"care for kids is care for future"
Bericht über das Essener Symposium
Das internationale Essener Symposium zum Thema Passivrauchen und Kinder fand am 24. und 25. August 1998 im Universitätsklinikum Essen statt. Der Initiator und Organisator der Veranstaltung war Professor Ed Nelson, Leiter der Arbeitsgruppe Toxikologie am Institut für Hygiene und Arbeitsmedizin der Medizinischen Einrichtung der Universität-GHS Essen. Mehr als 100 Teilnehmer aus Kanada, China, England, Estonien, Frankreich, Hongkong, Irland, Holland, Norwegen, Polen, Schottland, USA und Deutschland haben an diesem rein akademischen Kongreß teilgenommen.
Während einige Wissenschaftler aus Estonien und Hongkong über die Prävalenz von Passivrauchen bei Kindern im Schulalter berichteten, erwähnten einige andere die erhöhte Inzidenz respiratorischer Erkrankungen bei Kindern insbesondere bei Allergikern und Asthmatikern. Köhler und Mitarbeiter aus Magdeburg untersuchten die Intensität von Passivrauchen bei Säuglingen und Kindern mit respiratorischen Erkrankungen und verglichen diese Befunde mit den Aussagen der Eltern. Als Bestätigung der Expositionsintensität dienten Harnproben dieser Kinder, die auf Cotinin und trans-3`-hydroxycotinin (Stoffwechselprodukte des Nikotins) getestet wurden. Sie kamen zu dem Schluß, daß die Eltern von Säuglingen und Kleinkindern mit ernsthaften Lungenerkrankungen dem Arzt gegenüber die Exposition der Kinder zu Passivrauch bewußt gering angeben oder ganz verschweigen. Diese Befunde basierten auf Untersuchungen an 295 Kindern im Alter von 2 Wochen bis 11 Jahren.
Um herauszufinden, ob eine Beratung der Eltern von asthmatischen Kindern unter Empfehlung, daß das Rauchen eingestellt werden sollte oder das Rauchverhalten reduziert werden sollte, die Situation der Kinder verbessern könne, haben Irvine und Mitarbeiter aus Schottland 501 Familien randomisiert ausgesucht und ihre Intervention durchgeführt. Als Kontrolle der Kinderexposition zum Tabakrauch wurde Cotinin im Speichel von Kindern bestimmt. Ein Jahr nach dieser Untersuchung und mehrfacher intensiver Beratung der Eltern wurde wiederum der Speichel der Kinder auf Cotinin getestet. Es konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen erster und zweiter Untersuchung nachgewiesen werden. D.h. es ist bewiesen, daß die Eltern ihre Rauchgewohnheiten nicht aufgeben oder die Intensität minimieren, um die Gesundheit des eigenen Kindes zu sichern.
Luck und Mitarbeiter aus Berlin beobachteten 307 deutsche Kinder im Alter von 1-5 Jahren und fand eine Reduktion der Kindesexposition zum Zigarettenrauch mit Eintritt ins Kindergartenalter. Es wurde nachgewiesen, daß Cotinin im Harn die höchste Konzentration im Alter von 1 Jahr erreichen kann, was ihre Ausscheidung jedoch abhängig von Jahreszeit, Wohnungsgröße und in utero erworbener Empfindlichkeit durch Atopie der Mutter ist.
Als häufigste respiratorische Symptome bei 3964 Kindern im Alter von 8-13 Jahren aus 30 Schulen in Hong Kong, die zu Hause zumindest mit einem Raucher zusammenwohnen hat Lam über Halsbeschwerden, Husten, Schleim im Hals, Keuchen und Nasenschleimhautirritationen berichtet. Der norwegische Toxikologe Dybing faßte die Ergebnisse zahlreicher internationaler Studien über respiratorische Erkrankungen, Mittelohrinfektionen, Bronchitis, Pneumonie sowie plötzlicher Kindstod zusammen und fand eine sehr starke Beziehung zwischen der erhöhten Inzidenz von Rauchgewohnheiten zu Hause und Leiden der Kinder an respiratorischen Störungen sowie allergischen Reaktionen heraus. Diese Schlußfolgerung konnte durch die Ergebnisse experimenteller Arbeiten des amerikanischen Biologen Fan unterstützt werden, der eine Reduzierung der kritischen Funktion der Makrophagen in Defensmechanismus nach Exposition zu Nebenstromrauch der Zigaretten beobachtet hatten. Das Lungengewebe von Säuglingen wird in sofern beeinflußt, daß sich das Immunsystem gegen Infektionen nicht ausreichend wehren kann. Nach den Ergebnissen von Kulig und Mitarbeiter aus Berlin führt prä- und postnatales Passivrauchen zu zusätzlicher früher Sensibilisierung (erhöhte spezifische IgE) des Kleinkindes und dadurch zu signifikant erhöhten allergischen Reaktionen gegenüber Nahrungsmitteln. Die erhöhte IgE scheint beschränkt auf Nahrungsmittelallergene und nicht auf inhalative Allergene zu sein.
Der niederländische Wissenschaftler Orlebeke konnte anhand eigener Studien nachweisen, daß kombinierte genetische Faktoren und mütterliche Rauchgewohnheiten während der Schwangerschaft einen signifikanten Einfluß auf die Ätiologie von Kindesstrabismus haben. Eine solche Beziehung konnte für väterliches Rauchverhalten während der Schwangerschaft der Frau noch nicht geklärt werden, steht jedoch im Verdacht.
Mehrere Wissenschaftler haben sich mit laborbezogenen Untersuchungen der Marker der passiven Exposition der Kinder zu Tabakrauch befaßt. Die Bochumer Pädiater Nüßlein und Mitarbeiter konnten nachweisen, daß lediglich die Bestimmung von Cotinin im Mekonium zu deutlicher Assoziation mit respiratorischen Erkrankungen von Säuglingen während der ersten sechs Monate nach der Geburt führen kann. Es wurde daher vorgeschlagen, eine Untersuchung des Mohnsaftes auf Cotinin in die Anamneseerhebung einzuschließen. Bei größeren Kindern kann nach Phillips und Mitarbeitern aus England der Speichel des Kindes auf Cotinin untersucht werden; nach Julia Klein aus Kanada ist eine Haaranalyse für solche Zwecke geeignet.
Eine direkte Beziehung zwischen eventuellen Mißbildungen des Kindes und mütterlicher Rauchgewohnheit während der Gravidität ist seit Jahren bekannt. Es wurde auch angenommen, daß Passivrauchen der Mutter während der Schwangerschaft ebenso zu Entwicklungsstörungen beim Kind führen kann. Innerhalb des letzten Jahrzehnts wurden zahlreiche medizinische Literaturen veröffentlicht, die zweifellos nachweisen konnten, daß das väterliche Rauchverhalten zur Frühgeburt und reduziertem Körpergewicht des Kindes führen kann. Im Gegensatz zu diesen internationalen Befunden fand die polnische Arbeitsgruppe von Hanke sowohl Gewichtsverlust bei Kindern passivrauchender Mütter heraus, ihre Ergebnisse waren statistisch gesehen grenzwertig signifikant. Die Autoren haben gleichzeitig die Validität der eigenen Untersuchungsmethoden wegen der niedrigen Spezifizität und fehlerhafter Mißachtung der regionenspezifischen Ernährungsgewohnheiten und Gewichtszunahme der Muttern zugegeben . Die polnische Wissenschaftlerin Florek konnte nach einer tierexperimentellen Studie an Ratten nachweisen, daß nach passiver Exposition der Mutter während der Schwangerschaft ein akutes respiratorisches Distress-Syndrom beim Feten zu beobachten ist.
Nach mehrjährigen experimentellen Studien der Essener Arbeitsgruppe von Nelson konnte nachgewiesen werden, daß schon nach Exposition einer schwangeren Ratten zum Nebenstromrauch einer einzigen Zigarette eine 40%ige Reduktion des Körpergewichtes und des Körpermaßindexes zu beobachten ist. Bei den meisten belasteten Feten waren Retardierungen der Ossifikation häufig. Nach mikroskopischen Untersuchungen von Lunge, Magen, Darm, Leber und Nieren der Feten konnten ebenso jeweils histopathologische Veränderungen wie Hyperplasie der Bronchialmuskulatur, proliferierende Gallengänge, unreife Glomeruli und mesenchymale Veränderungen der Niere, sowie Apoptosen in verschiedenen Geweben beobachtet werden. Die Autoren kamen zu der Schlußfolgerung, daß Passivrauchen während der Schwangerschaft zu einer deutlichen Entwicklungsstörung des Kindes führt.
Sasco und Vainio aus der internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon evaluierten die 50 veröffentlichten internationalen epidemiologischen Studien über die Beziehung zwischen Rauchexposition während der Schwangerschaft und Krebsentstehung bei Kindern und fanden heraus, daß obwohl die Mehrheit der Veröffentlichungen, die über solches Krebsrisiko bei Kindern berichten, das mütterliche aktive Rauchverhalten berücksichtigen, es existieren jedoch Daten, die auf mütterliches Passivrauchen bzw. die Wirkung von väterlicher Rauchgewohnheit während der Schwangerschaft der Mutter und eine erhöhte Inzidenz der Gehirntumoren sowie Leukämie/Lymphom beim Neugeborenen hinweisen. In einigen Studien wird auf ein höheres Risiko nach väterlichem als nach mütterlichem Rauchverhalten hingewiesen. Die Autoren kamen zu dem Schluß, daß, obwohl das errechnete Risiko statistisch gesehen kein sehr hohes Magnitud erreicht, ein schwaches, aber immerhin deutlich erhöhtes Krebsrisiko für Kinder zubefürchten ist. Kombiniert man dieses mit der Tatsache, daß Nebenstromrauch von Zigaretten reich an gentoxischen und krebserzeugenden Substanzen ist, die schon direkt oder nach der Verstoffwechselung die Feten erreichen, sollte man verstärkt an prophylaktische Maßnahmen denken.
Als letzte Sitzung des Symposiums wurde eine Diskussionsrunde veranstaltet. Es wurde vorgeschlagen, daß präventive Maßnahmen Strategien verfolgen sollten, wobei nicht nur Ärzte bei der Beratung der Eltern, sondern auch Massenmedien und Werbeagenturen in direkter und indirekter Aufklärung der Risiken sehr hilfreich sein können. Es wurde ebenso auf die Notwendigkeit der Früherziehung der Kinder vom Kindergartenalter an über die Qualität des rauchfreien Lebens hingewiesen. Weiterhin können die Krankenkassen zu eigenen Gunsten regelmäßige indirekte erzieherische Veranstaltungen für Raucherfamilien organisieren.
Die vollständigen Manuskripte aller Vortragenden des Symposiums sind im April 1999 in englischer Sprache in der Internationalen Zeitschrift "Human and Experimental Toxicology" veröffentlicht worden.
Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. Ed Nelson
Arbeitsgruppe Toxikologie
Institut für Hygiene & Arbeitsmedizin
Universitätsklinikum
Hufelandstr. 55
D-45147 Essen
Fax: (0201) 723-5956
E-mail: Klicken Sie hier