Veröffentlicht / Released: 29May98
(NSP 9806 #11)
| Serie Meine Schwiegermutter und ich |
Heute ist ein sehr aufregender Tag. Ich sehe Hedwig wieder, meine Schwiegermutter. Letztes Mal hatte ich ihr erzählt, daß ich lesbisch bin. Letztes Mal war Hedwig ziemlich besoffen. Wie weit geht das Erinnerungsvermögen bei acht Gläsern Kräuterschnaps? Aber wir waren eingeladen. Man sieht euch ja so selten und ich bin schließlich die Mutti..." Das war so ziemlich mein Lieblingsargument für einen freiwilligen Besuch. Meine Freundin hatte gar keine Angst. Schließlich hatte es zwischendurch einige Telefonate gegeben und das Lesbenleben war nie erwähnt worden.
Ja hallo, ihr Lieben, kommt rein! Es gibt gleich was zu essen!" Au fein, ich bin auch nach 75 Kilometern total ausgehungert. Hallo Elke, schön, daß du mitgekommen bist, ich muß mich nachher mal mit dir unterhalten!" Plumps, da fiel es, mein Herz in die Hose. Ich lächelte und sagte tapfer: "Ich muß erstmal auf Klo!"
Beim Essen hatte ich ständig diesen Kloß im Hals und alle selbsterlebten und gehörten Coming-Out-Geschichten jagten durch mein Hirn. Gleich wird hier jemand enterbt. Oder es ist o.k., aber Omi darf nichts wissen, wegen dem schwachen Herzen. Oder es kommen ganz viele Fragen wie: Habt ihr dann auch Sex? Wie denn, so ohne Mann? Ja, und im Alter? Und was sagt deine Mutti dazu?" Ich wollte nur mal kurz die Hand meiner Freundin drücken, um mir etwas Mut zu holen; faßte unter den Tisch und kniff prompt den Hund in den Po. Der jaulte, stürzte hervor und verließ fluchtartig den Raum. Wieso sind solche Situationen stets voller Slapstick?
Wenn es bloß endlich so weit wäre... Nach ewig vielen Tellern Krümelsuppe (wer erfindet eigentlich so ein Rezept: krümeligen Gries in eine ansonsten akzeptable Suppe?) kam dann der Satz: Also, Töchterchen, du machst die Küche, ich geh mit Elke ins Wohnzimmer. Elke, setz dich - du hast mir ja letztes Mal einen ganz schönen Schreck verpaßt." Sie wußte noch alles.
Wieviel Schnaps verträgt diese Frau? Ja, also, wir, das ist, eigentlich, weißt Du..." - Komm, ich versteh euch ja. Wenn ich mir manchmal den Erich so anschau, denk ich ja auch, mein Leben hätte anders laufen können. Ich war nämlich ziemlich hübsch, als ich jung war und ich wollte immer zum Theater. Schau, wenigstens meine Tochter soll ihr Leben so gestalten, daß sie auf dem Totenbett sagen kann: ich habe gelebt! Ich wollte jetzt von dir hören, wie es ihr geht. Sie sagt mir ja nichts. Und der Freund, den sie hatte, fragt immer noch nach ihr. Kann ich dem mal sagen, daß sie jetzt in festen Händen ist?" Ich war platt. Wer hätte hinter den Pudellocken ein funktionierendes, tolerantes Gehirn vermutet?
Ja, Schwiegermutti, ja! Sag ihm, sie ist in festen Händen. Und mach dir keine Sorgen; uns geht es beiden gut. Wir haben viele Freunde in Nürnberg, die uns sehr mögen und mein Chef ist selber schwul. Die Nachbarin, die auf die Katzen aufpaßt, ist lesbisch und deine Tochter singt jetzt jeden Morgen in der Badewanne - so verdammt gut geht es ihr!" - Gott sei Dank; da bin ich ja beruhigt."
Eure Elke
Heute schon die "Schwiegermutter" von morgen lesen (Juli 98) ? Kein Problem: HIER IST SIE !