Veröffentlicht / Released: 29May98

(NSP 9806 #15)


10 Jahre Fliederfunk
GayMenue Impressions

 

von Thorsten Reimer

von Michael Glas


 

 

Fliederfunk wird Teenager

10 Jahre schwules Radio in Nürnberg und Franken

 

Das dienstälteste legale schwule Radiomagazin der Republik feiert seinen 10. Geburtstag. Am 16. Juni 1988 um 23.00 Uhr nahm der FLIEDERFUNK seinen wöchentlichen Sendebetrieb bei Radio-Z auf.

Das Freiburger Radio Dreyeckland und seine Schwule Welle hatten zu dieser Zeit noch den Status eines illegalen Piratensenders; und alle noch älteren Projekte sind längst abgeschaltet. Jetzt fragt Mann sich natürlich, warum ausgerechnet das konservative, als schwulenfeindlich verschriene Bayern als erstes Bundesland einen Schwulen-Sender   in den Äther schickte? Möglich machte es die CSU mit ihrem forcierten Engagement für eine Zulassung privater Rundfunkanbieter. Nach einer Richtlinie des Bundes sollte diese Öffnung des Rundfunks einher gehen mit einer größeren Programmvielfalt und dem Auftrag, Angebote vor allem im kulturellen Bereich zu schaffen, die bisher im öffentlich-rechtlichen Rundfunk keinen Platz fanden. Ob man damals diesen Auftrag bei der CSU einfach überhört oder gedacht hat, daß solcherlei Programme sowieso von niemandem finanziert würden, läßt sich aus heutiger Sicht schwer feststellen. Die Partei war jedenfalls unangenehm überrascht von der Bewerbung Radio-Z ´s für eine der begehrten Privatfrequenzen und hat sich schwer ins Zeug gelegt, um dessen Sendestart zu verhindern.

 

Besonders zupaß kam ihnen da das geplante schwule Magazin. Staatssekretär Rosenbauer (CSU) sagte dazu: Ich glaube, ich spinne gleich zweimal ... das ist genau das, was wir nicht wollen: eine Schwulenwelle für Schwule. Ob solcher Intoleranz wurden die Christsozialen, die sich bei solchen Themen ja gerne an das C in ihrem Namen erinnern, ausgerechnet von einem Pfarrer gemaßregelt. Der Vertreter der katholischen Kirche im Medienrat, Pfarrer Wilhelm Gegenfurtner, meinte, es sei Auftrag der Kirchen, der Christen und einer christlichen Partei, vorurteilsfrei mit solchen Themen umzugehen und ebnete mit seiner Stimme Radio-Z den Weg zum vorläufigen Sendestart am 1. Dez ‘87.

 

Ein schwules Magazin wurde vorerst allerdings nicht genehmigt. Vielleicht teilten einige Konservative im Medienrat auch die Befürchtung von MdL Dr. Gerhard Merkl:  Wenn wir heute sagen, die Zielgruppe Schwule darf senden, dann kommen morgen die Lesben und übermorgen die Fixer. Gustl Huber von den Heimatvertriebenenverbänden fürchtete gar, ob die Schwulen im Radio vielleicht auch noch Nachwuchswerbung betreiben wollten. Im positiven Sinne sollten beide  recht behalten, ein halbes Jahr später sendete schon der Fliederfunk, eine Lesbensendung ließ auch nicht lange auf sich warten und Nachwuchs warben die schwulen Redakteure reichlich, wenn auch nur für die Redaktion, denn in den vergangenen 10 Jahren haben die unterschiedlichsten Teams den Fliederfunk produziert.

 

Pornographie oder sonstige Frivolitäten - wie von einigen Printmedien befürchtet - wurden vom neuen Schwulenradio nicht in den Äther geblasen und waren auch nie vorgesehen. Vielmehr beabsichtigte der Fliederfunk,  über die Probleme der Homosexuellen zu informieren, um Verständnis bei der heterosexuellen Bevölkerung zu werben und der ständigen Diskriminierung von Schwulen entgegen zu wirken. Darüber hinaus wollte Fliederfunk einfach schwule Kultur hörbar, das schwule Leben vielfältiger und nicht zuletzt einfach Spaß machen. In den vergangenen 10 Jahren haben die jeweiligen Redaktionen versucht, diesen Anspruch in ihrem Programm umzusetzen. Wie mehr oder minder ihnen das gelungen ist, kann Mann heute nur schwer beurteilen. Jedes Team hatte zu seiner Zeit seine eigenen Vorstellungen von einem schwulen Programm, seine  besonderen Probleme und Schwierigkeiten, jeder Redakteur seine ganz speziellen Beweggründe für die Mitarbeit. Obwohl alle Teams immer versuchten, die nach ihren Möglichkeiten besten Sendungen zu produzieren und es auch nie am nötigen Herzblut fehlte, mußten sich so einfach Fehler einschleichen. Der schwerwiegendste und folgenreichste war sicher die sogenannte Lederserie, genauer deren letzte Folge zum Thema Fisten. Von Skandal war da die Rede, Jugendgefährdung, einer unendlichen Schweinerei, es wurde sogar Sendeverbot für Radio-Z gefordert. Alles, was von dem herbei geredeten Skandal übrig blieb, war eine Rüge des Medienrates wegen einer schlechten journalistischen Form des Beitrags. Eine Jugendgefährdung hatte nie stattgefunden, doch das interessierte die Presse  nicht mehr, und auch die damaligen Fliederfunk-Macher verloren das Interesse an ihrem Radio, der vermeintliche Skandal hatte wohl einfach zuviel Kraft gekostet und zu viele Illusionen platzen lassen.

 

Die darauffolgenden Jahre hat ein Redakteur den Fliederfunk fast im Alleingang am Leben erhalten. Seit einem Jahr zählt die Redaktion  sieben Köpfe, was der Sendung gut bekommen ist. Gemeinsam wurde ein neues Konzept erarbeitet und ein hoher Qualitätsstandard geschaffen, so daß einige Beiträge des Fliederfunk inzwischen sogar von anderen Radios übernommen werden. Der  Fliederfunk möchte seinen Hörern ein aktuelles, informatives und engagiertes Magazin bieten, mit schwulen Inhalten aus Politik, Bewegung und Kultur, angereichert mit schwulem Lifestyle, Humor und eingängiger Musik. Die Redaktion hat sich vorgenommen, den Nürnberger Schwulen ihr Radio wieder näherzubringen und es zu dem zu machen, was ein schwules Radio sein kann: ein starkes Medium, das von, mit und für die Szene lebt.

 

Der Fliederfunk feiert sein 10-jähriges Jubiläum am 16. Juni um 19.00 Uhr im Confetti. Wir laden dazu alle ehemaligen Fliederfunker, alle Medienkollegen, alle Schwulenbewegten, alle Freunde und Bekannte und alle, die sich für den Fliederfunk interessieren, ganz herzlich ein. Bitte meldet Euch möglichst bis zum 5. Juni an. Während einer Sendung 0911-45 00 666, per Fax 0911-45 00 677 (Red. Fliederfunk) oder bei Thorsten 0172-607 23 19.

 

 


 

 

Gay Menue V

Zwei unterschiedliche Einschätzungen

 

Am 25. April fand das 5. GayMenue am bewährten Veranstaltungsort Forum statt. Programm, Disco, Party wurden für die Gäste aufgetischt. Das GayMenue erwies sich auch diesmal als Anziehungspunkt für Lesben, Schwule und Partypeople aus ganz Mittelfranken, abgeschmeckt mit einer Prise MünchnerInnen und FrankfurterInnen.

Programm und Disco fanden im großen Saal statt, der kleine Saal bot Gelegenheit zum Chill-Out und Tratsch, mehrere Bars boten Getränke und kleine Speisen. Wie auch die letzten Male hätte das Forum sicherlich noch einige Gäste mehr vertragen, andererseits fand ich es sehr angenehm, daß es nicht gestopft voll war. Als Moderator sorgte zuerst France Delon für Stimmung  als Vorbereitung für den Top-Act des Programms die niederländische Rock/Soul-Röhre Candy Race. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der mittelfränkischen Zurückhaltung gelang es ihr, das Publikum schon etwas anzuheizen. Spannend dann auch der Moment, als die heißersehnten -was allerdings kaum jemand zugibt -  vier GoGo-Boys ihr jeweiliges Podium erklommen. In minimale Stoffteilchen verpackt, waren sie ein Augenschmaus. Die männlichen Besucher übten da vornehme Zurückhaltung und beließen es dabei. Wogegen ein paar Frauen offensichtlich die Stoffteilchen als Andenken erbeuten wollten, was die Stimmung noch ein bißchen ausgelassener machte. House und Dancefloor aus guter Soundanlage und eine perfekte Light-Show taten ihr übriges. Eine gute Party, vielen Dank an die Veranstalter. Wir freuen uns auf das Gay Menue VI.

  


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