Die Grenze selbst hatten wir um 0:05 Uhr erreicht. Es herrschte großer Andrang und erst um 3:10 Uhr waren wir mit den Formalitäten an der Grenze fertig. Kaum waren wir wieder in Tunesien, wurde das Wechselgeld von den Zöllnern einbehalten. Aufregen bringt nichts, es ist nun mal so: Die einen haben Recht und Ordnung, die anderen dafür halt eine Demokratie. Am besten gleich weg. Solange der Diesel läuft ist man meist vor ihr sicher. Auch die libyschen Dinare wurden nicht - wie es scheinbar üblich ist - eingewechselt, auch wenn sich der Michl wieder mal besonders schlau vorkam: Ich war in so einer Barrake, um unsere Pässe abzuholen, die dort gestempelt wurden. Als ich zurückkam, stand eine Traube Tunesier um das Auto. Ich stieg ein und machte als erstes die Knöpfe herunter.
"Was los? Was wollen die?"
Michl: "Die wollen die libyschen Dinare haben. Ich habe ihnen gesagt, daß wir keine zurückbekommen haben, aber die wollen's mir nicht glauben."
"Ja mei, Michl, das ist ja auch irgendwo kein Wunder. Ich würde es Dir auch nicht glauben, wenn der Handschuhfachdeckel offen ist und das Geld offen im Rampenlicht liegt..."
"Ahhh... Hergott, Scheiße..." Ich sagte dann zu dem deutschbrockensprechenden Tunesier, daß hier nichts gewechselt wird, weil wir das alles im nächsten Jahr noch bräuchten und sie zogen nach einen kleinen Hin und Her, von dannen. Ich frage mich, warum sie es nicht einfach genommen haben ohne zu fragen.
Vor uns lagen nun 640 km bis zum Hafen von Tunis und wir fuhren noch bis etwa 66 km vor Medenine, wo wir uns einige Stunden ausruhten, hier nicht unter freiem Himmel, sondern im Auto bei verriegelten Türen und startbereitem Motor - nicht, daß am Ende der Rückweg zu Fuß oder in einer Holzkiste fortgesetzt werden muß. Kleiner Scherz. Tunesien ist nicht wirklich gefährlich, mir gefällt's dort halt nicht, erstrecht nicht, wenn man gerade aus Libyen einreist.
In der Frühe hielten wir in Medenine an um Frühstück klarzumachen, in der Hoffnung, daß wir diesmal vielleicht das Wechselgeld zurückerhalten würden. Fehlanzeige! Aber egal. Wieder dieser Drang, möglichst schnell dieses Land zu verlassen. Es gefiel uns immer noch nicht. Bis Tunis wurde nicht mehr angehalten.
Kurz vor halb drei nachmittags wurde der Tank in La Goulette (Tunis) mit dem für europäische Verhältnisse immer noch relativ billigen tunesischen Diesel gefüllt (hier bekamen wir sogar zur Abwechslung mal das Wechselgeld zurück) und dann kam die stressige Hafenprozedur.
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| Im Hafen von Tunis herrschte, wie erwartet großer Andrang. Noch steht alles schön in Reihen geordnet und wartet darauf, daß das Tor aufgeht. |
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Mein Kamelschädel sollte bei den tunesischen Zöllnern noch für ein wenig Verwirrung sorgen. |
Wenn das Hafentor geöffnet wird, werden aus den 10 bis 15 Spuren im Vorhafengelände nur noch drei. Dann geht das große Geschubse und Gedränge wieder los. Besonders spaßig ist es, zu sehen, wie sich die Deutschen und Österreicher anstellen. Die fahren meist als letzte durch das Hafentor, obgleich sie schon deutschorthodox überpünktlich Stunden vor allen anderen am Hafen stehen, um einen guten Platz zu erwischen. Damit kommt man hier nicht weit. Man braucht so einem bloß "zu nah", das heißt auf einen halben Meter an den Karren zu fahren und schon bremst er und fällt zurück. Tja, wer bremst verliert. Anders die Araber. Die lassen sich dadurch nicht schrecken, weil sie wissen, daß keiner wirklich Lust auf eine Dulle hat, also fahren die und drängeln mit.
Die Fähre hatte Verspätung und die Warterei zehrte an den Nerven. Es herrschte eine ganz widerliche schwüle Hitze und die Klima funktioniert nicht, wenn der Motor nicht läuft. Und dafür, daß er nicht lief, sorgten allein die Zöllner.
Diese meinten auch, sich an meinem Kamelschädel aufhängen zu müssen, ein Zöllner nahm in vom Gepäckträger, trug ihn vor, legte ihn auf einen Tresen und rief seinen Vorgesetzten. Solange der nicht kam, ging ich schnell zum Auto, holte meine Arbeitshandschuhe aus dem Kofferraum und machte sie hinten am Koppel fest. Dann stapfte ich gemütlich wieder vor. Der Chef kam gerade auch aus seinem Büro und wir trafen uns alle drei am Kamelschädel. Der eine Zöllner sagte zum Chef irgendwas auf Arabisch und deutete dabei auf den Kamelschädel, auf den Benz und auf meinen Schädel. Dn Chef schien das gar nicht zu interessieren und er drehte den Schädel halb in Gedanken versunken zu sich und ließ ihn ganz plötzlich wieder aus, wohl als er auf die verwesenden Hautfetzen langte, die auf einer Seite noch weghingen. Dann schrie er den Zöllner an und lief weg und gab mir gestikulierend zu verstehen, daß ich das Zeug da wieder mitnehmen soll. Ich zog meine Arbeitshandschuhe an, nahm meinen Kopf und machte ihn wieder am Auto fest. Der Zöllner ließ mich in Ruhe, hatte immerhin wegen mir einen Anschiß bekommen, war auch gut so, soll sich gefälligst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern.
Die "Dame M" traf mit über 3 Stunden Verspätung ein und erst um zehn nach sieben waren wir im Frachtraum.
Es war der 7.196. Kilometer dieser Reise, davon wurden 6.573 in Afrika zurückgelegt.
Samstag, 12. September 1998
Den verbrachten wir auf der Fähre. Wir kamen in einen Sturm. Windgeschwindigkeiten von bis zu 160 km/h mit 8-10m hohen Wellen, wie der Kapitän später bekanntgab. Überall hingen die Kotztüten. Mein Magen ist seefest, der von Michl ist aus Stahl, so daß wir unsere Helle freude am Sturm hatten. Der war wirklich hübsch. Ich machte ein paar versuche mit der Schwerkraft. Wir gingen so weit nach vorn, wie möglich und wenn der Bug eine Abwärtsbewegung machte, versuchte ich mit möglichst wenig Kraft zu springen, was so weit vorne schon fast von selbst ging. Als ich mir dann an der Decke den Schädel angeschlagen hatte, ließ ich den Spaß bleiben und wir begaben uns in die Bar. Ich stand mit der Videokamera in der Bugbar und filmte gerade die Brecher, die über das Deck orgelten. Gerade zum richtigen Zeitpunkt, denn wir durften miterleben, wie einer dieser Brecher ein Fenster eindrückte. Hat was. Sofort kam Schiffspersonal und warf uns raus. In gewisser Weise verständlich.
Sonntag, 13. September 1998
Ausschiffen um 1:30 Uhr. Dabei herrschte absolutes Chaos. Anscheinend gilt es als nobel, die Autos alle vorwärts hineinfahren zu lassen, damit die Leute dann bei Ankunft auch ja alle wenden, kurbeln, hupen, fluchen und manövrieren müssen. Mein Nebelhorn war wohl doch etwas Laut. Frei nach Goethe:
"Nur wenn der Frachtraum widerschallt,
fühlt man erst recht des Basses Grundgewalt"
Schon nach den ersten erfolgreichen Versuchen, mir im Gewirr und im Gewoge Platz zu verschaffen, kam ein italienischer Wichtig angelaufen und schrie auf deutsch, ich solle das "Maul halten". Na gut, dann halt nicht, geht ja auch ohne Hupen und mir fiel ein, daß wir es ja gar nicht eilig hatten...
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"Wir fahren hin und her,
Wir fahren kreuz und quer..." |
Wir nahmen einen tunesischen Dr.rer.pol. bis München mit, den wir auf der Fähre kennengelernt hatten und der aufgrund der Verspätung seinen Zug verpaßt hatte. Ein angenehmer Mensch. Er wollte in Deutschland Urlaub machen und einige Wochen bleiben. Da er kein Visum für die Schweiz hatte fuhren wir über Österreich. 8:47 Uhr italienisch-österreichische Grenze überschritten, um 11:15 Uhr die österreichisch-deutsche.
Bald merkten wir, daß wir definitiv wieder in der BRD waren, der Dilletantismus der Ordnungshüter ist unverkennbar. Eine Reise nach Libyen zu machen und nicht eine einzige Maschinenpistole zu sehen zu bekommen paßt nicht ins Klischee. Dagegen mußte der deutsche Zoll schleunigst etwas unternehmen. Wir waren noch keine 20 Minuten in dieser freiheitlichen Republik, da zogen sie uns an der Auffahrt zu A95 Richtung München schon heraus. Sie waren zu fünft. Einer hatte eine MP vor seinem Bierbauch, was eher erheiternd aussah als respekteinflößend, weil ein Blinder mit dem Stock spürte, daß dieser grenzwertige Typ bei Gebrauch der Waffe höchstens seine Kollegen, sich selbst oder Unbeteiligte treffen würde, nur nicht das, was er treffen will. Die nächste Witzfigur hatte ein rosarotes Jakett an und dazu eine gelbe Krawatte - richtig schick, das Püppchen. Bei schönem Wetter ist er wahrscheinlich im Minirock unterwegs. Bei strömendem Regen mußte ich den Kofferraum - zum ersten mal seit der Abfahrt in Augsburg - komplett ausladen, damit die Herren feststellen konnten, daß ich nichts interessantes dabei hatte. Als sie die ganz oben liegende Packung Zucker erblickten, glaubten sie wohl, einen großen Fang gemacht zu haben: "Aha. Gehen's mal a Stück zurück. Was ist denn das?" "Kokain, wahrscheinlich. So transportiert man das, wenn man nicht erwischt werden will." - wenn die immer nur von sich auf andere schließen und Kokainschmuggler auch für so blöd halten, wie sie es selbst sind, dann dürfen sie sich nicht wundern, warum sie die nicht erwischen. Unser tunesischer Gast wurde von ihnen einerseits nicht für voll genommen und andererseits wie ein Verbrecher behandelt (Wörtlich: "Sie kommen aus dem Süden und wir nehmen an, daß Sie Drogen dabei haben könnten. Geben Sie's lieber gleich zu, es ist besser für Sie."), bis sie in seinen Papieren den Dr.-Titel (er hatte 69 in Wien promoviert) und den in Österreich ausgestellten Führerschein sahen und feststellen mußten, daß er im Gegensatz zu ihnen die deutsche Grammatik beherrschte. Dann wurde der Ton etwas freundlicher: "Lassen's nur, ich trage ihnen den Koffer schon zurück" "Jaja... kann ich selber", war seine Antwort. Obwohl sie sich zu viert in mein Auto setzten (wir standen derweil im Regen, denn unterstellen durften wir uns nicht und wer nimmt schon auf einer Libyenreise einen Regenschirm mit?), mein Jakett zerrissen (aus Versehen) und die Briefe öffneten (mit Absicht), die mir die Mädels gaben, um sie von der BRD aus abzuschicken, fanden sie nach knappen 45 Minuten nur meinen abgelaufenen Personalausweis. Super! Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet, der immerfort an schalem Zeuge klebt, mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn er Regenwürmer findet..." Tolle Leistung. Ein Schlag, von dem sich die internationale Kriminalität wohl nur schwer erholen dürfte. In Libyen jagt die Polizei die paar Verbrecher, die frei herumlaufen und hier jagt sie kaputte Autolichter und Ähnliches, weil ihre Unfähigkeit die Beseitigung von echten Problemen kaum zuläßt. Die 40 Liter Diesel in den Kanistern, die zwei Stangen Cigaretten zuviel und die Reifen, die wirklich schon kriminell waren, weil stellenweise das Weiße schon zu sehen war, bemerkten sie natürlich nicht, sie sind ja blöd, also war die "Kontrolle" völlig sinnlos und wurde nur durchgeführt, damit es so aussieht, als würden sie für ihr Geld auch was tun. Ab und zu erwischen sie dann doch mal einen Blöden und das kommt gleich ins Lokalradio. Solche Nichtskönner würde ich nicht mal in meinem Garten das Laub zusammenrechen lassen.
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So sieht also eine Polizeikontrolle in einem "Rechtsstaat" aus...
(Dieses Bild schoß ich vom Fahrersitz aus, während zwei Zollbeamte den Michl (1.v.l) und zwei meine Rückbank auseinandernahmen.) |
...und so in einem "Unrechtsstaat".
(v.l.n.r.: Dienststellenchef, Hans, Michl, Almut und 2 Polizisten) |
Sowas gehört doch angezündet und ich entschuldigte mich bei Dr. Litaiem, daß das hierzulande noch nicht geschehen wäre. Ich hatte schon wieder so ein Wut im Bauch und war noch keine Stunde wieder in diesem Dreckshaufen von einer Bananenrepublik zurück. Dieser uniformierte Müll kann einem wirklich den Tag versauen. Hass!
14:45 Uhr Ankunft in Augsburg.
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| Nach der Heimkehr in der Hofeinfahrt. |
Sämtliche Ausrüstungs- und Gepäcksgegenstände waren noch im Wagen bzw. auf dem Dachträger. Der Treibstoffvorrat war so berechnet, daß man ohne Versorgung eine Strecke von ca. 2000 km zurücklegen konnte. Es endete in einem gewissen Dilemma: Ohne die Kanister wären die Pisten vermutlich zu befahren gewesen, hätte man das aber getan, wäre ein gewisser Vorrat unabdingbar gewesen, der aber wiederum ein Befahren dieser Pisten nicht zuließ. Facit: Das Auto mußte höhergelegt werden.