Veröffentlicht / Released: 05Nov98

(NSP 9811 #9)


Die Literarische 11/98
Romane ...
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Neues vom Büchermarkt
Vor-gelesen und -betrachtet
von Siegfried Straßner
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Das Badehaus des Bösen
 

"Die Leere Mitte" - ein Kriminalroman von Leo Feks

Reisender kommst Du nach Köln, so achte darauf, daß Dir in der U-Bahn kein fremder Koffer in die Arme fliegt. Denn sonst könnte es Dir ergehen wie Krapp, dessen blasse Existenz als gescheiterter Pianist unversehens in den Untiefen des Rotlichtmilieus versinkt. Und dann Gnade Dir Gott!

Krapp - so nennt Leo Feks die tragische Hauptfigur seines ersten Kriminalromans "Die leere Mitte". Trotzdem ist das Buch mitnichten ein Erstlingswerk: Unter dem Namen Walter Foelske hat der Autor wiederholt seine literarische Meisterschaft bezeugt. Auch hier im Krimigenre, in minimalistischer Leichtigkeit von Dialog und Handlung, zeigt sich Feks/Foelske als stilsicherer Jongleur mit Worten, Satzzeichen und Sprache.

Doch zurück zu Krapp: Diesem Unglücksraben fällt nicht nur ein Koffer, sondern gleich hinterher mit dem 14jährigen Stricher Ronny ein weiteres Problem in die Arme. Obendrein wird er Zeuge eines Mordes, dem Ronnies Beschützer, sein "Daddy", zum Opfer fällt. Getrieben von naiver Neugier gerät Krapp rasch und unentrinnbar zwischen die Fronten eines blutigen Machtkampfes zweier Kölner Rotlichtbarone. Mit jedem weiteren Mord wird Krapp tiefer verstrickt in ein Netz von Prostitution, sexueller Ausbeutung und Menschenhandel mit polnischen Knaben. Rachelust und sich steigernder Wahn schmieden ihn in unglückseliger gegenseitiger Abhängigkeit immer enger an den Knaben Ronny - denn nur gemeinsam kann es ihnen letztendlich gelingen, in das berüchtigte schwule Badehaus, dem Zentrum aller dunklen Machenschaften, vorzudringen.

Leo Feks "Die leere Mitte" bietet Hochspannung von der ersten bis zur letzten Seite, auch wenn der aus der Tiefe schimmernde literarische Stil so manchem Leser einige Seiten Gewöhnungsphase abverlangen könnte. Verpackt in die kriminalistische Handlung entwickelt Feks spielerische Variationen jenes Horrors, der in heile Vorgartenidyllen und über unbescholtene Bürger hereinzubrechen vermag, die urplötzlich in ein Verbrechen verwickelt werden. Er konfrontiert zugleich mit der inneren Leere Ronnies, seiner Ziel- und Haltlosigkeit und seiner Gratwanderung zwischen dem Überlebenszwang in der Erwachsenenwelt und der kindlichen Suche nach Wärme und Geborgenheit.

Als Kölner Autor wußte Feks die Handlung in einen detailgenauen Stadt- und Milieurahmen einzuarbeiten. Zugleich weiß er mit blühender Phantasie, dem Spiel mit Klischees und mit ironischen Brechungen zu überzeugen. Immer wieder durchbricht er fabulierend die Grenzen vertraut scheinender Realitäten. Sein schwules Badehaus bleibt kein gewöhnliches Badehaus, es verwandelt sich mit all seinem lustvollen Treiben, seinen geheimen Gängen, Kammern und verborgenen Katakomben in ein danteskes Labyrinth, in ein sexuelles Inferno mit dem Zentrum des Bösen im tiefsten Saunengrund. Drum herum spinnt sich die Handlung immer grotesker, absurder, ausweglos verworrener, ja bisweilen - in positivem Sinne - hanebüchen. Selbst allzu unglaubwürdige Details, wie das Schleppen von Leichen durch den 14jährigen über Hunderte von Metern, verzeiht man diesem souveränen Autor gerne mit komplizenhaftem Augenzwinkern. Denn gespannt nähern sich Leserin und Leser dem Showdown...

Leo Feks: "Die leere Mitte", MännerschwarmSkript Verlag Hamburg, 216 Seiten, DM 24,80
 


Weiße Jagd nach schwarzer Haut

"Wahnsinn und Wut"

Sieben Erzählungen von Walter Foelske

Alles Afrikanische, mein Herr, alles Jungafrikanische, ist das Lodernde! Weiße Knaben sind heiß. Afrikanische Knaben sind heißer. Der äthiopische Nevil in Köln ist der Heißeste! Ja, glauben Sie denn, ihm mit der schwarzen Madonna oder den Knochen der Heiligen Drei Könige das Wasser beziehungsweise den Saft abgraben zu können, oben im Kopf und unten zwischen den Beinen? Das Afrikanische steht, es steht nicht, es strotzt, und ich, Karl Kramp, soll das Strotzende verwalten wie eine Samenbank in einem Klinikum, wie die Spermaassistentin das Sperma im Reagenzglas?

Farbiger, Schwarzer, Neger, Nigger - ein roter, nein schwarzer! Faden durchzieht Walter Foelskes Erzählband "Wahnsinn und Wut". Eine Sammlung außergewöhnlicher Kurzgeschichten über die Sehnsucht des Weißen nach dem schwarzen Mann, über das Leiden weißhäutiger Männer an ihrem kraft- und blutleer empfundenen Dasein, über ihre Jagd nach dem vermeintlich Wilden, Urtümlichen, Kraftvollen im Schwarzen.

Aber Achtung! Wer "Wahnsinn und Wut" in Erwartung liebevoller Beziehungsschilderungen zwischen Farbigen und Weißen zu lesen trachtet, wer subtile Beschreibungen einfühlsamen Aufeinanderzugehens der Kulturen oder gemeinsamer Trommelabende erwartet, wird enttäuscht, mehr noch, wird von Foelske kraftvoll vor den Kopf geschlagen. Statt irreale Sozialromantiken oder Multikulti-Wunschbilder zu bedienen, zeichnet Foelske radikal schwarzweiß, steigert er den weißen Drang nach schwarzer Haut konsequent weiter bis in den absoluten Wahn. Foelskes Antihelden verbindet mehr als bloße Sehnsucht, ihre stete Suche nach farbiger Potenz wird zur Obsession, zu selbstzerstörerischer Gier. So wird für Kargk, Kischnitz, Kramp oder Kalk - Foelskes besondere Vorliebe für Namen mit "K" ist unverkennbar - das Objekt der Begierde eins mit einem Hochhaus, lassen sie sich für die ersehnte Nähe erniedrigen, schlagen und berauben, verändern sie ihr Leben bis zur Selbstaufgabe.

Foelske konfrontiert seine Leser mit Farbigen ohne Lifestyleglanz oder Palmenstrand, Schwarze, die nicht als Erotiktraum oder Lustobjekt am Urlaubsort zurückbleiben. Seine Farbigen wohnen im Kölner Sozialbau, im Erziehungsheim, fahren U-Bahn oder warten in Stricherkneipen. Sie sind nicht nur Ziel weißer Begierden, sondern Zielscheibe von offenem und - besonders unerträglich und perfide - latentem, verborgenem Rassismus in der Szenekneipe ebenso wie beim schwulen Kaffeekränzchen. In grotesken, bösen, wahnsinnigen Szenarien entlarvt Foelske Egoismen, Dummheit und weltanschauliche wie triebgesteuerte Interessen hinter schwarzenfreundlichen Fassaden. Er zwingt zu ständiger Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen, Werturteilen und der eigenen Einschätzung von Farbigen. Konsequent demontiert er die Mythen vom Schwarzen Mann, verzerrt und überspitzt er Klischees. Dabei spielt Foelske unentwegt mit den Erwartungen seiner Leser. Meisterlich skurril die Geschichte "Rausch oder Vom möglichen Ende des Erzählens", in der selbst die eigenen Figuren dem Autor zu entgleiten drohen. Bitterböse tabuverletzend die Brieferzählung "Nevil". Erschreckend das Aufeinandertreffen von farbigem Selbsthaß und weißer, eigennütziger Gönnerhaftigkeit in der Titelgeschichte "Wahnsinn und Wut".

Walter Foelskes sehr literarischer, perfekt komponierter Schreibstil macht den Erzählband weder stilistisch noch inhaltlich zu leichter Kost. Dennoch ist "Wahnsinn und Wut" ein ungemein lohnendes, spannendes und empfehlenswertes Buch. Und es könnte durchaus passieren, daß der Leser Farbige im bundesrepublikanischen Alltag schlagartig mit gänzlich anderen Augen betrachtet.

Walter Foelske:
"Wahnsinn und Wut", Schwarze Geschichten, MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 1998, 182 Seiten, DM 29,80


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