Alter und Haarfarbe der deutschen Durchschnittshexe

von Thomas Becker, Bonn


Vor einiger Zeit erreichte mich folgende Anfrage:

Lieber Thomas,

ein Kollege hier hat Fragen zu diesem Thema. Daher wende ich mich an Dich als nicht unerhebliche Autorität (nicht nur) bezüglich dieses Themas. Hier die Fragen:

a) Wie alt ist die Durchschnittshexe?

b) Welche Haarfarbe hat diese, welche Utensilien führt sie gemeinhin mit sich

c) Gibt es geschichtliche Hinweise auf Hexen mit blonden Haupthaar und blauen Augen?

Zur ersten Frage:

Hinweise auf das Alter von Hexen lassen sich vielfach inden erhaltenen Prozeßquellen vorfinden. Sie weisen alle darauf hin, daß die typische Hexe eher eine alte Frau als eine junge ist. Bei Soldan/Heppe (Hexenprozesse) läßt sich dennoch kein Durchschnittsalter ermitteln.Vermutlich hilft hier das Werk von Preussler, der angibt, daß eine Hexe mit 127 Jahren noch nicht alt genug ist, um am Tanzvergnügen auf dem Blocksberg teilnehmen zu dürfen. Analog zum derzeit in der Bundesrepublik Deutschland geltenden Jugendschutzgesetz bzw. den in diesem Zusammenhang einschlägigen Bestimmungen über das Mindestalter von Jugendlichen beim Besuch von Tanzveranstaltungen ist eine mittlere Lebenserwartung von Hexen mit ca. 575 Jahren anzusetzen - vorausgesetzt, daß nicht durch übereifrige Inquisitoren oder Steuerfahnder die Existenzgrundlagen in erheblicher Weise beeinträchtigt werden, was selbstverständlich nicht ohne Auswirkungen auf den statistischen Durchschnitt bei der Lebenserwartung ist.

Zur zweiten Frage:

Entgegen landläufiger Meinung ist Hexe nicht gleich Hexe.Um noch einmal Preußler zu zitieren, gibt es Berghexen, Waldhexen, Sumpfhexen, Nebelhexen und Wetterhexen, Windhexen, Knusperhexen und Kräuterhexen (Preussler 1957, S. 9). Die moderne Hexenforschung dürfte dem noch etliches an Sorten hinzuzusetzen haben. Eine eindeutige Aussage zur Haarfarbe läßt sich daher nicht machen. Die ersten bekannten praktizierenden Hexen stammen aus der vordavidischen Epoche des alten Israel (z. B. die Hexe von Endor). Es ist anzunehmen, daß sie sich in ihrer Haarfarbe nicht von der übrigen Bevölkerung unterschieden haben, in der vermutlich schwarze Haare vorherrschend waren. Andererseits ist die Hexe, die dem Germanicus bei seinemVorstoß nach Niedersachsen begegnete, eine frühe Vorform unserer derzeitigen Kanzlersgattin gewesen. Es ist nicht auszuschließen, daß das hartnäckig wiederkehrende Vorurteil, Hexen seien in aller Regel rothaarig, seine Begründung darin hat, daß weibliche Wesen bis auf den heutigen Tag den Hang verspüren, ihre schöne kastanienbraune oder honigblonde Haarfarbe in ein hennagefärbtes Einheitsrot umzuwandeln. Bezüglich der Utensilien, die eine Hexe mitzuführen pflegt, ist es ebenfalls nicht einfach, eine pauschale Antwort zu geben. Die Frage der Utensilien ist hier wesentlich abhängig vom Zweck. Das Signifikante hexischer Existenz ist dabei natürlich der Flug durch die Luft. Hierzu sind diverse Fortbewegungsmittel zu nennen. Ich zitiere aus der "Blocksberges Verrichtung oder ausführlicher geographischer Bericht/ von den hohen trefflich alt- und beruehmten Blocks=Berge ingleichen von der Hexenfahrt/ und Zauber-Sabbathe/ so auff solchen Berge die Unholden aus gantz Teutschland/ jährlich den 1.Maijin Sancte Walpurgis Nacht anstellen sollen ..." des Johannes Praetorius(Frankfurt 1669):

Von den Mitteln, vermöge welcher die Hexen zu ihren Versammlungen fahren

Wenn wir uns in den Historien und mancherlei Geschichten umsehen, so findet es sich, daß die Hexen unterschiedliche Instrumente, ihrer eigenen Aussage nach, gebrauchen, um zu den Orten, an welchen sie ihre Zusammenkunft zu haben pflegen, insbesondere aber zum Blocksberg, hinzukutschen, als da sind teils lebendige Tiere, nämlich Böcke, Ziegen, Kälber, Pegasi oder fliegende Pferde, Säue, Wölfe, Katzen und Hunde, teils leblose Dinge wie Rocken, Ofenkrückeln, Ofen, Mist- und Heugabeln, Schaufeln, Besen, Raufen, Backtröge und Mulden wie auch Kleiderbürsten, Hüte, Mäntel und dergleichen. Davon schreibt Bodinus: Die Hexenfahrt anbelangend, habe ich vielfach gelesen, daß diese bisweilen mit Einsalben, bisweilen auch ohne Einsalben vor sich gegangen sei, etwa auf einem Bock, bisweilen auf einem fliegenden Pferde, manchmal auf Besen, zu Zeiten auf einem Stecken, vielmals ohne Stecken und ohne irgendein Tier. Etliche fahren ganz nackt dahin, etliche aber bekleidet, etliche des Nachts, etliche des Tages; doch geschieht es gewöhnlich des Nachts, und zwar in derNacht, die da ist zwischen dem Montag und Dienstag. Damit stimmt auch überein Wolfgang Hildebrand in seiner »Theurgia«, wenn er dort schreibt, daß die Hexen, wenn sie auf ihr Fest und nach ihren Versammlungen ziehen wollen, sich setzen auf Stecken, Gabeln, Wölfe, Geißen, Katzen, auch ihre Zeremonien dazu gebrauchen und sich salben mit Katzen-, Hunde-, Esels- oder Wolfsschmalz und dann an ihre gewissen Orter, dahin zu kommen sie durch ihre Pedellen berufen sind, durch die Luft fahren, zum Rauchloch und Kamin hinaus. Und er vergleicht ihr Fahren mit einem starken Windeswehen, das eine Feder von der Erde aufhebt, in die Höhe führt und vor sich hertreibt, bis dahin, wo er aufhört zu wehen.

Sofern Dein Kollege in seiner näheren Umgebung eine Dame haben sollte, die einen Ziegenbock als Haustier hat, dann ist höchste Vorsicht geboten, vor allem, wenn sie sich in letzter Zeit die Haare rotgefärbt hat.

Zur dritten Frage:

Es ist als eindeutig erwiesen anzusehen, daß unter den weiblichen Personen, die in den vergangenen Jahrhunderten wegen Hexerei rechtskräftig verurteilt worden sind, etliche blond und blauäugig gewesen sind. Gleiches gilt auch für verschiedene moderne Hexen (z.B. Hilfe - Meine Frau ist übersinnlich, Hollywood 1941). Allerdings gilt es in der seriösen Wissenschaft nicht als korrekt, daraus den Umkehrschluß zu ziehen. Nach der communis opinio der Hexenforschung ist die Tatsache, daß eine Frau blond ist, kein signifikanter Hinweis darauf, daß sie eine Hexe ist. Um herauszufinden, ob eine blonde Frau eine Hexe ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zunächst einmal ist es sinnvoll, durch Beobachtung Fakten zu sichern. So empfiehlt es sich z.B. ihre Wohnung zu beobachten, um festzustellen, ob sie sich des Nachts (vor allem in der Nacht vom 30.04. auf den 01.05.) nackt aus ihrem Schornstein schwebend auf einem der oben beschriebenen Geräte in die Lüfte hebt. Dies sollte einen hinreichenden Verdacht begründen. Sofern sich hier keine eindeutigen Beobachtungen machen lassen, läßt sich immer noch hoffen, daß durch das Empfangen zwischenmenschlicher Signale Klarheit geschaffen werden kann. Der Begriff "Hexe" ist nämlich erst in unserer heutigen Zeit allgemein gebräuchlich geworden. Frühere Jahrhundert (s. o. den Titel des Buches von Praetorius) sprachen dagegen von "Unholden". Daher reichte es vielleicht Deinem Kollegen schon aus, mit der entsprechenden Dame einmal auszugehen. Sollte sie ihm dann hold sein - oder er ihr - kann es sich auf keinen Fall um eine Hexe handeln.

Ich werde Deine Anfrage noch an einige kompetente Kolleginnen und Kollegen weiterschicken. Vielleicht haben sie noch Ergänzungen zu meinen Ausführungen

Viele Grüße

Dein

Thomas


(c) 1999 by Thomas Becker, Bonn