Veröffentlicht / Released: 26Nov98

(NSP 9812 #9)


Die Literarische 12/98
Romane ...
... Bildbände

Neues vom Büchermarkt
Vor-gelesen und -betrachtet
von Martin Droschke und Tanja Struss
.

- Die Baumeister

- Neue Coming-Out Broschüre

- Eberhard, die schwule Sau


Die Krypta der Lust übersetzen

gelesen von
Martin Droschke

 

Marcel Reich-Ranicki, obwohl vom Hörensagen keinem der zwei Menschengeschlechter zugeneigt, lobte Christoph Geisers Roman "Das Gefängnis der Wünsche".

Spekulieren wir, daß deshalb das neue Buch des Schweizer Schriftstellers "Die Baumeister" in den wichtigen Feuilletons großes Lob fand. Geiser beschwört, was dem moralischen Konsens der großen Feuilletons eigentlich fremd ist. Geiser ist schwul, explizit schwul und explizite Schwulenliteratur sind auch seine Romane. Allerdings ohne sich den Szenekontakten hinzugeben. Jünglinge sind das Objekt der Begierde in Geisers Büchern - appetitlich! von hinten! (...)die fruchtigen Bäckchen gegeneinander geschmiegt!". Begierde, erotischer Traum, Selbstbefriedigung am unerreichbaren Traumbild - virtueller Porno - sind die Themen seiner Romane, die Unvereinbarkeit sexueller Bedürfnisse mit der Realität, das Mißverhältnis von Projektion auf einen erdachten Sexualpartner und der vorprogrammierte Konflikt, würde sich unter dieser Voraussetzung eine konkrete Annäherung ergeben. Leicht gemacht hat es Geiser seinen Lesern noch nie.

In seinem Roman "die Baumeister" geht er soweit, sie zu quälen. Das Buch erzählt von masochistischer Sehnsucht. Perfekt hat Geiser die Lust am Schmerz formal umgesetzt.

Ausgangsort des Monologs, der im Rhythmus des Onanierens spricht, einer schlauchenden Abfolge selbstbefriedigenden Handanlegens nachahmt, ist die süße Pein des mittelalterlichen Folterkerkers. Geiser versenkt sich in die Bildwelt christlicher Mystik, die schon im Urbild des Jesus am Kreuz S/M-Erotik vermittelt: Befreiung durch Qual. Er befreit sich auf die Sprache der gotischen und Frührenaissance-Malerei, das Fegefeuer. In der Vorhölle der Lust verebbt der erste Hormonschub. die Lustdrüsen sind frei für das Eigentliche: Piratenfahrten auf dem Meer der Sehnsucht nach nie erreichbarem Jünglingsfleisch, 12- und 13jährigen Fischerknaben, deren Körper gebräunt und antikem Vorbild folgend, spartanisch gestählt sind. Unnahbare Trophäen der Lust.

Falls eine Freiwilligkeit der Buben etwas zu sagen hätte. Doch so weit kommt es nicht.
"Die Baumeister" ist eine Kopfgeburt, die zwar psychologisch bis ins Mark der Geilheit vordringt, aber als intellektuelles Konstrukt Nahbarkeit und Bodenhaftung vermissen läßt. Christoph Geiser ist kein Unterhalter, Handlung ersetzt er durch Bild- und Sprachmodule, die sich schon in Varia-tion durch ein Buch winden und rote Fäden ziehen. Literatur als abstrakte Kunst. Beschwert von einer Kathedrale aus Anspielungen auf Literatur- und Kunstgeschichte, die den Text zusätzlich verschlüsseln.

Kein Lesefutter zum Abends die Füße-Hochlegen. Christoph Geiser kennenzulernen, zu empfehlen, heißt, auf Älteres zurückzugreifen. "Kahn, Knabe, schnelle Fahrt" zum Beispiel. Geisers Roman, der eine Serie von vorauseilenden Romanen zu einem finalen Konglomerat vereinigt. Vielleicht deshalb Geisers klarstes Buch, weil es autobiographisch eingefärbt ist. Perfekt auch hier die Psychologie. Pubertät.

Das Nichtwissen um die eigene Sexualität verhindert, das eigene, das wirkliche Ich mit ins Erwachsenensein hinüber zu nehmen. ein nach-pubertierendes Ich erzählt vom Bedarf, seine Pubertät neu zu erleben und es des fortgeschrittenen Alters wegen nicht mehr zu können. Es entsteht nach innen ein emotionales Defizit, das das Ich zu sublimieren gezwungen ist, um seine Sexualzuordnung definieren zu können.

Es entsteht nach außen die Unvereinbarkeit zwischen gesellschaftlichem Moralkontext und innerem Wollen. Es entsteht Perversion. Wie "Die Baumeister" ist auch "Kahn, Knabe, schnelle Fahrt" kein Buch, das sich leicht herunterliest, Christoph Geiser, ein schwuler Romancier, der die Lesegewohnheiten der Szene nicht bedienen will.
 

Christoph Geiser: die Baumeister. eine Fiktion. Frauenfeld (Nagel & Kimche) 1998. 263 Seiten, 39,80 DM
 


Come Out

Mit ihrer neuen Broschüre richtet sich die DAH speziell an junge Schwule. Der Untertitel lautet dann auch "Für Jungs, die ihr Schwulsein entdecken". Eine deutsche Studie hat gerade erst wieder bestätigt was jeder schwuler Junge vom Land leidvoll erfahren muß: die weite Verbreitung von Vorurteilen führt bei vielen Jugendlichen zu Depressionen beim Coming-Out, einige sind suizidgefährdet und die üblichen sozialen Strukturen inklusive Sozialpädagogen sind oft nicht sensibilisiert für dieses Thema. Sogar die renommierte Zeitschrift Psychologie Heute ruft zu mehr Beschäftigung mit dem Thema auf, da nicht jeder Schwule und jede Lesbe auf ein schwullesbisches Begegnungszentrum in einer nahen Großstadt zurückgreifen kann. Diese Broschüre entspricht den Erwartungen, die wir an die DAH haben: unverkrampft, flippig, handlich und überall zu beziehen. Die brennendsten Fragen werden beantwortet, zehn junge Schwule zwischen 16 und 24 Jahren geben Auskunft über ihr erstes Mal, Gefühle für Jungs, sexuelle Treue, Analverkehr, Safer Sex und schwule Treffpunkte. sogar ein kleiner Anhang mit Büchern und Telefonnummern ist vorhanden. Prädikat: wertvoll.
 


Eberhard, die schwule Sau

gelesen von
Tanja Struss

 

Wer weiß schon, wie kleine Schweinchen aufgeklärt werden? Und wenn sie dann auch noch schwul sind? Eberhard hat´s gut. Eberhard hat eine Freundin, die ihm alles erklärt.

Aber fangen wir von vorne an. Die Geschichte ist eine wahre Geschichte: ein kleines Schweinchen, das ein bißchen anders ist als andere Schweinchen, wird vom Rest der Bauernhofbewohner geärgert. Parallelen zum Großstadtdschungel und zur eigenen Pubertät tun sich auf.

Jeder von uns hat sich doch mal gefragt, wieso es eigentlich immer "Schwule Sau" und nicht "Schwuler Eber" heißt. Was nun für viele von uns Fliederlich war, ist für Eberhard die olle Glucke Berta. Berta kennt sich aus in den Niederungen des Lebens. Sie weiß von Vorurteilen, von dummen Bemerkungen und gelegentlich, bei Mondenschein, spaziert sie philosophierend über den Hof. Berta ist eine Glucke mit Lebenserfahrung, die den kleinen, schwulen Eberhard unter ihre Fittiche nimmt. Gemeinsam machen sie sich auf Entdeckungstour durch die schweinisch-menschliche Sexualität. Eberhard erfährt von Männern, die sich lieben, von Brüdern, die sich mögen und immer wieder betont Berta, daß Schwulsein etwas Schönes ist.

Irgendwann versteht Eberhard die unterschiedlichen Arten der Liebe (schließlich war er sogar mal in eine Katze verliebt!) und schläft ein, Bauch an Bauch mit einer ollen Glucke. Es werden Begriffe erklärt, kindgerechte Bilder gezeigt und auch der Text schlingert nicht lange um gefährliche, weil sexuelle Themen herum. Lediglich die Abwechslung von Fettdruck zur Normalschrift stört auf Dauer, da sie uns allzu deutlich zeigt, welche Sätze und Begriffe denn nun wichtig sind.

Dennoch: Zum Vorlesen eignet es sich hervorragend; es gibt klare, einfache Antworten auf große Fragen.

Das Buch eignet sich hervorragend als Weihnachtsgeschenk für alle Lieben: Enkel, Geliebte, Mütter, Omas, Nichten, Neffen und sonstige Schweine.


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