürnberger Indianerkommune. Zur Frage der Thematisierung pädosexueller Anliegen (Streichung der §§174,176) herrschte unter den an den Vorbereitungen beteiligten Gruppen von Anfang an Uneinigkeit. Die Aufnahme der Kinderrechtsforderungen der Indianerkommune waren ebenfalls heftig umstritten. Außerdem widersprach das emotionale chaotische Auftreten der Indianer dem Anspruch der Veranstalter nach einer sachlichen ordentlichen Veranstaltung. Die Indianerkommune wurde, nachdem sie ein Vorbereitungstreffen in Hannover gesprengt hatte, zunächst ausgeschlossen, sollte letztlich bei der Veranstaltung in der Beethovenhalle aber doch Redezeit erhalten. Die Veranstalter planten daraufhin gegebenenfalls ihr Hausrecht gegenüber den Indianern geltend zu machen und dieses auch polizeilich durchzusetzen.

 

Die ‘Beethovenbroschüre’

 

Nach dem gescheiterten Treffen in Hannover fand am 15.05.1980 eine Programmkonferenz in Köln statt. Auf der Tagesordnung stand der gemeinsame Forderungskatalog an die Politiker. Dieser sollte den politischen Parteien vorgelegt und mit deren Stellungnahmen versehen dann veröffentlicht werden. Da die Parteien nicht reagierten, schlug der Plan fehl. Der Forderungskatalog wurde dann ohne die Stellungnahmen als ‘Beethovenbroschüre’ veröffentlicht. Im Gegensatz zu Hannover herrschte auf der Programmkonferenz intensive Arbeitsatmosphäre, und die inhaltliche Auseinandersetzung fand statt. Die Pädosexuellen arbeiteten mit und konnten die Aufnahme ihrer Forderungen erreichen, mußten allerdings auf die Vertretung durch einen Heteropädo auf dem Podium endgültig verzichten.

 

In der Broschüre wurden die erarbeiteten politischen Forderungen der Schwulenbewegung zusammengefaßt. Dieser Forderungskatalog stimmte zum größten Teil mit dem Entwurf des Antidiskriminierungsgesetzes der AG Juristen der AHA vom November 1979 überein. Er bezog sich auf die Themen Wiedergutmachung für NS-Opfer und Änderung des Sexualstrafrechts. Antidiskriminierungsmaßnahmen und eine finanzielle Förderung für Schwulengruppen wurden gefordert. Außerdem wurde die Frage der Gleichberechtigung verschiedener Lebensformen angeschnitten. In diesem Abschnitt sind die Kinderrechtsforderungen der IK enthalten. In einem Beiblatt wurde jedoch betont, daß Kern der Erörterungen die Bestrafung wegen Homo- und Pädosexualität (§§174,175,176) sein solle, bei Bedarf auch noch die Frage der ehelichen sexuellen Gewalt (§§177,178,179) behandelt werden könne. Es bestand somit deutlich die Absicht, bei der Podiumsdiskussion möglichst ausschließlich männliche Homosexualität zu behandeln. Dies werteten die Lesben, die Indianerkommune und die Pädosexuellen als Schlag gegen sich. Ihre Reaktionen darauf waren der Rückzug aus der Vorbereitung. Einige Gruppen organisierten eine Demonstration  in Bonn am 12.07.80 um dort ihre Forderungen zu vertreten.

 

Positionen der Veranstaltungsgegner

 

Neben den bisher erwähnten Gruppen, die an der Veranstaltungsvorbereitung teilnahmen und versuchten, ihre Vorstellungen durchzusetzen und die Diskussion in ihrem Sinne zu beeinflußen, gab es aber auch Stimmen, die grundsätzlich gegen die Veranstaltung waren. Als erstes läßt sich feststellen, daß die frühe Planungsphase inklusive der Klärung der organisatorischen Fragen sowie die Anmietung der Halle durch die AHA erledigt wurde und Ende 1979 bereits weitgehend feststand. Den anderen zur Mitarbeit aufgeforderten Gruppen war damit der Rahmen bereits vorgegeben. Die Aufforderung, inhaltliche Vorstellungen zu äußern, war bereits unter die Vorgabe ‘Podiumsdiskussion mit Parteivertretern’ gestellt. Der Rücklauf inhaltlicher Vorschläge verlief zunächst nur sehr schleppend, gleichzeitig wurde aber auch grundsätzliche Kritik am Veranstaltungsrahmen und einem solchen Versuch überhaupt laut. Die ‘Rosa’ (Nr. 19/1980, S. 6) urteilte über die AHA-Initiative: "Die darin enthaltenen Vorschläge übertreffen unserer Meinung nach alles, war die Schwulenbewegung bisher an Fehlern gemacht hat. Wir rufen daher zur sehr kritischen Auseinandersetzung mit den AHA-Vorschlägen auf (was immer Ihr dazu an Ideen entwickelt)." Dieser Aufruf zeigte deutlich die Ablehnung des Grundkonzepts der Veranstalter.

 

Die Gegenposition kritisierte grundsätzlich den Versuchs sich der bestehenden partei- und staatspolitischen Strukturen zu bedienen, um durch diesen für die Befreiung zu kämpfen. Die Anerkennung mehrheitsdemokratischer, parlamentarischer Auseinandersetzungsformen berge die Gefahr der Anpassung an diese Formen, in denen die Mißachtung zahlenmäßig kleiner und einflußschwacher Gruppen vorprogrammiert sei. (Rosamunde Nr. 1/Nov. 1980, S. 14) Die Verfasser dieses Artikels vertraten die Position, daß die Schwulen sich nicht auf diese Art der institutionellen Arbeit einlassen sollten, sondern einen eigenen, autonomen Standpunkt entwickeln und verwirklichen müßten. Grundlage für eine gesellschaftliche Veränderung sei die Entwicklung selbstgeschaffener Lebensformen.

 

Kristallisationspunkt dieser Gegenposition war die ‘Initiative Homosexualität Bielefeld’ (IHB). Sie lud für die Zeit des Vorbereitungstreffens in Köln zur Einweihung des Schwulenzentrums Bielefeld ein, um zu diskutieren, wie und was Projekten wie der Beethovenhallendiskussion entgegenzusetzen sei. Ob und wie sich dann in Bielefeld eine Gruppe von Gegner strukturierte und was sie plante, läßt sich mangels Material leider nicht mehr feststellen. Klar ist allerdings, daß sich dieser Konflikt nicht um die Frage des Themenkataloges oder ähnlichem drehte, sondern darum, ob diese Podiumsdiskussion überhaupt stattfinden sollte. Gezielte Versuche, dies zu verhindern wurden unternommen. Es gab Rundbriefe an die Schwulengruppen, die zunächst die Verschiebung des Termins behaupteten, später dann die Verlegung in eine andere Halle. Diese Störmanöver waren, abgesehen von der Verwirrung, die sie stifteten, nicht von Erfolg gekrönt. Sie trugen aber maßgeblich zu einer Verschlechterung der Stimmung zwischen den beiden Fraktionen bei. Die IHB und die Gruppen die in der Vorbereitungsphase ausgestiegen waren veranstalteten am 12.07.80 in Bonn eine Demonstration um ihre Ziele und Positionen zu vertreten. Am Tag der Veranstaltung wurde nochmals ein IHB-Flugblatt verteilt, in dem die Position der Gegenfraktion dargestellt wurde. "Die Veranstalter der Podiumsdiskussion ... glauben die Lage der Schwulen zu verbessern, indem sie versuchen Einfluß zu nehmen auf die gesetzgebende Gewalt im Staat ... Diese Politik täuscht vor, Schwule könnten sich befreien, indem sie an einer solchen Veranstaltung teilnehmen und der schwulenfreundlichsten Partei ihre Stimme geben. Die Stärke der Schwulen beruht jedoch nicht auf ihrem Stimmenpotential oder irgendeinem aufgesetzten zentralistischen Zusammenschluß, sondern der Vielfältigkeit ihrer Gruppen und Aktionen."

 

Beethoven - die Folgen

 

Die Podiumsdiskussion zwischen Vertretern der Schwulenbewegung und Vertretern der politischen Parteien fand im September 1980 statt. Nach massiven Störungen der Veranstaltung durch einen Teil der Anwesenden, wurde sie vorzeitig abgebrochen. Im kleinen Kreis ohne Öffentlichkeit fand ein ‘Notprogramm’ statt. Dies hatte jedoch keine größere Wirkung. Der Streit innerhalb der Bewegung hatte seinen Höhepunkt gefunden. Eine der direkten Nachwirkungen war die Frage, wer Strafanzeige gegen die ‘Störer’ (vermutlich in Zusammenhang mit der Demonstration) stellte. Diese Frage belastete die Bewegung sehr stark. Bereits kurz nach den Ereignissen sollte eine Diskussion darüber stattfinden, wofür eine Sammlung der Unterlagen geplant war. Dies zog sich jedoch hin, sodaß die Materialsammlung erst 1986 veröffentlicht werden konnte - ein weiterer Beleg für den ‘Schock’ innerhalb der Schwulenbewegung, den dieser Krach ausgelöst hatte. Was die Lesben betrifft und die Frauenbewegung allgemein, so fühlten sich diese als Alibifrauen, um die Offenheit der Schwulenbewegung zu beweisen, ansonsten allerdings nicht ernstgenommen. Diese Tatsache und die unterschiedlichen Einstellungen zur Pädosexualität waren die Ursache für die weiteren Spannungen und den endgültigen Abbruch des Versuchs der Zusammenarbeit zwischen Frauen- und Schwulenbewegung.

 

Die Einschätzungen zu Beethoven sind alle von der Erfahrung dieser Brüche gekennzeichnet. Es sei die Bewegung gewesen, die auf dem Prüfstand sich auseinandernahm und nicht die Parteien. Im Rahmen der Vorbereitungsphase der Podiumsdiskussion hatte sich die Schwulenbewegung endgültig in einen radikalen gegenkulturellen Flügel und einen Bürgerrechtsflügel gespalten. Zwei Flügel, die sich gleichzeitig zutiefst zerstritten hatten.


Michael Glas, Die Schwulenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland - politische Ziele und Strategien, 1993, Magisterarbeit, Universität Erlangen-Nürnberg; gekürzt u. überarbeitet


siehe auch Teil 1 in NSP 0797: 1897-1933 · Die erste Homosexuellenbewegung in Deutschland
siehe auch Teil 2 in NSP 0997: Die Situation zwischen 1933 und 1969
siehe auch Teil 3 in NSP 1097: Die Formierungsphase ab 1969
siehe auch Teil 4 in NSP 1197: Der Tuntenstreit - Die Strategiediskussion
siehe auch Teil 5 in NSP 1297: 'NARGS' und HomoLulu
siehe auch Teil 7 in NSP 0398: Die achtziger Jahre
siehe auch Teil 8 in NSP 0498:
Aids und die Auswirkungen auf die Schwulenbewegung
siehe auch Teil 9 in NSP 0598: Der 'Bundesverband Homosexualität' BVH
siehe auch Teil 10 in NSP 0798: Jubiläum: 20 Jahre Fliederlich