Veröffentlicht / Released: 05Nov98
(NSP 9811 #9)
Die Literarische 11/98
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eisender kommst Du nach Köln, so achte darauf, daß Dir in der U-Bahn kein fremder Koffer in die Arme fliegt. Denn sonst könnte es Dir ergehen wie Krapp, dessen blasse Existenz als gescheiterter Pianist unversehens in den Untiefen des Rotlichtmilieus versinkt. Und dann Gnade Dir Gott!Leo Feks: "Die leere Mitte", MännerschwarmSkript
Verlag Hamburg, 216 Seiten, DM 24,80
Farbiger, Schwarzer, Neger, Nigger - ein roter, nein
schwarzer! Faden durchzieht Walter Foelskes Erzählband "Wahnsinn und Wut". Eine
Sammlung außergewöhnlicher Kurzgeschichten über die Sehnsucht des Weißen nach dem
schwarzen Mann, über das Leiden weißhäutiger Männer an ihrem kraft- und blutleer
empfundenen Dasein, über ihre Jagd nach dem vermeintlich Wilden, Urtümlichen,
Kraftvollen im Schwarzen.
Aber Achtung! Wer "Wahnsinn und Wut"
in Erwartung liebevoller Beziehungsschilderungen zwischen Farbigen und Weißen zu lesen
trachtet, wer subtile Beschreibungen einfühlsamen Aufeinanderzugehens der Kulturen oder
gemeinsamer Trommelabende erwartet, wird enttäuscht, mehr noch, wird von Foelske
kraftvoll vor den Kopf geschlagen. Statt irreale Sozialromantiken oder
Multikulti-Wunschbilder zu bedienen, zeichnet Foelske radikal schwarzweiß, steigert er
den weißen Drang nach schwarzer Haut konsequent weiter bis in den absoluten Wahn.
Foelskes Antihelden verbindet mehr als bloße Sehnsucht, ihre stete Suche nach farbiger
Potenz wird zur Obsession, zu selbstzerstörerischer Gier. So wird für Kargk, Kischnitz,
Kramp oder Kalk - Foelskes besondere Vorliebe für Namen mit "K" ist
unverkennbar - das Objekt der Begierde eins mit einem Hochhaus, lassen sie sich für die
ersehnte Nähe erniedrigen, schlagen und berauben, verändern sie ihr Leben bis zur
Selbstaufgabe.
Foelske konfrontiert seine Leser mit Farbigen ohne Lifestyleglanz oder Palmenstrand, Schwarze, die nicht als Erotiktraum oder Lustobjekt am Urlaubsort zurückbleiben. Seine Farbigen wohnen im Kölner Sozialbau, im Erziehungsheim, fahren U-Bahn oder warten in Stricherkneipen. Sie sind nicht nur Ziel weißer Begierden, sondern Zielscheibe von offenem und - besonders unerträglich und perfide - latentem, verborgenem Rassismus in der Szenekneipe ebenso wie beim schwulen Kaffeekränzchen. In grotesken, bösen, wahnsinnigen Szenarien entlarvt Foelske Egoismen, Dummheit und weltanschauliche wie triebgesteuerte Interessen hinter schwarzenfreundlichen Fassaden. Er zwingt zu ständiger Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen, Werturteilen und der eigenen Einschätzung von Farbigen. Konsequent demontiert er die Mythen vom Schwarzen Mann, verzerrt und überspitzt er Klischees. Dabei spielt Foelske unentwegt mit den Erwartungen seiner Leser. Meisterlich skurril die Geschichte "Rausch oder Vom möglichen Ende des Erzählens", in der selbst die eigenen Figuren dem Autor zu entgleiten drohen. Bitterböse tabuverletzend die Brieferzählung "Nevil". Erschreckend das Aufeinandertreffen von farbigem Selbsthaß und weißer, eigennütziger Gönnerhaftigkeit in der Titelgeschichte "Wahnsinn und Wut".
Walter Foelskes sehr literarischer, perfekt komponierter Schreibstil macht den Erzählband weder stilistisch noch inhaltlich zu leichter Kost. Dennoch ist "Wahnsinn und Wut" ein ungemein lohnendes, spannendes und empfehlenswertes Buch. Und es könnte durchaus passieren, daß der Leser Farbige im bundesrepublikanischen Alltag schlagartig mit gänzlich anderen Augen betrachtet.
Walter Foelske:
"Wahnsinn und Wut", Schwarze Geschichten, MännerschwarmSkript Verlag,
Hamburg 1998, 182 Seiten, DM 29,80