Veröffentlicht / Released: 27Aug98

(NSP 9809 #9)


Die Literarische 09/98
Romane ...
... Bildbände

Neues vom Büchermarkt
Vor-gelesen und -betrachtet
von Jan Marco Becker,
Siegfried Straßner +
Marian Gintaras Ansgar Masa, M.A
.

- Etgeton/Hark: Freundschaft unter Vorbehalt
- Büge: Reife Leistung
- Koserow: Rosentals Erster
- Dompke: Weil doch was blieb
- R.König: Jago


Spätere Vorbehalte nicht ausgeschlossen

Zusammenarbeit von Schwulen und Lesben

 

Nicht nur Loriot hat festgestellt, daß Männer und Frauen so grundverschieden sind, daß sie eigentlich gar nicht zusammen passen. Bei den Heteropaaren werden mittlerweile ein Drittel aller neu geschlossenen Ehen wieder geschieden. Somit erscheint es nicht sehr verwunderlich, daß auch eine gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen Lesben und Schwulen mit der Lupe gesucht werden muß. Wohlmeinende Ansätze mit besten Absichten zum gemeinsamen Miteinander sind vielfach schon nach kurzer Zeit wieder gescheitert. Aber woran liegt’s? Hat Loriot doch recht mit seinem simplen Bonmot, oder hat es mit dem ‘kleinen Unterschied’ gar nichts zu tun?

Selbst in rein schwulen oder lesbischen Organisationen gibt es oft genug Streit und nicht selten kommt es zum Bruch. Aktive und fähige Mitarbeiter-Innen, die sich eben noch bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit engagiert haben, bleiben plötzlich aus, nur weil irgendwem seine/ihre Nase nicht gefällt und er/sie womöglich obendrein noch Opfer einer häßlichen Intrige wurde. Da brauche ich gar nicht so weit zu schauen, um dafür ein Beispiel zu finden. Die Auseinandersetzungen, Streitereien und Personaldebatten, die ich in meiner mittlerweile siebenjährigen Aktivität bei Fliederlich erlebt habe, lassen sich längst nicht mehr an zehn Fingern abzählen. Und wenn es dabei um die Mitarbeit von Lesben ging, dann gäbe dieses Kapitel Stoff für mehrere Trauerspiele Marke Shakespeare her.

Dabei sind die Ansätze der Zielsetzungen lesbischer und schwuler Vereinigungen eigentlich sehr ähnlich, nämlich die Erreichung der absoluten Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Lebensformen und die Beseitigung jeglicher Diskriminierung. Doch das ist dann auch schon alles. Darüber hinaus gehen die verschiedenen Ab- und Ansichten zum Teil weit auseinander. Viele lesbische Frauen lehnen alles Männliche von vornherein ab, weil sie damit auch gegen die immer noch herrschende Dominanz der Männlichkeit in unserer Gesellschaft protestieren. Andererseits ziehen sich viele schwule Männer oft ganz unbewußt den Schuh der Überheblichkeit des ‘starken’ Geschlechts an und spielen die Rolle des Überlegenen, nicht zuletzt vielleicht auch deshalb, weil die Toleranz gegenüber Schwulen wesentlich weiter fortgeschritten ist als gegenüber Lesben. Das muß unweigerlich zu Konflikten führen. Wenn sich also nicht jede/jeder ein wenig zusammenreißt und bereit ist, Kompromisse einzugehen, dann wird eine Kooperation von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. Denn die oft einzige Gemeinsamkeit, nämlich die sexuelle Orientierung auf das eigene Geschlecht, reicht eben nicht für eine harmonische Gruppen- oder Vereinsarbeit aus.

So zeigt auch ein Blick auf andere Vereine oder gesellschaftliche Gruppierungen, daß immer ein gemeinsames Interesse oft sehr unterschiedliche Menschen zusammenbringt. Und dabei sind dann gemischtgeschlechtliche Kooperationen eher die Ausnahme. Ob das nun der Schützenverein, der Bridgeclub, die Fußballmannschaft oder das Kaffeekränzchen ist. Meist sind hier Frauen oder Männer unter sich. Man/frau versteht sich einfach besser untereinander. Selbst unter Schwulen und Lesben, wo die sexuellen Aspekte keine Rolle spielen, sind die Ressentiments gegenüber dem anderen Geschlecht doch vorhanden, als wären sie von Geburt an implantiert und vorgeprägt. ‘Die Frauen’ oder ‘die Männer’ heißt es da immer sehr schnell, ohne daß die einzelnen Individuen betrachtet werden. Vorverurteilungen sind an der Tagesordnung, ohne daß Hintergründe oder Ursachen hinterfragt werden. Hinzu kommt, daß bei Schwulen und Lesben, die einer Gruppe oder einem Verein beitreten, mehr oder weniger stark auch die Partnersuche eine Rolle spielt, und da fallen die VertreterInnen des anderen Geschlecht natürlich als allererstes durchs Raster.

Auch wenn Männer und Frauen, die sich in schwulen und lesbischen Organisationen engagieren, in der Regel intelligenter und von höherer Bildung sind als der Durchschnitt der Bevölkerung, hat eine vernunftbetonte Zusammenarbeit selten eine Chance. Statt dessen laufen die gleiche Grabenkämpfe ab wie in anderen Vereinigungen, in denen die Geschlechter aufeinandertreffen. Spielt vielleicht hier die sexuelle Ablehnung des anderen Geschlechts eine wichtige Rolle? Impliziert sie unterbewußt auch eine psychische Verneinung der Person? Nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen soll Homosexualität zumindest überwiegend angeboren sein.

Aber möglicherweise spielen auch Umwelteinflüsse mit in die sexuelle Entwicklung hinein. Waren da vielleicht einige unangenehme oder negative Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht in der Vergangenheit? Und haben diese Erfahrungen unter Umständen doch zu unserer Prägung beigetragen?

Ist der Kampf zwischen den Geschlechtern am Ende ganz unabhängig von der sexuellen Orientierung? Oder könnte eine vorsichtige Annäherung mit der jederzeitigen Möglichkeit zum sofortigen Rückzug stattfinden? Unter welchen Voraussetzungen und Gegebenheiten funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Lesben und Schwulen? "Freundschaft unter Vorbehalt" titelt eine wissenschaftliche Textsammlung, die Stefan Etgeton und Sabine Hark unlängst beim Berliner Querverlag herausgegeben haben. Aufgezeigt werden Chancen und Grenzen lesbisch-schwuler Bündnisse, verdeutlicht am Beispiel vieler Gruppen und Projekte, wo es funktioniert hat und wo nicht.

Tatsache ist, daß Schwule und Lesben, die einmal den Schritt heraus aus dem Schrank gewagt haben, die sich erst einmal ein gewisses Maß an Mut, Selbstbewußtsein und Stolz – mehr oder weniger hart – erarbeitet haben, die jetzt sagen, ‘seht her, ich bin lesbisch’ oder ‘ich bin schwul, seht zu, wie ihr damit fertig werdet, ich bin ich, und ich bin, wie ich bin, akzeptiert das gefälligst’, daß die in der Regel nicht mehr bereit sind, zurückzustecken, die ‘neue Freiheit’ auch nur ein Stück weit wieder aufzugeben.

Da steckt auch eine gehörige Portion Egoismus dahinter, und die ist auch dringend nötig, wenn man/frau sich in der übermächtigen Heterowelt behaupten will. Doch Kompromisse sind nun mal unumgänglich, wenn Männer und Frauen zusammenarbeiten wollen.

Tatsache ist aber auch, daß Schwule und Lesben sehr viel voneinander profitieren können, sowohl auf der sozialen, als auch auf der emotionalen Ebene: "’Wir haben zwischenmenschlich voneinander profitiert’, sagt Martina Frenznick. ‘Wir haben Dinge miteinander ausgetragen, die wir sonst nicht hätten austragen können.’ Die Zusammenarbeit mit den Schwulen sei eine Bereicherung gewesen, weil sie einen anderen Blickwinkel gehabt hätten – und umgekehrt. Auch beruflich habe man voneinander gelernt, zum Beispiel, wie man mit PolitikerInnen umgeht, die eine negative Einstellung zu Homosexualität haben. Hier waren die Schwulen im Vorteil.

‘Sie konnten zu den männlichen Abgeordneten trotzdem eine männerbündlerische Ebene finden’, stellt Martina Frenznick fest. Für die Lesben sei es schwieriger gewesen, einen ‘Draht’ zu den weiblichen Abgeordneten zu bekommen, weil die Mehrzahl Lesben als bedrohlich erlebt hätte." Warum ist das so? Lesben versuchen, vielfach auch unbewußt, andere Frauen nicht nur pro Lesben, sondern auch contra Männer auf ihre Seite zu ziehen. Und da machen viele Frauen nicht mit, weil sie in ihrer gesellschaftlichen Rolle als Frau, die mit den Männern nun mal auskommen muß und meist auch will, schon zu stark vorgeprägt sind.

Damit kristallisieren sich die grundlegendsten Unterschiede zwischen den Zielsetzungen schwuler und lesbischer Vereinigungen heraus: "Die meisten dieser Unterschiede sind bereits durch die Tatsache bedingt, daß Schwule Männer und Lesben Frauen sind. Dies auszusprechen klingt banal, hat aber fundamentale Folgen. Schwule und Lesben können sich der sozialen geschlechtsbedingten Rolle nicht auf eine rosa Insel der Seligen entziehen. Dieses Problem betrifft die Schwulen als Gruppe weniger als die Lesben, die sich mit einer gleich dreifachen Unterprivilegierung und Minderheitenposition konfrontiert sehen: (a) als Frauen in der Gesellschaft, (b) als Lesben in der Gesellschaft und (c) als Lesben in der Frauenbewegung. Und noch eine vierte Dimension ließe sich anführen, nämlich (d) als Lesben in der eher männlich dominierten Bewegung." Während also den meisten Schwulen die Frauen im Grunde gleichgültig sind und sein können, kämpfen Lesben immer auch gegen ihre Unterdrückung als Frauen an sich. Das heißt, daß Schwule, die mit Lesben zusammenarbeiten wollen, erst einmal von ihrem hohen Roß der Männlichkeit herabsteigen und sich im Grunde ein Stück weit selbst bekämpfen müssen, nämlich in ihrer Rolle als Anführer der Menschheit.

Jeder sollte sich zuvor fragen, ob er dem Widerspruch standhält: ‘Ich bin ein starker Mann, weil ich dazu stehe, schwul zu sein, aber ich will kein starker Mann sein, weil ich kein Herrscher sein will, vor allem kein Herrscher über Frauen.’ Wer sich auf diesen – im Grunde nur scheinbaren – Zwiespalt einläßt, der könnte durchaus eine Erweiterung seines Horizonts erleben, wenn er nur bereit ist, sich ein klein wenig zu arrangieren: "Die Erfahrungen der Projekte haben gezeigt daß die lesbisch-schwule Zusammenarbeit trotz aller Schwierigkeiten ein lohnendes Unterfangen ist. Die Schwulen profitieren vor allem von bekannten weiblichen Vorsprüngen: Emotionalität und kritische Bewußtseinsbildung. Den Lesben nützen vor allem die Sozialisationsvorsprünge schwuler Männer bei der politischen Einflußnahme und beim Beschaffen von Geld. Die größte Bereicherung dürften jedoch die Freundschaften zwischen Lesben und Schwulen sein, die durch die gemeinsame Arbeit entstehen. Sie sind das eigentliche Fundament einer von gegenseitigem Verständnis geprägten Zusammenarbeit."

Und genau dieses gegenseitige Verständnis habe ich so oft vermißt in den zahllosen Streitgesprächen, derer ich nach all den Jahren überdrüssig zu werden beginne.

(Jan M. Becker)

Stefan Etgeton, Sabine Hark; Freundschaft unter Vorbehalt; Querverlag Berlin; 29,80 DM; ISBN 3-89656-023-9


 

Nacktgeputzter Egotrip

"Reife Leistung" - ein Roman von Lutz Büge 

 

"Zum Kotzen findet sie das, dass die Welt nichts im Kopf hat außer Sex. Immerzu nur Sex. Sex, Sex, Sex, Sex, Sex! Aber das macht Uschi nicht mehr mit, damit ist Schluss. Ist ja doch immer dasselbe. Wozu die ganze Anstrengung? Ein paar Spritzer, und der Spaß ist vorbei. Nein, Sex findet in Zukunft ohne Uschi statt. Das passt gut damit zusammen, dass Uschi ja demnächst Geburtstag hat und in das Greisinnenalter eintritt, da kann sie jetzt schon mal ein bisschen üben für die postsexuelle Zeit. Höchstens wenn Matthias auftaucht, würde sie sich vielleicht noch überreden lassen [...]"

 

Uschi, Lotte, Steffi, Helga - ganz schön gewagt von Lutz Büge! Rückt der 34jährige Autor doch einen Haufen Freiburger Huschen - samt ihrer Tuntennamen - in den Mittelpunkt seines Romans "Reife Leistung". Und das in einer Zeit, in der immer mehr Schwule immer übermännlicher, immer olivgrüner, kollektiv schlammgeil ins Triebmanöver robben.

Hat der gemeine schwule Leser der ausgehenden 90er Jahre diese gemeine Attacke auf sein Hetero-Traumbild erst einmal verkraftet, so darf er sich zur Belohnung auf 287 Seiten vergnüglichste Lektüre mit Uschi und ihren Freundinnen freuen. Denn diese Uschi, die Hauptfigur des Romans, ist nicht nur talentierte Erzeugerin von Verwicklungen und Katastrophen. Sie ist auch selbst eine einzige, selbstverliebte Katastrophe - und darüber hinaus ein Biest zum Liebhaben.

Doch genau am Vorabend ihres 25. Geburtstages wird Uschis Persönlichkeit von ernsthaften Selbstzweifeln erschüttert. Wie kam es zum Zerwürfnis mit ihrer besten Freundin Lotte? Was haben die vielen anderen Männer damit zu tun? Und wie war das gleich wieder mit ihrer Karriere als Nacktputzerin? Allein und vereinsamt an den Folgen ihrer vorherigen Handlungen irrt sie durch das nächtliche, unwirtliche Freiburg. Innerhalb von nur zwei Stunden, von Lutz Büge in praktische Viertelstundentakt-Kapitel unterteilt, erweckt sie alle Ereignisse der letzten Monate noch einmal gedanklich zu neuem Leben. Die schonungslose Rückschau wird für Uschi zum Etappenziel eines verzwickten Selbstfindungsprozesses. Aber keine Angst: Lutz Büge mutet seinen Lesern keine bierernste Selbsterfahrungs-Nabelschau zu. Uschis Gedankenknoten und plötzliche Einsichten werden mit viel Detailwitz und Ironie erzählt. Uschi stolpert bissig, direkt, naiv, eigensinnig und trotzig von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen. Büge hat dazu einen völlig eigenen Schreibstil entwickelt. Keine Aussage bleibt so absolut, wie sie zunächst erscheint. Was Uschi gerade noch felsenfest behauptet, relativiert sie im nächsten Moment bis zur Karikatur. Uschi über Uschi: "Uschi ist vielleicht nicht die Hellste, aber sensibel ist sie trotzdem. Einigermaßen wenigstens. Manchmal. Wenn sie will."

Uschis Bühne ist ausnahmslos das biedere Freiburg. Kenntnisreich manövriert Lutz Büge seine Figuren durch eine überschaubare, der Nürnberger (Würzburger, Bamberger...) nicht unähnlichen Szene. Statt Supermänner zu erfinden, beschreibt er lebensechte Typen. Die messerscharf und schonungslos gezeichneten Charaktere bringen eigene angenehme wie unangenehme Erfahrungen des Lesers zum Schwingen; irgendwie, irgendwoher glaubt man Figuren wie Situationen bereits zu kennen. Darüber hinaus bietet der Roman amüsante, voyeuristisch-skurrile Einblicke in das Nacktputzer-Metier. Und rechtzeitig mit dem Eintritt in ihr neues Lebensjahr hat sich Uschi völlig verändert, ziemlich zumindest, na ja, vielleicht ein bißchen...

(Siegfried Straßner)

Lutz Büge: "Reife Leistung", Männer- schwarm- Skript Verlag Hamburg 1998, 287 Seiten, DM 29,80


 

Sächsisches Knabenmeucheln

"Rosentals Erster" - ein Krimi von Barth Koserow

 

Krimis aus dem Bruno Gmünder Verlag? Kann das Anderes sein als Füllstoff-Crime von Fick zu Fick? Wenn schon reichlich nackte Männerhaut auf dem Cover lockt? - Es kann! Zumindest der 24jährige Barth Koserow beweist dies eindrucksvoll mit seinem Krimidebüt "Rosentals Erster", der in eben diesem Verlag erschienen ist.

 Natürlich widmet sich auch Koserow der beliebten Mischung aus Sex und Crime. Zum Schauplatz des Geschehen wählte er seine Geburtsstadt Leipzig. Nicht nur, daß der Psychologe Mirko Rosental soeben von seiner Frau verlassen wurde und zudem ein verwirrendes Coming Out durchlebt. Zu allem Überfluß findet er sich - mehr als ihm lieb ist - in einen besonders heiklen Kriminalfall verwickelt, kaum daß er in den psychologischen Dienst bei der Kripo aufgenommen wurde. Es gilt, einen gefährlichen Psychopathen zu stellen, dem es gefällt, Stricher und pubertierende Ausreißer zu sich zu locken, sie sexuell zu mißbrauchen und dann genußvoll-bestialisch zu meucheln.

Mit "Rosentals Erster" hat Koserow eine eigenwillige Mischung aus Krimi, Coming-Out-Roman, Porno und kriminalpsychologischem Lehrbuch gestrickt. Darf sich der Leser zunächst an reichlich Schwänzen und Sperma erfreuen, so wandelt sich "Rosentals Erster" mehr und mehr zum spannungsgeladenen Horrorkrimi, ganz so, als hätte sich Koserow urplötzlich eines Anderen besonnen. Überhaupt scheint er etwas gebraucht zu haben, um sich so richtig warm zu schreiben. Aber wachsende Spannung, ja Hochspannung bis zuletzt machen einige störende spöttische Plattheiten auf den vorderen Seiten rasch vergessen. Koserow überzeugt mit Stilsicherheit, kriminalistischen Details und Leipziger Milieukenntnissen. Wohltuend auch seine atmosphärisch dichte Beschreibung des Polizeibetriebs, fernab aller Derrick-Romantik mit Halbgöttern in Grün, doch durchwebt von gewöhnlichen Intrigen und Ost-West-Konflikten.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch: Barth Koserow stürzt sich mit "Rosentals Erster" auf das aktuelle Thema "Sexueller Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen", und der Belgier Dutroux findet sogar namentliche Erwähnung. Dies allein kann Koserow noch nicht zum Vorwurf gemacht werden. Doch gerät seine Darstellung von Gewalt und Mißbrauch zu reißerisch, zu voyeuristisch. Gerade durch sein sprachliches Talent erhalten Koserows Beschreibungen vom sexuellen Mißbrauch und der anschließenden Abschlachtung der Knaben eine derartige Plastizität, daß sie sich in ihrer lustvoll-brutalen Detailliertheit kaum von den übrigen Sexszenen unterscheiden. Bleibt zu hoffen, das "Rosentals Zweiter" an diesem Punkt mehr Feingefühl entwickelt.

(Siegfried Straßner)

Barth Koserow: "Rosentals Erster", Bruno Gmünder Verlag, Berlin 1998, 271 Seiten, DM 22,00


 

Was blieb ?

Alte Tunten schreiben schlechte Bücher

Schenkt mir doch eine stadtbekannte Tippse ein Machwerk namens "Weil doch was blieb. Alte Frauen in schlechten Filmen" von Christoph Dompke zum 30sten. Diese Boshaftigkeit sei ihr verziehen, da es sich bei nämlichem um ein wirklich unterhaltsames, gehässiges, kleines Büchlein handelt, in welchem 38 Bodensätze der Filmgeschichte samt ihrer weiblichen Teilnehmerinnen gereiften Alters satirisch kräftig durchgewalkt werden. (Besonders erwähnenswert dabei ist, daß "Kohlhiesls Töchter" mit dem unheilvollsten Pulver dieses Jahrhunderts (Lilo) gleich doppelt aufgeführt wird, einmal davon unter der Kategorie "Horrorfilme").

Gut, Gehässigkeit und alte Weiber machen als solche noch kein gutes Buch aus. Wenn ich wissen will, was alternden Tunten für Gemeinheiten über alternde Schauspielerinnen einfallen, kann ich ja im Grunde genommen auch die Tippse fragen. Allein die liebevolle Pedanterie auf der Suche nach Schwachstellen und Schrullen führen dazu, daß wir uns mit der Dompke über einen kurzen, aber schönen Moment, für den man Joan Crawfords Haaransatz unter der Perücke hervorlugen sieht, freuen dürfen, daß wir all die Operationen, die Liz Taylor letztendlich zwei verschieden lange Beine bescheren, noch einmal Revue passieren lassen dürfen und daß uns noch ein wohliger Schauer beim Gedanken an die ewig lachende Lilo Pulver und die ewig heulende Maria Schell durch den Körper strömt.

Plotbeschreibungen bescheuerter Filme wie "Unternehmen Feuergürtel" mit Joan Fontaine bringen uns ebenso zum Lachen wie Kritiken über Marlene Dietrich in "Schöner Gigolo, armer Gigolo", wo sie uns fast 80jährig "[...] die grenzenlosen Möglichkeiten der Maskenbildnerei offenbart". Zu Beginn eines jeden Kapitels freuen wir uns über schaurigschön scheußliche Bilder be-sonders alter Frauen, die dann aber doch nur die Dompke daselbst ( Jg . 65, 1965!!! ) darstellen, alles fake.

Bei allem Spaß, den dieses Buch bereitet, bleibt freilich die Sachlichkeit gänzlich auf der Strecke, aber die hätte hier auch gar nichts verloren, wir feiern ganz einfach Lucille Balls Niedergang und Marika Rökks krumme Beine und trauern darum, daß man Zsazsa Gabor in "Nightmare III- Freddi Krueger lebt" doch nicht sterben sieht und wundern uns über die Tatsache, daß der Film "Tiefland" von, mit und trotz Leni Riefenstahl nicht von den Franzosen vernichtet wurde.

Eine kleine kritische Bemerkung am Rande: Weniger ist oft mehr, und daher empfiehlt es sich, das wirklich schöne und lustige Buch nicht in einem Stück zu lesen, da sonst die Gefahr besteht, daß die filigrane Bissigkeit und die derben Lachsalven zu selbstgefälligem Genöle verkommen. In portionierten Häppchen jedoch wünsche (und versichere) ich dem geneigten Leser viel Vergnügen mit Schell, Knef, Davis, Hoppe, Winters, Turner, all den anderen Mumien und der Synchronstimme der Schlange Kaa.

(Marian Gintaras Ansgar Masa, M.A.)

Christopf Dompke: "Weil doch was blieb", MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 1998, 144 Seiten, DM 29,80


 

... und noch ein schlechets Buch

... einer alten Triene

 

Ralf König hat mal wieder zugeschlagen, und schon zu Beginn seines Buches "Jago" illustriert er uns, wieviel Alkohol Shakespeare nötig hätte, um ertragen zu können, was da aus seinem Werk gemacht wurde.

Anstatt wie im Falle von "Lysistrata" einen Klassiker zu vergewaltigen, hat sich König diesmal über den Akt der Vergewaltigung und Tötung aus niederen Beweggründen hinaus der Leichenfledderei schuldig gemacht; und das am Gesamtwerk Shakespeares.

Dem großen Meister werden Sonette wie z.B. "Ist der Mensch erst ein Gerippe, ist Vorhaut futsch und Schamgelippe" unterstellt, Richard Burbage, einer der genialsten Mimen der elisabethanischen Ära, deklamiert davon "die Geschosse und Pfeile des wütenden Geschickes zu erdudeln", hysterische Homosexuelle feuern den Henker Geoffrey bei einer Enthauptung an, die bösartige Tunte ereilt zum Schluß die gerechte Strafe, die Praeinkarnation der unverzichtbaren König-Figur Paul kriegt am Ende den heißblütigen Schwarzen, dessen Wortschatz hauptsächlich aus Äußerungen wie "N’Mombasa", Motza Rella" oder "Bortsch Bompa" besteht und und und...

Fazit: Ralf König zeigt erste Spuren des Alters. Daß wir über immer dieselben Witze lachen können (oder sollen oder müssen oder wie auch immer), wird nur dadurch ermöglicht, daß die Abstände zwischen den einzelnen Veröffentlichungen Königs immer größer werden. Das erfrischend wirkende an "Jago" ist mitnichten die vermeintlich originelle Art, eine trostlos konsruierte Geschichte mit "Anspielungen und Zitaten" von oder über Shakespeare zu spicken, die zu allem Überfluß auch noch am Ende des Buches erläutert werden. Die Abwechslung wird einzig und allein durch den Auftritt dreier Hexen erzielt, die von Gaststar Walter Moers gezeichnet sind und den Leser ein Dankesgebet sprechen lassen, daß es diesmal keine Blaubären oder kleinen Arschlöcher sind.

(Marian Gintaras Ansgar Masa, M.A.)

Ralf König: "Jago", Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 1998, 191 Seiten, DM 19,90

 


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