Veröffentlicht / Released: 09Jul98

(NSP 9807 #2)


100 Jahre Schwulenbewegung - Teil 10

Jubiläum: 20 Jahre Fliederlich


Serie von
Michael Glas

siehe auch Teil 1 in NSP 0797: 1897-1933 · Die erste Homosexuellenbewegung in Deutschland
siehe auch Teil 2 in NSP 0997: Die Situation zwischen 1933 und 1969
siehe auch Teil 3 in NSP 1097: Die Formierungsphase ab 1969
siehe auch Teil 4 in NSP 1197: Der Tuntenstreit - Die Strategiediskussion
siehe auch Teil 5 in NSP 1297: 'NARGS' und HomoLulu
siehe auch Teil 6 in NSP 0298: Beethovenhalle und die Folgen
siehe auch Teil 7 in NSP 0398: Die achtziger Jahre
siehe auch Teil 8 in NSP 0498:
Aids und die Auswirkungen auf die Schwulenbewegung
siehe auch Teil 9 in NSP 0598: Der 'Bundesverband Homosexualität' BVH


 

Die Erde ist abgekühlt, in der Ursuppe entsteht das erste Leben, das bald darauf den Planeten bevölkert. Anfang der 70er Jahre – das Kino gibt es schon lange -  kommen neue Filme mit bisher eher ungewohnten Themen.

Sie heißen ‚Die Armee der Liebenden’ oder ‚Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt’’ von Rosa von Praunheim. Geschehnisse im weit entfernten Amerika werden in Europa bekannt, Stonewall’ wird ein Begriff. Der Wunsch nach Freiheit bricht sich seine Bahn. Homosexuellengruppen entstehen. Sie nennen sich Homosexuelle Aktion oder Initiative. In der Tradition der Studentenbewegung verstehen sie auch Sexualität als politisch und sich selbst als außerparlamentarische Opposition, die die Welt verändern will. Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben für alle Menschen sind Teil der Ziele. Auch in Nürnberg geschieht etwas. Die Homosexuelle Aktion Nürnberg (HAN) erblickt 1974 das Licht der Welt. 10 – 15 Schwule treffen sich zunächst im ebenfalls neuen KOMM, wechseln jedoch bald zum ‚Club Aquarell’ der evangelischen Industriejugend – ein Stadtmauerturm gegenüber der Sterntorklappe. Man verteilt Flugblätter, arbeitet politisch und verursacht einen Kulturskandal durch den Auftritt der schwulen Theatergruppe ‚Brühwarm’ im KOMM-Festsaal. Unmöglich, peinlich, abartig! - so die Nürnberger Presse und die Junge Union.

Doch die HAN spaltet sich 1977 in zwei Fraktionen, die Polit- und die Kommunikationsfraktion. Es geht nicht mehr weiter, Lähmung. Ende 1977 wird die HAN aufgelöst. "Nun war erst mal für ein halbes Jahr Sendepause. Wir tauchten wieder in die ‚Sub’ ab, also in die Pfalz, Amico oder das Why not, trafen uns auf der Klappe oder privat." (Bernd Offermann in Fliederlich informiert, Januar 1982)


Das Ende?

Nein, etwas hat überlebt. Der Wunsch und die Idee. "Dann aber kam die verdienstvolle Aktion von unserem lieben Wolfgang Kaaden. Er...schrieb ab Sommer 1978 lange Briefe an uns" (Bernd). Diese Briefe entfalten offensichtlich schnell ihre Wirkung. Urkundlich erstmalig erwähnt wird die Gruppe Fliederlich aus Nürnberg bei einem Treffen zur Gründung einer ‚Bunten Liste’ in Bayern am 23. Juli 1978. "Wir sehen die Notwendigkeit, daß sich schwule Frauen und Männer, gerade im schwarzen Bayern unter dem neuen Landesvater F.J. Strauß, zusammenschließen, ..." (aus: ‚die HAN ist tot, es lebe Fliederlich’)

Ziele sind der Kampf um verwehrte Rechte, gegen Diskriminierung und der Aufbau einer offenen persönlichen Umgangsweise miteinander. Diese wird in der vorhandenen ‚Plüsch-Subkultur’ vermißt. Ein neues schwules Selbstverständnis und eine befriedigende Selbstverwirklichung wird angestrebt, mit der Gründung eines eigenen Schwulenzentrums. Politisch verankert sieht sich die Gruppe in der links-alternativen Szene und der Schwulenbewegung. Öffentlichkeitsarbeit findet sofort statt. Am 28. September 1978 erscheint die erste Ausgabe der ‚Hauspostille’, die mit der Nr. Sex im März 1979 schon auf acht Seiten anwächst. "Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger – Nürnberger Schwule gegen Strauß!" ist das Motto des Schwulenblocks bei einer Gegendemo am 12. Oktober 1978. Zum 40. Jahrestag der Reichskristallnacht am 09. November 1978 beteiligt sich Fliederlich an der Veranstaltung. Doch Feiern ist auch wichtig und Schrilles, Tuntiges bringt Presseinteresse. Anfang Dezember gibt es das Homo-Eros-Kino – Homosexualität im Film in Zusammenarbeit mit der Meisengeige. Zum Auftakt der winterlichen Ballsaison präsentiert Fliederlich ebenfalls im Dezember 1978 erneut die Theatergruppe ‚Brühwarm’ im KOMM. Gruppenräume werden gefunden. Am 19. Dezember 1978 wird Fliederlich von den Gruppen des ‚Treffpunkts Nordstadt’, einem selbstfinanzierten Stadtteilladen, aufgenommen. "Mittelfrankens neue, einzige und wahre Schwulengruppe Fliederlich" lädt am 31. Dezember 1978 das erste Mal in die Zentrumsräume im autonomen Stadtteilladen in der Reichstr. 13 zur Silvesterparty. Ebenfalls im Dezember 1978 beginnt man mit der Entwicklung einer Satzung, um sich als Verein eintragen lassen zu können. Ab Januar findet jeden Montag das Gruppenplenum, jeden Samstag Cafebetrieb, jeden ersten Samstag im Monat eine Fete und einmal monatlich ein Plenum mit ‚unseren weiblichen Pendants’ statt. Der ‚harte Kern’ besteht aus den ‚aktiven 13’ laut dem Mitarbeiterverzeichnis vom 01. Februar 1979, erweitert sich aber schnell.

Doch auch Probleme tauchen auf. Es ist kaum Geld da. Wie soll die Miete bezahlt werden. Es wird beschlossen, das Telefon an den Gruppenabenden abzusperren, um Mißbrauch zu verhindern. Es werden eigenmächtige Aktionen Einzelner und mangelnde Transparenz in der Gruppe beklagt. Erhebliche persönliche Spannungen zwischen Gruppenmitgliedern entstehen. Das Vertrauen zueinander wird teilweise erheblich erschüttert. Fehlendes Interesse an gemeinsamen Aktionen und am Plenum als Austauschforum wird beklagt. Das Plenumsprotokoll vom 23. April 1979 hat als Tagesordnungspunkt 1: Diskussion über Problematik und Krisen der Schwulengruppe Fliederlich. Trotzdem gelingt es, zusammen mit der ‚HuK’, am Kirchentag im Juni 1979 mit einem inhaltlich ansehnlichen Programm teilzunehmen. Doch weiterhin bleiben persönliche Unzufriedenheiten in der Gruppe vorhanden. Ein schwerer Schlag von außen ist dann die Kündigung der Räume im Oktober 1980 zum Jahresende hin. Das Ende, das Aussterben der Dinosaurier?

Doch nein, etwas hat wiederum überlebt.


Die Viererbande

Die ‚Viererbande’ schlägt zu. Sie lädt alle, die in der Vergangenheit durch konstruktive Mitarbeit aufgefallen sind, zu einem Treffen. Am 19. September 1980 findet die "subversive Erstsitzung unter dem Motto ‚Rosa Morgengrauen’ in der Wohnung von Bernd Offermann statt. Offensichtlich erfolgreich. Fliederlich findet Anfang 1981 neue Räume, ausschließlich für sich, in Gostenhof in der Unteren (K)analstraße 5a. Eine ehemalige Bäckerei, in der es jede Menge zu renovieren gibt. Die Gruppe erhält dadurch neuen Schwung und einigen Auftrieb, zunächst durch die Renovierung. "Doch mit der Fertigstellung der vorderen Räume tat sich auch was. Regelmäßig dienstags um 20 Uhr trifft sich die Gruppe zum Plenum. Wenn sich die Renovierung mal nicht in den Vordergrund schob, kamen wir dort sogar manchmal zu sehr guten Diskussionen über uns, unsere Situation als Schwule und auf andere interessante Themen. Ansonsten entwickelte sich der Dienstag mehr und mehr zum Planungs- und Vorbereitungstreffen für zahlreiche Aktionen" (Bobby in Fliederlich informiert, Januar 1982). Fliederlich verfügt mittlerweile über eine Theatergruppe, die ‚Fränkische Klabbenoper’. Ab dem 17. Februar 1982 gibt es jeden Mittwoch von 19 bis 22.30 Uhr das Beratungstelefon ‚Rosa Hilfe’. Die Hauspostille hat sich seit Juni 1979 zum ‚Rosa Flieder’, der größten nichtkommerziellen Schwulenzeitung in Deutschland entwickelt. Es finden Lesungen, Bücher- und Infotische statt und natürlich die berühmten Schwulenfeten. "Ihr alle, die ihr schwul seid, aber auch ihr, die ihr euch noch nicht dazu entschlossen habt: helft uns, ganz Nürnberg wärmer und bunter zu machen. Kommt zu uns! Macht mit!" (Bobby)

 Doch Friede und reine Freude herrschen nicht lange. "Treibt der Rosa Flieder auf KB-Linie?" so der Titel eines Artikelvorschlags von Wolfgang Senft vom Oktober 1981. Ist Fliederlich vom Kommunistischen Bund (KB) unterwandert und damit auch illegal? Reißt der KB, der im Kampf gegen das politische und wirtschaftliche System der Bundesrepublik auch Gewalt als Mittel nicht ausschließt, bei Fliederlich die Macht an sich? Mehr darüber in der nächsten NSP.

 

Ich danke Wolfgang Senft für die Überlassung der Unterlagen, die die Grundlage für diesen Beitrag sind.

 


Michael Glas, Die Schwulenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland - politische Ziele und Strategien, 1993, Magisterarbeit, Universität Erlangen-Nürnberg; gekürzt u. überarbeitet


siehe auch Teil 1 in NSP 0797: 1897-1933 · Die erste Homosexuellenbewegung in Deutschland
siehe auch Teil 2 in NSP 0997: Die Situation zwischen 1933 und 1969
siehe auch Teil 3 in NSP 1097: Die Formierungsphase ab 1969
siehe auch Teil 4 in NSP 1197: Der Tuntenstreit - Die Strategiediskussion
siehe auch Teil 5 in NSP 1297: 'NARGS' und HomoLulu
siehe auch Teil 6 in NSP 0298: Beethovenhalle und die Folgen
siehe auch Teil 7 in NSP 0398: Die achtziger Jahre
siehe auch Teil 8 in NSP 0498:
Aids und die Auswirkungen auf die Schwulenbewegung
siehe auch Teil 9 in NSP 0598: Der 'Bundesverband Homosexualität' BVH