Veröffentlicht / Released: 22Feb98
(NSP 9803 #6)
| Zwei Leserbriefe zur "Pille für den Morgen nach HIV"! |
Lieber Frank!
Gerade beim Analverkehr und auch beim Vaginalverkehr passiert es immer wieder, daß ein Kondom platzt. Wenn ein Partner HIV-positiv ist, sieht sich der nichtinfizierte Partner plötzlich mit einer Risikolage konfrontiert. Die aufnehmende Person hat in diesem Fall beim Analverkehr ein Risiko von ca. 1 zu 50 bis 1 zu 100 und bei Vaginalverkehr von 1 zu 400 bis 1 zu 600. Es ist klar, daß das bei vielen Panik auslöst und den Wunsch, doch noch alles nur Erdenkliche gegen eine Infektion zu tun. Hier wird nun von einigen Experten und Vertretern von Hauptbetroffenen-Gruppen diskutiert, ob eine sofortige antivirale Therapie über den Zeitraum von 4 Wochen eine Ansteckung mit dem HI-Virus verhindern kann. Dies ist bisher völlig unbewiesen.
Befürworter führen ins Feld, daß im Tierversuch die Mehrfachtherapie zur Verhinderung einer Ansteckung führte. Gegner führen an, daß spätestens vier Stunden nach einer Ansteckung der Körper mit Millionen von Viren überschwemmt ist. Befragungen von Experten in Nürnberg, Erlangen und München ergaben eine große Skepsis. Alle Befragten legen Wert darauf, daß PEP keine Prävention im engeren Sinne sei, sondern ausschließlich eine Notfallmaßnahme.
Als Aids-Berater kann ich Frank Schwarz verstehen, wenn er so leidenschaftlich fordert, PEP als lebensrettende Chance anzubieten. Leider könnte sich dieses Angebot als gefährliche Mogelpackung herausstellen und zu nicht gerechtfertigten Hoffnungen verleiten. Notfallmaßnahmen sind nie Prävention! So bedauerlich es ist: Das Kondom ist noch immer das einzig wirksame Mittel bei sexuellen Kontakten mit Risiko. Die Gefahr ist groß, daß durch die Diskussion die Möglichkeit einer Notfallbehandlung Menschen zum Leichtsinn verführt werden könnten und auf Kondome verzichten. Das wäre dann eine sichere Methode, die Neuinfektionsrate zu steigern.
Ulrich Haas
Aids-Beratung Mfr. der Stadtmission (von der Redaktion gekürzt)
Lieber Frank,
vielen Dank für deine Reaktion auf meinen Kommentar.
Zunächst zu Deinem Vorwurf an die AIDS-Hilfen, sie wollten den "Konkurrenten PEP aus dem Feld schlagen um eigene Pfründe immer mehr mißlingender AIDS-Prävention zu sichern". Zwei Dinge sind in diesem Abschnitt nach meiner Einschätzung unrichtig. Als erstes ist die PEP meiner Meinung nach kein Konkurrent zum safer sex. Safer Sex bewirkt schließlich, daß eine Übertragung des Virus von einem zum anderen Menschen nicht stattfindet und ist somit wirklich Prävention. PEP dagegen spielt erst dann eine Rolle, wenn das Virus bereits in den Körper eines gesunden Menschen eingedrungen ist. Dann soll im Frühstadium die Vermehrung des Virus verhindert werden. Im Grunde genommen ist das PEP also keine Prävention, sondern die Heilung (immer vorausgesetzt es funktioniert tatsächlich) von HIV im absoluten Anfangsstadium. Deshalb kann PEP auch kein Konkurrent von safer sex sein.
Selbst wenn man das Argument, daß PEP auf einer vollständig anderen Ebene arbeitet als safer sex außer acht läßt, ergeben sich für PEP als Konkurrent Eigenschaften, die niemanden, der safer sex propagiert, das Fürchten lehren muß. So liegt, auch nach sehr optimistischen Untersuchungen, der Wirkungsgrad von PEP unter den ganz spezifischen Bedingungen der Untersuchungen, die auf keinen Fall verallgemeinert werden dürfen, bei 80%. Die Wirksamkeit von richtig angewendeten Kondomen beim Analverkehr liegt dagegen bei 95% bis 99% und darüber, ist also um mindestens 15% besser. Zusätzlich ist die "richtige Anwendung" eines Kondomes bestimmt wesentlich einfacher als die "richtige Anwendung" bei PEP, was ebenfalls absolut gegen PEP als Konkurrent von Safer Sex spricht.
Weiterhin sprichst Du von "immer mehr mißlingender AIDS-Prävention". Du hast natürlich recht, daß viele Leute einfach "keinen Bock" mehr auf Safer Sex haben, aber andererseits stagnieren die Neuinfektionen in der BRD, bei gleichzeitigen umfangreichen Kürzungen der Gelder im AIDS-Bereich! Insofern scheint die Prävention doch nicht ganz schlecht zu sein.
Nun zu Deinem nächsten Satz, der davon spricht, daß die AIDS-Hilfen "jahrelang Todesdrohungen" ausgesprochen hätten und "sexuelle Kastration" gefordert hätten. Ich denke, daß es jedem klar ist, daß AIDS auch heute noch eine Krankheit ist, die zu einem sehr großen Prozentsatz tödlich verläuft, auch wenn wir hoffen, daß das zukünftige Entwicklungen auf dem Pharma-Sektor ändern werden. Das ist keine Todesdrohung, das ist die Realität. Dies nicht zu sagen, würde bedeuten, die Wahrheit zu verschweigen. "Sexuelle Kastration" fordert die AIDS-Hilfe ja nun wirklich nicht, es sei denn, man nimmt das übergezogene Kondom als Kastration wahr. Ansonsten propagieren die AIDS-Hilfen ja bekanntermaßen den Safer Sex!
Der nächste von Dir angeführte Punkt ist das "Home-testing", eine Möglichkeit, sich selbst zu Hause zu testen. Home-testing ist in Deutschland im Moment noch nicht möglich, da der Test noch nicht zugelassen ist. Das hat gute Gründe. Die Anwendung des Tests ist nicht ganz einfach, die Zuverlässigkeit unklar. Trotzdem hältst Du das Home-testing für eine der "zusätzlichen Möglichkeiten selbstverantwortlich, kompetent und realistisch mit dem eigenen menschlichen Versagen" umzugehen. Wenn man so selbstverantwortlich, kompetent und realistisch beim Umgang mit dem Home-testing ist, warum ist man es dann nicht beim Safer Sex? Was ist eigentlich der Vorteil von Home-testing gegenüber den anonymen Tests des Gesundheitsamtes? Doch wohl lediglich die bessere Zugänglichkeit. Vor allem die Zuverlässigkeit des Tests und das Fehlen einer Beratung, wenn man das Ergebnis erhält, und sogar der finanzielle Aspekt sprechen ja wohl eindeutig dagegen. Fazit: selbstverantwortliche, kompetente und realistische Menschen werden, nach einem durchaus menschlichen Versagen (nämlich dem unsafen Sex) gar nicht erst auf das Home-testing zurückgreifen, sondern gleich den Gang zum Gesundheitsamt antreten.
Zu guter Letzt dann doch noch ein Zugeständnis: Ob man mit Medikamenten, die ein HIV-Überträger bekam, noch PEP bei demjenigen durchführen kann, der sich beim Überträger angesteckt hat, ist in der Tat noch unklar. Lediglich, wenn die Viren resistent sind, funktioniert das mit Sicherheit nicht.
Zusammenfassend läßt sich sagen: PEP ist keine Alternative zu Safer Sex. PEP wirkt (falls es wirklich wirkt) auf einer völlig anderen Ebene als Safer Sex, so daß es keine Konkurrenz darstellen kann. Es ist lediglich möglicherweise ein nachträglicher, manchmal sinnvoller Versuch (!) im Notfall, nach einem geplatzten Gummi, das Virus wieder aus dem Körper zu entfernen. Natürlich hoffen wir alle, die im AIDS-Bereich arbeiten, daß sich die positiven Vermutungen hinsichtlich PEP in vernünftigen Studien bestätigen werden. Und hoffen wir, daß PEP keine Auswirkungen auf das Sexualverhalten haben wird. Ansonsten wird die Rettung für Einige zum Fluch für Andere.
Daniel Eckmann,
Schwule Prävention und Selbsthilfe
AIDS-Hilfe Nbg.-Erl.-Fürth (von der
Redaktion gekürzt)
Franks Leserbrief zum Artikel und
Kommentar 'PEP' erschien in der NSP 02/98.
Der Artikel zu PEP aus USA Today selbst erschien in der
Ausgabe 01/98 der NSP.
Der Kommentar zum Artikel PEP erschien ebenfalls in der NSP
01/98.