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Geisterstunde

Auf einer Radtour durch Schottland, allein in menschenleeren Gegend, geriet ich eines Nachmittags in heftigen Regen. Unter einer alten Holzbruecke fand ich Schutz. Ich ass erstmal etwas, rauchte dann eine Pfeife. Doch der Regen wurde nicht schwaecher, eher heftiger. Einigen Tage zuvor hatte ich eine Flasche single malt Whiskey gekauft.

Es war an der Zeit, das Gepaeck etwas zu erleichtern, dachte ich mir. Ich oeffnete die Flasche und nuckelte so fuer mich hin. Die Nacht zuvor hatte ich in einer alten, halbverfallenen Huette verbracht. Ich hatte nicht besonders gut geschlafen. Die 80 Kilometer des Tages und der Alkohol gaben mir den Rest. Eine bleierne Muedigkeit befiel mich. Ich packte den Schlafsack aus und schlief sofort ein.

Ich hatte eine furchtbaren Traum:

Ich war scheintot. Man begrub mich ohne Sarg, bei vollem Bewusstsein. Es regnete und ich lag in einem nassen,kalten Grab, halb im Wasser. Ich wachte auf und sah den Grund fuer den Alptraum. Durch den heftigen Regen war der Fluss angestiegen. Meine Fuesse lagen im Wasser. Der Schlafsack hatte das Wasser angesaugt und war durch und durch nass.

Es war zehn Uhr abends. Im Schein der Taschenlampe studierte ich die Karte. Die naechste Ortschaft war dreissig Kilometer entfernt. Aber es war ziemlich unwahrscheinlich, dort noch eine Uebernachtungsmoeglichkeit zu finden.

Was blieb mir anderes uebrig, als weiter zu fahren. Fluchend packte ich den nassen Schlafsack ein und fuhr los, in der Hoffnung wenigstens eine Scheune zu finden, wo ich frierend die Nacht verbringen konnte. Doch nach wenigen Meilen glaubte ich, unheimliches Glueck zu haben.

Unheimlich sollte es ja schon werden, aber was das Glueck anging - na ja.

Ein Wegweiser, ein verwittertes Holzschild, zeigte zu einem Schloss und darunter stand:

Guests are welcome - at any time.

Vielleicht gab es ja eine Uebernachtungmoeglichkeit. Wenn nicht, vielleicht wuerden die Bewohner so freundlich sein, mir ein paar Pferdedecken fuer die Nacht zu geben und die Uebernachtung in einer Scheune gestatten.

Es war ein duesterer alter Kasten. In keinem der hohen Fenster sah ich Licht. Ich zog an der altertuemlichen Klingel.

Ein Mann, der sowohl von seinem Alter als auch von seinem Aussehen her perfekt zum Schloss passte, oeffnete die Tuer, die natuerlich laut knarrte. Er war wie der Butler in alten Filmen gekleidet. In der Hand hielt er einen Kerzenstaender mit drei brennden Kerzen.

"Good evening", sagte ich. 'Guten Abend', antwortete er auf deutsch. Ich war ziemlich ueberrascht. "Woher koennen sie deutsch?" Er ueberhoerte die Frage.

'Sir, Sie wuenschen?'

"Koennte ich hier uebernachten.", Ich deutete auf das Schild an der Tuer, auf dem ebenfalls stand: 'Guests are welcome - at any time.'

'Selbstverstaendlich, Sir. Wir freuen uns, sie willkommen zu heissen.'

"Schoen. Was kostet die Nacht bei Ihnen?" Ich waere bereit gewesen, fast jeden Preis zu zahlen.

'Sir, wir nehmen kein Geld von unseren Gaesten.'

Als erfahrener Reisender, der schon viele Laender der Erde erkundet hatte, glaubte ich, einen alten Trick zu erkennen . In Indien trifft man gelegentlich auf Rikschafahrer, die kein Geld fuer die Befoerderung verlangen.

Waehrend der Fahrt erzaehlen sie einem dann, dass sie einen Freund oder einen Bruder haben, der Kuenstler ist und laden den ahnungslosen Touristen ein, sich doch mal unverbindlich ein paar Kunstwerke anzuschauen. Dieser verlaesst dann Stunden spaeter den Ramschladen vollgepackt mit Souvenirs, die er zu voellig ueberhoehten Preisen gekauft hat.

Wahrscheinlich werden die Schlossbesitzer mir morgen ihre Sammlung von echtem alten Whiskey praesentieren und mich beschwatzen hundert Jahre alten Scotch zu einem suendhaften teuren Preis zu kaufen.

Die Gegenstrategie besteht darin, als Tourist immer auf einer Bezahlung zu bestehen, bevor man eine Leistung in Anspruch nimmt.

Ich gab dem Mann zwanzig Pfund, was guter Durchschnitt fuer die Uebernachtung in einem Privathaus war. Er nahm die Note, schaute sie interessiert an, drehte sie um.

'Queen Victoria ist nicht mehr Regentin?', stellte er dann fragend fest.

Queen Victoria ist anfangs dieses Jahrhunderts gestorben. 'Er will mich auf die Schippe nehmen.' dachte ich. Ich wollte ihm schon einen weiteren Schein rueberschieben, als er mir die Note zurueckgab. 'Sir, wir haben fuer Geld keine Verwendung hier!'

'Du altes Schlitzohr,' dachte ich, 'mehr als dressig Pfund werde ich morgen hier nicht liegen lassen, und wenn Du mir die Kronjuwelen zu einem Sonderpreis anbietest.'

Wir traten in das riesige Foyer. Im Kamin flackerte ein Feuer, das den Raum spaerlich beleuchtete. Jedes der Moebelstuecke hatte hier sicher schon am selben Platz gestanden, als Queen Victoria noch in die koeniglichen Windeln machte.

"Haben Sie Stromausfall heute?" fragte ich. 'Sir wir haben keine elektrische Energie hier. Wir.. '

Der markerschuetternde Schrei einer Frau unterbrach ihn.

"Was war das?"

'Lady McButcher!' antwortete er.

"Braucht die Dame vielleicht Hilfe?" fragte ich ihn.

'Jede Hilfe kaeme zu spaet. Lady McButcher wurde vor drei hundert Jahren von ihrem Gatten erdolcht. Sie schreit jede Nacht.'

Vielleicht wollten die hier wirklich nicht an mein Geld. Vielleicht gehoerte das Schloss einem alten Spinner, mit makabrem Humor, der sich ein Vergnuegen daraus machte, harmlose Touristen mit gespenstischen Inszenierungen zu erschrecken.

Bei mir war er an den Falschen geraten, dachte ich. Ganz cool gab ich zurueck:

"Ist aber noch ein bisschen frueh fuer die Geisterstunde. Was ereignet sich denn sonst noch nachts hier an Ungewoehnlichem? Nicht, dass ich mich am Ende noch erschrecke."

'Sir, in den letzten vierzig Jahren ist hier nichts geschehen, was als ungewoehnlich zu bezeichnen waere.'

"Und was ist vor vierzig Jahren geschehen?" frage ich und warte auf eine Schauergeschichte.

'Ein junger Mann, ein hartgesottener Bursche, der auf vielen Schlachtfeldern gekaempft hatte, der Tod und Teufel nicht fuerchtete, sass am Morgen in voelliger geistiger Umnachtung auf dem Boden seines Zimmers.

Aber seitdem hat sich, trotz zahlreicher Gaeste in jedem Jahr, ein solch bedauerlicher und ungewoehnlicher Zwischenfall nicht wiederholt.'

Wenn das alles, dann wuerde ich sicher eine ruhige Nacht verbringen.

"Na ja, kommt schon mal vor, dass einer ueber Nacht durchknallt. Einem Nachbarn meiner Eltern ging es auch so. Er hatte nachts einen Schlaganfall, der ihm die Festplatte neu formatierte. Er wusste am Morgen nicht mal mehr seinen Namen. Was ist denn daran ungewoehnlich?", sagte ich betont flapsig.

Er ueberhoerte die Frage. Spaeter sollte er sie dann doch noch beantworten und seine Antwort wuerde mich dazu bringen, fluchtartig das Haus zu verlassen und nicht wieder vom Fahrrad zu steigen bis der Morgen anbrach.

Zunaechst aber gingen wir die ebenfalls laut knarrende Treppe hoch. Oben angekommen, wir wollten gerade ins Zimmer gehen, schrie wieder eine Frau.

"Wieder Lady McButcher?" fragte ich und 'wie einfallslos!' dachte ich.

'Ja, die zweite Gattin des Lord McButcher.'

"Und die hat er auch erdolcht?"

'Seine Lordschaft geruhte, die zweite Gattin mit dem Schwerte zu enthaupten.'

"Wieviele Gattinnen geruhte denn seine Lordschaft ueber den Jordan zu schicken?"

'Die zweite war die letzte. Er wurde danach von seinem Sohn erwuergt. Sein Sohn aber uebertraff ihn bei weitem an Wildheit und Grausamkeit. Er pflegte seine Feinde ..'

Ich unterbrach ihn. "Ich bin jetzt etwas muede. Sagen Sie mir bitte einfach kurz, auf welche naechtlichen Erlebnisse ich mich gefasst machen muss?"

'ErLEBEN, Sir? ErLEBEN werden sie nichts in dieser Nacht.'

Er betonte das LEBEN so seltsam, dass meine Selbstsicherheit etwas ins Wanken geriet. Mir fiel mir ein, dass er die Frage von vorher nicht beantwortet hatte.

"Entschuldigen Sie bitte, Sir, Sie sagten mir noch nicht, ob jener Unglueckliche, der hier dem Wahnsinn verfiel, etwas Ungewoehnliches erlebte?"

In seinem Gesicht zuckte etwas. Die erste Regung seiner Mimik.

'Sir, das Ungewoehnliche und Bedauerliche an jenem Vorfall war nicht, dass der Gast in der Nacht wahnsinnig wurde. Das Ungewoehnliche und Bedauerliche daran war, dass er am Morgen noch am Leben war.'